Siebzig Jahre Frieden, nahezu sechzig Jahre Wohlstand (sicher, in Ost und West in unterschiedlicher Ausprägung) und ein Leben ohne Mauer, man könnte es Freiheit nennen, seit 26 Jahren. Das sind die Zahlen und Daten für Deutschland. Allein diese Chiffren, die geballten Grundlagen guter Lebensmöglichkeiten, findet man kaum sonst irgendwo auf der Welt. Und sie sind in der Finanzkrise, der Eurokrise und der Griechenlandkrise nicht wirklich schlechter geworden für Deutschland, das ist bekannt. Krisen kennen auch Gewinner. Vielleicht hört man aus der Bundesregierung gerade deshalb immer wieder den Satz, dass Deutschland stark genug sei, um Hunderttausende Flüchtlinge hier aufzunehmen. Stärke als Verpflichtung.

Nun könnte man annehmen, dass die Sprachregelung der Regierung (keine Sorge, wir bekommen das hin) und das Lebensgefühl der Mehrheit der Bevölkerung (Eurokrise, Griechenland, Flüchtlinge, was kommt eigentlich noch?) weit voneinander entfernt sind. Zumal viele Deutsche, wenn schon nicht zu Attacken auf alles Fremde, doch immer zum Jammern über das eigene Leid neigen. Die Studien über die Larmoyanz im Land sind legendär, die Angst ums Geld auch.

Überraschend zufrieden

Deshalb ist es überraschend, dass die wirtschaftlich wichtigste Altersgruppe in diesem Land – 35 Millionen Menschen zwischen 30 und 59 Jahren – sehr zufrieden ist mit ihrer Lage. Geht es nach der jüngsten Umfrage des Allensbach-Instituts, gibt es mitten in einer aufgebrochenen Welt eine überwältigende Mehrheit von Deutschen (91 Prozent), die sich gut eingerichtet hat in ihrem Leben, und der dieses Land alle Möglichkeiten dazu bietet. Auch eine weitere neue Studie – über die üblichen Ängste der Deutschen – zeigt, dass die Menschen sich zurzeit mehr vor Naturkatastrophen als vor Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsflaute fürchten.

Das ist gleich aus mehreren Gründen neu. Zum einen gehören die heute 40 bis 60-Jährigen zu jener Generation X, die für den Schriftsteller Douglas Coupland vor allem durch eins geprägt sein sollte: Nie würden diese Leute so viel wie ihre Wirtschaftswundereltern verdienen, nie würden sie es so gut haben wie die Alten vor ihnen. So ist es doch nicht gekommen.

Zweitens gibt die Umfrage einen interessanten Blick auf Deutschland frei. Ja, die Menschen in der Lebensmitte sind zufrieden, vielleicht auch selbstzufrieden, wer will, kann sie eine satte Generation nennen. Aber wird dabei nicht vergessen, dass diese Generation sich in den vergangenen 25 Jahren immerhin dem Wagnis der deutschen Einheit gestellt hat? Wird nicht vergessen, dass es zumindest erstaunlich ist, dass 1989 und 1990 ökonomisch alles unmöglich erschien, und dass heute so viele in diesem Land zufrieden sind? Das alles ist auch für diese nun so zufriedene Generation nicht vom Himmel gefallen, so wie der Generation davor auch niemand die Kriegstrümmer weggeräumt hat.

Doch ist mit Zufriedenheit kein Staat zu machen. Das zeigt sich schon daran, dass die frohen Deutschen vor allem weniger Steuern zahlen möchten – aber gleichzeitig die Unterschiede zwischen Arm und Reich besser ausgeglichen sehen wollen. Wie das eine ohne das andere funktionieren soll, ist eine gute Frage, nicht nur in Deutschland. Zumal die Allensbach-Studie auch zeigt, dass eine Minderheit der Deutschen von Wohlstand und Gelassenheit wenig spürt. Eine Minderheit, die das soziale Klima stärker bestimmen könnte, als es den Zufriedenen lieb sein dürfte. Nicht nur in Sachsen. Denn wenn es um ihre Ängste geht, dann treibt die Angst vor einer Überforderung durch Flüchtlinge immerhin die Hälfte der Deutschen um.

Von der nächsten Generation geborgt

Und ist die Zufriedenheit der gut versorgten Deutschen nicht nur geborgt? Von der nächsten Generation, die heute in vergammelten Schulen sitzt – und in ein paar Jahren dafür sorgen soll, dass die goldenen Jahrgänge ihrer Eltern und Großeltern auch mit den Renten zufrieden sind? Vielleicht gibt es in Zukunft doch noch eine Generation X, nur eben später als gedacht.

Aber heute, gerade heute, ist die Zufriedenheit der Deutschen – bei allen Ängsten – vielleicht ein Segen. Ist es doch gut zu wissen, dass die Leute gelassen sind. Zufriedenheit kann lähmen, aber nun könnte sie die Politik ermuntern, den Deutschen zu sagen: Wer viel hat, kann teilen. Und wer in diesem Land zufrieden ist, müsste gut verstehen, dass viele aus der Welt hierher wollen. Dass sie dafür ihr Leben riskieren. Weil sie nicht siebzig Jahre Frieden, Wohlstand und Freiheit genossen haben.

Im Grundgesetz steht in Artikel 14 der schöne Satz: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Mit der Zufriedenheit der Deutschen sollte es nicht anders sein. Auch sie verpflichtet.