Im Schuldenstreit mit Griechenland folgt die nächste Woche der Wahrheit. Schon am Donnerstag soll es so weit sein. Dann werde Athen eine Kreditrate über 450 Millionen Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht bedienen. So sagte es kürzlich der griechische Innenminister Nikos Voutzis. Finanzminister Gianis Varoufakis hingegen verspricht artig die Rückzahlung des Kredits. In Griechenland herrscht weiter Verunsicherung über die Lage des Landes.

Am 14. April stehen kurzfristige Anleihen über 1,4 Milliarden Euro an. Die Partner aber halten Griechenland hin. Für diese Woche sind nur Gespräche der Euroarbeitsgruppe geplant. Entscheidungen über die Freigabe von Geldern stehen nicht an. Also verlegen sich beide Seiten wieder aufs Taktieren. Die Eurostaaten zögern Hilfszahlungen hinaus, die griechische Regierung kokettiert mit dem Staatsbankrott – und hofft, dass es die Europartner nicht zum Äußersten kommen lassen.

Die Geduld schwindet. Der neue Links-Premier Alexis Tsipras konnte nach seinem Wahlsieg zwar nicht mit Sympathie in Europa rechnen, aber auf Verständnis hoffen. Die Griechen haben die Sparpolitik abgewählt. Die soziale Bilanz der Eurorettungspolitik ist schließlich verheerend, jeder zweite Jugendliche in Griechenland ist ohne Job, 40 Prozent der Menschen haben keine Krankenversicherung. Zumindest aus der EU-Kommission gab es versöhnliche Signale. Seinen Kredit aber hat Premier Alexis Tsipras rasch verspielt. Durch handwerkliche Fehler und falsches Taktieren.

Hollande hat sich mit Merkel arrangiert

Deutschland steht im jüngsten Eurostreit daher auch nicht allein. In Spanien wird im Herbst gewählt, dort ist mit Podemos eine neue linke Kraft auf dem Vormarsch. Die Lust, Zugeständnisse an Tsipras zu machen, ist bei der spanischen Regierung entsprechend gering ausgeprägt. Auch Frankreichs Präsident François Hollande verspürt dazu wenig Neigung, zumal angesichts des Erfolgs der rechten Euro-Kritikerin Marine Le Pen.

Hollande hat sich zudem mit Angela Merkel arrangiert. Lange opponierte er gegen den Eurokurs der Kanzlerin, dann machte die Hollande im Ukraine-Konflikt zum Juniorpartner, und schon war es um den Sozialisten geschehen. Lieber an der Seite des Klassenprimus als allein im Regen. Italiens Premier Matteo Renzi wiederum hat Tsipras Regierung auf seine Art verprellt. Nach Beratungen erklärte er keck, um Italien stehe es aufgrund der hohen Schuldenquote ärger als um Griechenland. So umwirbt man Bündnispartner nicht.

Die Liste der griechischen Klagen über die Folgen der Sparpolitik ist lang. Und sie ist berechtigt. Doch ebenso lang ist die Liste der eigenen politischen Fehler. Tsipras wird diese Woche einen weiteren hinzufügen. Er fährt zum Antrittsbesuch nach Russland. Das ist diplomatischer Usus. Das Kokettieren mit einer Blockade der Russland-Sanktionen ist aber fatal. Europa wird sich nicht erpressen lassen. Nicht in dieser Frage.

Allerdings hängen die Themen Ukraine und Griechenland zusammen, wenn auch auf andere Art, als Tsipras sie zu verknüpfen sucht. Europa kämpft in der Ukraine für seine Werte Frieden und Demokratie, will aber außerdem die Überlegenheit seines freiheitlichen Wirtschaftsmodells demonstrieren; dazu gehört Wohlstand. Nur, dass dieses Modell – auch wegen der Defizite der Verwaltung – in Griechenland versagt.

Das Land steht noch immer vor dem Bankrott und dem Austritt aus der Eurozone. Bis 2020 muss es 126 Milliarden Euro an Zins und Tilgung aufbringen. Das kann es aus eigener Kraft gar nicht leisten. Europa steckt in der Eurokrise in einem Dilemma. Nötig wäre eine weitere Vertiefung der Integration, ja der Schritt zu einer Transferunion.

Gemeinsamer Währungsraum funktioniert nur als Transferunion

Ist Europa eine Schicksalsgemeinschaft? Das ist die eigentliche Frage, um die es in der Grexit-Debatte geht. Auch deshalb wird der Streit in dieser Schärfe geführt. Angesichts der angespannten Atmosphäre wagt niemand anzugehen, was unvermeidlich ist: ein Schuldenschnitt. Ein gemeinsamer Währungsraum funktioniert nur als Transferunion. Das ist die ungemütliche Wahrheit hinter dem Streit um Griechenland.

Ein erster symbolischer Schritt könnte schon im LuxLeaks-Streit um Steuergeschenke für Konzerne erfolgen. Europa sollte legale Steueroasen in seinen Grenzen erlauben, ganz nach dem Vorbild von Delaware in den USA. Die eingenommenen Gelder sollten dann an die EU fließen. Den europäischen Steueroasen Irland, Holland, Luxemburg blieben immerhin die Jobeffekte – in den Banken oder durch Firmenansiedlungen. Der Vorschlag kommt übrigens von einem Christdemokraten. Dem Luxemburger Europaabgeordneten Frank Engel. Manche denken eben taktisch. Und europäisch. Das ist der kleine Unterschied zu Tsipras.