Sag mir, worauf du stehst, und ich sag dir, was du bist: Maxim Leo sucht nach einem Namen für seine sexuellen Vorlieben.
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Als ich meiner Großmutter vor vielen Jahren mal davon erzählte, dass es Menschen gibt, die kein Fleisch essen, weshalb man sie Vegetarier nennt, schaute sie mich überrascht und auch ein wenig skeptisch an und sagte: „Ach Junge, diese neuen Moden, ich glaube, das verstehe ich nicht mehr.“ Ähnlich ging es mir im ersten Moment, als ich von der Sapiosexualität erfuhr. Falls Sie, liebe Leser, nicht wissen, was das ist, erkläre ich es kurz: Sapiosexuelle sind Menschen, die ihre Sexual- und Lebenspartner ausschließlich nach deren Intelligenz auswählen.

Das brachte mich dazu, mal ein wenig über meine sexuelle Orientierung nachzudenken. Dabei fiel mir auf, dass ich vermutlich auch sapiosexuell bin. Also zumindest teilweise. Weil ich es schon nicht schlecht finde, wenn eine Frau einen durchschnittlich langen Relativsatz stolperfrei aussprechen kann. Ich finde es auch nicht übertrieben zu wissen, dass die Erde sich um die Sonne dreht und dass Balzac nicht nur der Begründer eine Kaffeehauskette war.

Diese Erkenntnis meiner zumindest partiellen Sapiosexualität erfüllt mich mit Stolz, weil ich ansonsten, sexuell gesehen, eher ein unorigineller Langweiler bin. Ich meine, ich bin weder pansexuell, noch heteroflexibel, noch genderqueer. Ich bin ein mittelalter, weißer Cis-Mann. Und wenn Sie, liebe Leser, nicht wissen, was das ist, dann müssen Sie das selbst nachschlagen, weil ich ja hier nicht alles erklären kann.

Wobei ich in meinem Fall wohl eher von sapiosexuellen Tendenzen sprechen sollte, weil mir das Aussehen meiner Sexualpartner (das muss ich unumwunden zugeben) nie komplett egal war. Ich bin also quasi bisexuell, teilweise sapio und teilweise... tja, wie soll ich das sagen? Ich habe lange recherchiert, aber ich habe keinen Begriff gefunden, der ausdrückt, dass man sich sexuell zu attraktiven Menschen hingezogen fühlt. Obwohl das ja angeblich eine recht verbreitete Form der sexuellen Ausrichtung sein soll. Der Begriff Sapiosexualität kommt vom lateinischen Wort „sapere“, „wissen“. „Schönheit“ heißt auf Latein „pulchritudo“, weshalb ich als neuen Terminus in den Sexualorientierungswissenschaften „Pulchsexualität“ vorschlagen würde.

Ich bin also halb sapio, halb pulch. Außerdem spielt der Geruch der Haut für mich eine Rolle. Und die Art zu gehen. Und die Art zu lachen. Und die Art, über sich selbst zu lachen. Aber das macht die Sache jetzt natürlich etwas kompliziert.

Noch komplizierter wird es, wenn man darüber nachdenkt, wie sich bestimmte Attraktivitätsfaktoren gegenseitig ausgleichen können. Wenn man zum Beispiel sehr alt ist, aber dafür auch sehr reich, dann kann in den Augen eines wesentlich jüngeren Sexualpartners das hohe Alter durch den beträchtlichen Reichtum kompensiert werden. Im Ergebnis ist man dann etwa gleich alt. Oder gleich reich.

Die beste mir bekannte wissenschaftliche Studie zu diesem Thema ist die Heiß-Irre-Skala von Barney Stinson aus der Serie „How I Met Your Mother“. Barney behauptet, dass eine Person es sich durchaus erlauben könne, ein wenig irre zu sein, wenn sie im selben Maße heiß sei. Werde die Person allerdings immer irrer, aber nicht immer heißer, dann funktioniere der Ausgleich nicht mehr, und die Beziehung sei unverzüglich zu beenden.

Was ich mich natürlich frage: Wie funktioniert der Sex bei komplett Sapiosexuellen? Genügt zum Auslösen des Orgasmus der Satz: „Marx hat doch mit seiner Dialektik nicht Hegels Idealismus zu Makulatur werden lassen, oder, Schatz?“ Probieren Sie, liebe Leser, es doch einfach mal aus. Wenn Ihr aktueller Sexualpartner sich nach dem Hören dieses Satzes stöhnend auf dem Laken rekelt, dann wissen Sie Bescheid. In diesem Sinne wünsche ich ein genussvolles Wochenende.