Auf dem Höhepunkt der gesellschaftlichen Revolte von 1968 versuchte sich der konservative Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis dem aufrührerischen Geschehen über den Begriff der Unruhe anzunähern. Ihm war aufgefallen, dass den Aktivitäten der Studenten beinahe selbstverständlich eine innere Rationalität attestiert wurde. Weil die Verhältnisse insbesondere an den Universitäten verknöchert gewesen seien, so der allgemeine Tenor, trugen die Studenten folgerichtig ihre Form von politischem Aktivismus auf die Straße und fanden dafür weithin Zustimmung.

Hennis hielt indes dagegen, dass das Aufbegehren wohl kaum hinreichend durch den Mangel an Reformen begründet werden konnte. Wohl niemals zuvor, so Hennis, habe Deutschland derart viele Veränderungen und Reformen erlebt wie in den Jahren zwischen 1948 und 1968. Den Grund für die gesellschaftliche Unruhe sah er also weniger in Versteinerung und Stagnation, sondern vielmehr in einem forcierten sozialen Wandel, der weit über die Lebensverhältnisse der Studenten hinausging. Den aufbegehrenden Studenten bescheinigte Hennis ein hohes Maß an Irrationalität.

Trotz einer satten historischen Erfahrung im Umgang mit den Formen gesellschaftlichen Protestes muss die enorme Wucht irritieren, mit der sich am Mittwoch in Frankfurt am Main die ungenierte Gewaltbereitschaft einiger hundert Randalierer entlud. Brennende Autos, verletzte Polizisten, offen attackierte Straßenbahnen. Die Angst ging um in Frankfurt, und binnen weniger Minuten sah sich die Mainmetropole und Goethestadt mit einer rasenden Bürgerkriegslust konfrontiert, von der ganz offensichtlich auch die Frankfurter Polizei und Feuerwehr überrascht worden waren.

Politische Argumente

Dabei hätte man sich auf einiges gefasst machen können. Es war unbedingt davon auszugehen, dass die auch bei früheren Anlässen gewiss nicht zartbesaitet auftretende Blockupy-Bewegung nicht gewillt sein würde, sich die Eröffnung des neuen Gebäudes der Europäischen Zentralbank (EZB) als Angriffsziel im direkten und übertragenen Sinn ihrer Aktivitäten entgehen zu lassen. Dem hoch im Frankfurter Ostend aufragenden neuen Symbol einer unnahbaren Geld- und Machtpolitik stellten sie eine Rauchsäule ihres Hasses entgegen.

Ganz ohne Argumente ist der politische Arm der Blockupy-Aktivisten nicht nach Frankfurt gereist. Die Europäische Zentralbank wird ausdrücklich für die „Sparpolitik und Verarmung“ in weiten Teilen Europas verantwortlich gemacht, und das wuchtige Gebäude versinnbildlicht für viele Kritiker die neue Position der EZB. Aus der Rolle eines den Geldwert sichernden Dienstleisters für Europa ist sie längst zum einflussreichen politischen Akteur geworden, dessen solitäre Stellung sich nun auch architektonisch manifestiert.

Aber aus dem Mangel einer möglicherweise unzureichenden Erklärung und Selbsterklärung der neuen Rolle der EZB führt keine nachvollziehbare Linie zur Eskalation der Gewalt. Die Blockupy-Bewegung nimmt zwar das Demonstrationsrecht für sich in Anspruch, leistet aber einen aggressiven Beitrag zu dessen Beschädigung. Da hilft auch der lapidare Verweis der Occupy-Organisatoren nicht weiter, dass die in vielen Ländern Europas vorherrschende Wut nun eben auch in Frankfurt angekommen sei. Brutale Straßengewalt ist kein gutes Beispiel für einen Transfer europäischer Stimmungslagen.

Innere Staatsfeindschaft

Eher schon sind die Frankfurter Krawalle ein weiteres Indiz dafür, dass gesellschaftliche Wut an den Rändern gut organisiert und gewaltbereit aufzutreten in der Lage ist. Jenseits der wie auch immer sich artikulierenden ideologischen Differenzen unterscheiden sich die Blockupy-Krieger nicht von Hooligans und Rechtsradikalen, die andernorts in Erscheinung treten, um besinnungslos prügelnd ihre Vorstellungen vom Abendland gegen eine vermeintliche Islamisierung zu verteidigen. Die deutsche Unruhe unserer Tage, so scheint es, ist von einer tiefsitzenden inneren Staatsfeindschaft beseelt, und die von ihr befallenen Akteure sind zunehmend dabei, sich aus dem Kraftfeld demokratischer Spielregeln zu entfernen.

Die politische Ratlosigkeit ist groß angesichts solcher Gewaltausbrüche, und eine einfache Antwort wird es auf die vielfältigen Formen ideologischer und religiöser Radikalisierung nicht geben. Mehr denn je aber wird deutlich, dass insbesondere auch demokratische Institutionen in einer komplizierter werdenden Welt zusätzliche Anstrengungen der Legitimation bedürfen. Neben der symbolischen Inszenierung durch ein Gebäude braucht es dringend auch Erläuterung darüber, was in ihm geschieht.