Berlin - Auf Youtube findet sich ein Video vom Europapokalspiel des 1. FC Kaiserslautern gegen den FC Barcelona aus dem Jahre 1991. Es zeigt die Westkurve, das Revier der Heim-Fans, vor dem Anpfiff. Die Tribüne ist in ein Meer aus roten bengalischen Feuern getaucht, einzelne Fans sind kaum mehr zu erkennen.

Der Kommentator des öffentlich-rechtlichen Fernsehens spricht vom „Betzenberg als Gesamtkunstwerk“, von einem „Fußballfest von Anfang an“ und von einer „Stimmung Marke 2000“.

Vor einer Woche zündeten Fans des 1. FC Kaiserslautern beim Pokalspiel in Frankfurt ebenfalls Pyrotechnik in ihrem Gästeblock. Die TV-Kommentatoren sprechen diesmal von „Chaoten“ und „Unverbesserlichen“, die Vereinsoberen sind erzürnt. In der öffentlichen Debatte werden die pyrotechnischen Aktionen munter verrührt mit den kriminellen Ausschreitungen rund um die Pokalspiele in Dortmund (gegen Dresden) und Frankfurt, mit gezielten Attacken auf Polizisten und Fangruppen, ja, sogar mit dem Hooligan-Überfall auf Daniel Bauer vom 1. FC Magdeburg.

Scheinheiligkeit der Beteiligten

Was ist heute anders als vor 20 Jahren? Gibt es eine neue Welle der Gewalt in deutschen Stadien? Und – wenn ja – wer ist daran schuld: Ultras? Hooligans? Hultras? Oder der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL), wie Bayern-Chef Rummenigge sagt?

Zwei Debatten müssen wir trennen, die um die Gewalt und die um die Pyrotechnik. Tatsächlich ist die Gewalt in den vergangenen Jahren wieder näher an und in die Stadien gerückt. Wir ahnen, dass dies eine gesellschaftliche Entwicklung widerspiegelt. Wir wissen, dass der Einsatz von mehr Polizisten diesen Trend nicht stoppen konnte. Dass Gästefans in einigen Stadien wie potenzielle Gewalttäter empfangen werden und in anderen sehr erfolgreich als Gäste.

Wenn aber die Fanarbeit und die Prävention hier versagt, dann hilft gegen die Gewalt um die Stadien nur Strafe für den Gewalttäter. Diese Debatte wird inzwischen längst auch in Fanforen geführt.

Die Scheinheiligkeit aller Beteiligten, gerade in der Debatte um die Pyrotechnik ist eine andere Sache. Hier wollten die Fans dem argumentativen Sprung von der bewunderten Stimmungsmache bis hin zum groben Verstoß nicht mehr folgen. Es tobt ein Stellvertreterkrieg um die Frage, wer der Hüter des traditionellen Fußballs ist. Die Fußballoberen haben den Sport zuletzt so kommerzialisiert, dass das für viele Fans nur schwer erträglich ist. Die TV-gerechten Anstoßzeiten sind den Anhängern ein Graus, die Mitnahme von Fanutensilien wird scharf reguliert. Der Streit um die Pyrotechnik ist ein Symbol für die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, als die Fackelei in den Kurven noch toleriert wurde.

DFB und DFL sind in Sachen Pyrotechnik einen Schritt auf die Fans zugegangen. Scheinheilig oder unprofessionell? Es gab Verhandlungen, Gespräche, ein Moratorium und anschließend viele Erinnerungslücken. Hinterher wollte von einer begrenzten Legalisierung kein Offizieller mehr etwas wissen – vielleicht, weil die rechtlich kaum möglich ist? Wir wissen es nicht. Nun aber stehen sich der Fußball und die Fans sprachlos gegenüber.

Fairness und Respekt sind gefragt

Sprachlos auch, weil die moderaten Fanvertreter radikale Flügel nicht unter Kontrolle halten können. Sie sind Gesprächspartner, aber − erfreulicherweise − nicht die Herren der Kurve. Ultras und andere organisierte Fangruppen sind nicht schuld an Gewalt und Eskalation, aber sie tun auch zu wenig dagegen. Gerade die Ultras sind zudem in manchem Fanlager umstritten, da sie gerne Noten an die eigenen Anhänger verteilen. Wo der DFB von guten und bösen Fans spricht, sprechen die Ultras von echten und von Event-Fans.

Die Lage ist verfahren, die Rechtslage laut DFB und DFL klar. Sie bestehen auf dem Pyrotechnik-Verbot, sehen keine Alternative. Gibt es tatsächlich keine? Ernsthaftes Bemühen sieht wohl anders aus.

Worauf wir jetzt angewiesen sind, sind einfache Werte wie Fairness und Respekt aller Beteiligten im Umfeld der Stadien. Hier allerdings gelangen wir leider unweigerlich an den Gipfel der Scheinheiligkeit, den deutschen Profifußball selbst. Er verkauft sich gerne als Sinnbild der Ur-Tugenden. Das Gegenteil ist der Fall und in zahllosen Zeitlupen zu bestaunen. Durch Schwalben erschummelte Elfmeter werden von Spielern, Trainern und Vereinsspitzen als Cleverness schöngeredet. Schiedsrichter werden auf dem Platz von Spielern penetrant beschimpft, später von manchen Trainern für Niederlagen verantwortlich gemacht. In Sachen Fairness und Respekt gibt kaum eine Sportart Woche für Woche ein derart jämmerliches Bild ab. Wann hat zuletzt ein Spieler auf Nachfrage eines Schiedsrichters einen Regelverstoß eingeräumt? Wie würden wir darauf reagieren?

Die Zivilcourage, die wir rund um die Stadien brauchen, nimmt im Fußball selbst ihren Anfang.