Das also muss sie sein, die Staatskrise. Als der Bundespräsident Wulff im Dezember vergangenen Jahres zum Problempräsidenten wurde, war es – ausgerechnet – Sigmar Gabriel, der vor dem Rücktritt des Staatsoberhaupts warnte. Wenn zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren ein Bundespräsident vorzeitig aus dem Amt scheide, so der SPD-Chef, dann komme das einer „echten Staatskrise“ nahe.

Im Berliner Regierungsviertel plapperten andere das nach, und man konnte den Eindruck gewinnen, die Politik sorge sich parteiübergreifend um die Stabilität unserer Demokratie für den Fall, dass der bedauernswerte Wulff dem Druck einer wilden Medienmeute nicht standhalten könnte.

Heute ist von Staatskrise keine Rede mehr. Möglicherweise hatte auch der SPD-Vorsitzende inzwischen Gelegenheit, einen Blick ins Grundgesetz zu werfen. Artikel 54 besagt ziemlich lapidar, dass die Bundesversammlung innerhalb von dreißig Tagen einen neuen Präsidenten wählt, wenn der alte abhandenkommt. Und da jeder Deutsche, der das vierzigste Lebensjahr vollendet hat, wählbar ist, gibt es mehr als 40 Millionen potenzieller Kandidaten. Da wird sich doch ein brauchbarer finden.

Korrektur findet statt

Und jenseits aller Formalia: Was wäre das für ein Staat, der in die Krise gerät, weil sich herausstellt, dass er sich das falsche Oberhaupt gewählt hat? Die Demokratie hat die Fähigkeit sich zu korrigieren. Das tut sie gerade. Wulffs Rücktritt markiert das Ende einer politischen Krise, nicht den Beginn einer Staatskrise.

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Angemessen wäre es gleichwohl, wenn der Staat, vor allem die ihn tragenden Parteien, Konsequenzen aus der Causa Wulff ziehen würden. Die Wahl dieses Bundespräsidenten war, wie in anderen Fällen zuvor, Teil des politischen Machtkampfs. Christian Wulff war der Kandidat von Angela Merkel und ihrer schwarz-gelben Koalition. Die Kanzlerin setzte ihn durch, und sei es auch erst im dritten Wahlgang.

Das sollte signalisieren: Schwarz-Gelb ist handlungsfähig und kann Mehrheiten organisieren, also hat das Land eine stabile Regierung. So ähnlich war es schon, als sein Vorgänger Horst Köhler nominiert wurde, und auch frühere Präsidentenwahlen waren enorm (macht-)politische Entscheidungen.

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Nach zwei Pleiten ist die Zeit gekommen, mit dieser Tradition zu brechen. Es spricht alles dafür, für die Wahl des elften Präsidenten nicht einen Kandidaten des Regierungslagers zu nominieren, auch nicht einen der Opposition. Sondern einen gemeinsamen, der schon vor seiner Wahl Ansehen über alle ideologischen Grenzen hinweg besitzt. Er sollte mit gesundem Menschenverstand seine Reden formulieren, er muss dabei kein intellektuelles Feuerwerk abbrennen.

Wir wollen keinen Scheinheiligen

Er muss kein Moralist sein, aber er sollte ein Gefühl für Anstand und Moral haben. Wir brauchen keinen Heiligen, aber wir wollen keinen Scheinheiligen. Einen Präsidenten, der den Dialog mit den Spitzen der Wirtschaft pflegt, ebenso wie den mit den Gewerkschaften, der mit den Kirchenoberen im Gespräch ist, mit Künstlern, mit Wissenschaftlern, mit Sportlern, mit ganz normalen Menschen. Einer, der zur Nähe fähig ist, aber Distanz zu wahren weiß. Ein Mann, oder eine Frau, egal. Bloß kein Wulff.

Wer passt auf dieses Profil? Falls alle, die jetzt genannt werden, und ein paar andere dazu. Natürlich Klaus Töpfer, der grüne Christdemokrat, der national und international hohes Ansehen genießt. Oder Ursula von der Leyen, eine kluge und eigenwillige Frau. Oder Joachim Gauck, den Sozialdemokraten und Grüne schon einmal ins Rennen schickten. Oder die Grüne Katrin Göring-Eckardt, oder der Christdemokrat Norbert Lammert, oder der Sozialdemokrat Wolfgang Thierse.

Dieses Land ist doch nicht arm an Köpfen, die in der Lage wären, Staat und Gesellschaft angemessen zu repräsentieren. Keine Staatskrise also, vielmehr die Chance, dem zweifellos beschädigten Amt wieder Respekt und Ansehen zu verschaffen.

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Und Christian Wulff, seine Frau, seine Familie? Für ihn wird es schon schwieriger, Respekt und Ansehen zurückzugewinnen. Der Mann hat sich selbst unmöglich gemacht, es waren ja nicht die Medien oder böswillige Staatsanwälte. Aber eine zweite Chance hat auch er verdient. Er müsste uns allerdings überraschen, zum Beispiel mit einer ganz unprätentiösen Erklärung etwa dieser Art:

„Bundespräsidenten erhalten nach dem Ende ihrer Amtszeit einen stattlichen Ehrensold und genießen eine Reihe anderer Privilegien. Da ich nicht einmal zwei Jahre im Amt war und erst Anfang fünfzig und gesund bin, möchte ich für meinen Lebensunterhalt selbst sorgen und nicht die Steuerzahler auf Jahrzehnte hinaus belasten.“

Respekt, Herr Wulff, könnten wir dann sagen. Aber das wird wohl nichts.

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