Jetzt kommt niemand mehr auf die Idee, Deutschland eine Gelehrtenrepublik zu nennen. Was wäre das auch für eine Mogelpackung! Erst wurde dem Freiherrn zu Guttenberg der Doktortitel aberkannt, dann den FDP-Politikern Silvana Koch-Mehrin und Georgios Chatzimarkakis, der FDP-Beraterin Margarita Mathiopoulos, dem Berliner CDU-Fraktionschef Florian Graf.

Und nun gerät auch noch die politische Spitze der Wissensgesellschaft selbst ins Visier der Plagiatejäger, die Bildungsministerin Annette Schavan.

Dass ausgerechnet Politiker in diesem Umfang zum laxen Umgang mit Zitaten neigen ist erschreckend, weil das Zitieren eine ethisch besonders geschützte Form des Herstellens von Gemeinschaft ist. Im Zitieren schreitet die Gesellschaft als Forschungsgemeinschaft fort. Jedenfalls dem Anspruch nach.

Man wägt ab, was andere zum Thema gesagt haben, stellt die ungelösten Fragen heraus, markiert die Stelle, an der man weiterarbeiten möchte. Man positioniert sich im Geflecht von Zitaten, fordert ganze wissenschaftliche Schulen heraus, bekennt sich zu Ansätzen anderer.

Schavan muss sich erklären

Der Raum für diese eigenartige soziale Welt ist in Dissertationen der Raum unterm Strich, der Fußnotenraum. Hier werden Verwandte gesucht und Gegner ausgemacht, Fürsprecher zitiert und sich über Gegenargumente lustig gemacht. Mögliche Einwände aus der Zukunft werden schon mal vorab erledigt und Zeugen aus dem Mittelalter angerufen.

Unkundige halten Fußnoten für das leicht zu Vernachlässigende; das Gegenteil ist aber wahr. In der Fußnote betätigt sich der Wissenschaftler in der Einsamkeit seines Tuns als soziales Wesen1). Gehässigkeiten finden sich darin, wie auch Anbiederungen und mafiotische Rudelbildungen.

Und doch: Die Welt könnte so schön sein, wenn sie wie die Wissenschaft funktionierte, im halbwegs fairen Austausch sachlicher Argumente und im Auspendeln von Originalität und allgemeinem Kenntnisstand. Wenn aber nicht einmal die Wissenschaft mit ihren immensen Privilegien und Schutzzonen so funktioniert, wie sie sollte (und natürlich tut sie es nicht; man denke nur daran, wie schamlos, aber völlig legal Professoren bei ihren Studenten abschreiben), dann ist es um den sozialen Anstand schlecht bestellt. Aus dieser Sorge rührt ein Teil der Aufregung um die Plagiate, der edlere.

Der unedlere rührt aus dem Vergnügen am Kollektivismus, zu dem das Internet neigt. Im Fall des „Guttenberg-Plag“ konnte man gut verstehen, warum derart viele Wissenschaftler sich daran machten, im anonymen Raum dieser Internetseite die Doktorarbeit nach geklauten Stellen durchzuflöhen.

Das Feindbild war deutlich: Die Blender und Turbokarrieristen an den Universitäten, die zwar den Titel begehren, aber über keinerlei wissenschaftliches Interesse verfügen, sind für jeden ernsthaft Forschenden Belastung und Beleidigung gleichermaßen. Sie desavouieren den gesamten Betrieb.

Was aber ist der Betrieb? Die scientific community, die Wissenschaftsgemeinde stellt sich längst nicht mehr allein im Fußnotenraum der Texte, den Lobbys der Gremien und auf Tagungen her, sondern in den Räumen des Internets. Hier regiert die Schwarmintelligenz und knöpft sich prominente Einzelfische vor. So heilsam und lehrreich das ist, so unheimlich ist die Freude, mit der selbst ernannte Plagiatsermittler zu Werke gehen, um die sublimierteste Form eines shitstorms2) zu entfachen.

Spätestens dann, wenn sie sich Aktivisten nennen und mit netzspezifischer Härte über die skrupulöseren Kollegen der „kollaborativen Plagiatsplattform“ vroniplag herziehen, bekommt die Sache etwas unangenehm Jakobinisches.

Wie Bildungsministerin Annette Schavan sich mit den Vorwürfen aber erst dann auseinandersetzen zu wollen, wenn die Verfasser des Blogs aus ihrer Anonymität heraustreten, geht am Kern des Vorgangs vorbei. Denn sachlich belegt, begründet und für jedermann nachzulesen sind die ihr bei „schavanplag“ zur Last gelegten Stellen ganz offensichtlich.

Was braucht es da noch den Namen des findigen Rechercheurs? Dass der Fall nicht so gravierend ist wie der Guttenbergs, weil die von anderen Autoren unsauber übernommenen Passagen Begriffsdefinitionen von fast lexikalischer Allgemeingültigkeit sind, erkennt man relativ rasch. Aber erklären muss Annette Schavan sich schon. Vom hohen Ross ist sie ohnehin herunter. Diesen Respekt kennt das Internet nicht.

1) Eine kritischere Einschätzung des Fußnotenwesens als Wichtigtuerei formuliert Götz Aly in: Die deutsche Fußnote, Frankfurter Rundschau, 22.2. 2011.
2) Wikipedia definiert Shitstorm als Internet-Phänomen, bei dem massenhafte öffentliche Entrüstung sachliche Kritik mit zahlreichen unsachlichen Beiträgen vermischt.