Arme Konservative! Ihr Gesellschaftsbild wird in diesen Tagen von so vielen Seiten untergraben, dass es einem von Termiten befallenen Haus gleicht. Ein Stupser kann das, was eben noch so fest gefügt und solide erschien, zum Einsturz bringen. Nur eine Staubwolke erinnert noch einen Moment lang an das, was über Generationen hinweg als unverrückbare Wahrheit galt.

Nichts macht deutlicher, wie rasch und vollständig das konservative Gesellschaftsmodell in sich zusammenbricht als die Debatte über die Homo-Ehe. Die Aufwertung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen ist in atemberaubenden Tempo vor sich gegangen. 1973 verzichtete der Gesetzgeber auf die Bestrafung von Homosexuellen; in seiner letzten Fassung wurde der berüchtigte Paragraf 175 sogar erst 1994 aus dem Gesetzbuch gestrichen.

Revolutionäre Gerichte

Heute, keine 20 Jahre später, geht es in der gesellschaftlichen Debatte um die völlige Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit der Ehe zwischen Mann und Frau. Das heißt, eigentlich geht es schon gar nicht mehr darum. Denn selbst in der Union findet sich nur noch eine belächelte Minderheit, die zu behaupten wagt, eine Beziehung zwischen Mann und Frau sei per se schutzwürdiger als die zwischen zwei Männern oder zwei Frauen. Ihr Parlamentarische Geschäftsführer kündigte an, seine Fraktion wolle bald ein Gesetz zur Gleichstellung der Homo-Ehe vorlegen.

Interessanterweise sind es ausgerechnet die Gerichte, eine in konservativen Kreisen höchst angesehene Institution, die die Revolutionierung des gesellschaftlichen Denkens vorantreiben. Tatsächlich belegt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Adoptionsrecht von Lebenspartnern, dass sich für eine Diskriminierung keine rationalen Argumente mehr finden lassen. Das bedeutet nicht, dass die gesamte Gesellschaft der Vorstellung, der Staat solle Kinder in die Obhut von Lesben oder Schwulen geben, sofort begeistert zustimmt. Doch das Karlsruher Urteil macht deutlich, wie schwierig es für Gegner der Gleichstellung geworden ist, ihre Haltung rational zu begründen.

Loyalität: ein Anachronismus

Das Staatsbürgerrecht ist ein weiterer Bereich, in dem der Konservatismus im Galopptempo auf dem Rückzug ist. Es geht um die Frage, ob sich Kinder, deren Vater oder Mutter aus dem Ausland stammt, mit dem Erreichen des 23. Geburtstages für eine einzige Staatsbürgerschaft entscheiden müssen. Nach der bisherigen Gesetzeslage verlieren vor allem Kinder türkischer Einwanderer ihre deutsche Staatsbürgerschaft, wenn sie es versäumen, rechtzeitig ihren türkischen Pass abzugeben.

Abgesehen von den desaströsen Folgen, die diese Regelung für die Integration von Migranten vor allem aus der Türkei hat, abgesehen auch davon, dass EU-Bürger ungerechterweise von dieser Regelung ausgenommen sind, lohnt es, die dahinter liegenden Argumente zu betrachten. Gegner der doppelten Staatsbürgerschaft machen geltend, man könne nur einem Staat in Loyalität verbunden sein. Mehrere Staatsbürgerschaften würden zu Loyalitätskonflikten führen. Doch was kann in den Augen der heutigen Deutschen Loyalität zu einem Staat überhaupt noch bedeuten? In einer Zeit, in der die Wehrpflicht abgeschafft wurde, ist dieser Begriff zum Anachronismus geworden.

Langlebige Emotionen

Und noch ein Thema sei genannt, eines, an dem sich das Wesen des gesellschaftlichen Wandels besonders deutlich zeigt. Es geht um die Frage, ob das Sitzenbleiben in den Schulen abgeschafft werden soll, wie es die neue rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen anstrebt. Konservative sind entsetzt. Die Möglichkeit, einen Schüler eine Klasse wiederholen zu lassen, wird als ein unverzichtbares Instrument von Disziplin und Lernfortschritt angesehen.

Die Pädagogik hat sich allerdings schon längst von der Vorstellung von homogenen Schulklassen verabschiedet. In einem Bildungskonzept, das das Individuum und seine Förderung betont, das vielfach gute Erfahrungen mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen gemacht hat, das die Integration von behinderten Kindern in die „normalen“ Schulen anstrebt – in einem solchen Bildungskonzept ergibt Sitzenbleiben überhaupt keinen Sinn mehr.

Beispiele für die gesellschaftliche Revolution, die wir durchleben, gibt es noch viele mehr, von der Wahrnehmung der katholischen Kirche bis hin zur Betreuung von Kleinkindern. Und doch zeigt gerade das Beispiel Schule besonders deutlich, warum das Konservative in jeder Generation einem Generalangriff ausgesetzt ist. Wer Sitzenbleiben richtig findet, tut das vor allem, weil es die eigene Schulzeit prägte. Das eigene Erleben legt die Grundlage für strukturkonservative Instinkte. Das erklärt, warum Emotionen noch lange nachhallen, wenn sich die rationalen Gedanken sich längst weiterentwickelt haben.