Auf dem Brandenburger Tor: Klimaaktivisten wollen Gespräch mit Scholz erzwingen

Die „Letzte Generation“ ist von der Autobahn auf das Brandenburger Tor gewechselt. Passanten sind verwirrt. Wenige haben Verständnis.

Am Anfang war das Banner noch gut zu lesen. Doch spätestens nachdem der Wind es verwirbelt hatte, verstand unten keiner mehr, was vor sich ging.
Am Anfang war das Banner noch gut zu lesen. Doch spätestens nachdem der Wind es verwirbelt hatte, verstand unten keiner mehr, was vor sich ging.dpa

Treffpunkt an diesem Mittwochmorgen um halb acht ist der Tiergarten. Zeit und Ort wurden am Abend zuvor bekannt gegeben. Die Morgendämmerung wird von einer grauen Wolkendecke verdeckt, es nieselt. Wo die Aktion der „Letzten Generation“ heute stattfinden soll, ist um 7.40 Uhr noch nicht bekannt. Um kurz vor acht kommt das Signal: Es geht aufs Brandenburger Tor.

Ein Fahrzeug mit Hebebühne wird direkt vor dem geschichtsträchtigen Wahrzeichen abgestellt. Zwei Aktivistinnen in oranger Warnweste erklimmen das Brandenburger Tor von der Seite der Straße des 17. Juni und klettern auf die andere Seite. Sie sind Schwestern. Sicherheitsgurte tragen sie nicht. Weit und breit ist Sicherheitspersonal zu sehen, das sie aufhalten könnte. In Richtung Pariser Platz wird das Banner heruntergelassen, auf dem steht: „Wir wünschen uns ein Überleben für alle, wir alle sind die Letzte Generation.“ Das Brandenburger Tor wird nicht zum ersten Mal für Protestaktionen erklommen – 2016 hatte die rechtsradikale Identitäre Bewegung hier ihr Banner gehisst und Grenzschließungen gefordert.

Ein Jogger bleibt stehen. „Ist das hier ein Klimaprotest? Geil“, sagt der 20-jährige Justus K. aus Frankfurt, bevor er ein Selfie vor dem Brandenburger Tor macht. Er findet den Einsatz der Aktivisten mutig, ziviler Ungehorsam könne aber schnell „ethisch sehr schwierig“ werden.

Mögliche Mitschuld am Tod der Radfahrerin wird gerichtlich geklärt

Damit spielt er auf den Tod der 44-jährigen Radfahrerin in Berlin an, die nahe einer Straßenblockade der „Letzten Generation“ von einem Betonmischer eingeklemmt worden war. Ein Spezialfahrzeug der Feuerwehr stand aufgrund einer Protestaktion im Stau und kam dann verspätet am Unfallort an. Derzeit ist unklar, welchen Einfluss die Verspätung auf die Überlebenschancen des Unfallopfers gehabt haben könnte. Der Fall geht vor Gericht.

Kim Schulz hat sein Urteil jedoch schon gefällt: „Der Unfall der Radfahrerin hatte nichts mit unserer Blockade zu tun“, sagt der Aktivist der „Letzten Generation“. Und wenn man das Spezialfahrzeug doch gebraucht hätte? „Grundsätzlich spreche ich ungern über Hypothesen, sondern über Fakten. Und Fakt ist, dass wir uns gerade im Klimanotstand befinden.“ Man sei bei Sitzblockaden immer darauf vorbereitet, eine Rettungsgasse zu bilden.

Der 25-Jährige hat sein Studium der Kulturwirtschaft abgebrochen, um sich ganz dem Klimaaktivismus zu widmen. Sicherheit habe bei den Aktionen der „Letzten Generation“ natürlich Priorität, schließlich sei das höhere Anliegen ja die Sicherheit aller Menschen. Ob er Gefahr an Leib und Leben Unbeteiligter wegen Protestaktionen ausschließen könne? „Ich denke, im Alltag bestehen immer gewisse Gefahren“, sagt Schulz. Er findet, wir leben in Zeiten fundamentaler Unsicherheit – Sicherheit lasse sich nie garantieren. „Auch wir sind nicht Gott“, sagt er.

Klima-RAF? „Wir sind friedliche Bürger“

Für Schulz ist aber klar, dass die Proteste der „Letzten Generation“ immer friedlich sein werden. Dass Alexander Dobrindt, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, kürzlich vor der „Klima-RAF“ warnte, verlangt dem Aktivisten nur ein müdes Lächeln ab. „Wir sind friedliche Bürger, die sich auf die Straße setzen und andere dazu einladen, sich dazuzusetzen.“ Das Vorhaben der Union, die strafrechtlichen Sanktionsmittel für Klimaaktivisten zu verschärfen, überrascht ihn kaum. Mit Blick auf unsere Demokratie hält er es jedoch für „kontraproduktiv, friedliche Demonstranten einzusperren“.

Unterdessen hört man im Hintergrund bereits die Blaulicht-Sirenen. Die Aktion war nicht angemeldet. Zunächst kommen zwei Einsatzwagen, im Laufe des Morgens versammeln sich Dutzende Polizisten am Brandenburger Tor. Mit ihnen stehen in der Frühe vor allem Journalisten und andere Aktivisten hier. Einer von ihnen, er steht alleine, klatscht Beifall. In der seltsamen Großstadtruhe wirkt es überraschend laut. Ansonsten ist der Pariser Platz an diesem verregneten Mittwochmorgen um acht Uhr völlig leer.

Tag des Mauerfalls sei auch ein „Tag des Zusammenhalts“

Eine der Aktivistinnen auf dem Brandenburger Tor spricht plötzlich durch ein Megafon: „Wollen wir gemeinsam leben, oder wollen wir einsam sterben?“, fragt sie. Akustisch ist ihre Ansprache nur schwer zu verstehen. Offenbar wollen die Aktivisten am 9. November eine Parallele zum Tag des Mauerfalls ziehen. Wir müssten als Gesellschaft am „Tag des Zusammenhalts“ gemeinsam an Lösungen arbeiten. Mehrfach betont sie auch, man habe die Bundesregierung für „morgen zehn Uhr“ zu Gesprächen eingeladen.

Während die Polizisten in Spezialausrüstung auf das Brandenburger Tor klettern, halten die Schwestern auf diesem oben Händchen. Sie werden sich auch in den nächsten Stunden nicht mehr loslassen, denn sie haben sich aneinander festgeklebt. Der Tag des Zusammenhalts wird hier wörtlich genommen. Die ersten Touristen versammeln sich 26 Meter unter den Aktivistinnen, mit Starbucks-Coffee-to-go-Bechern in den Händen. Bei ihnen ist von der Klebe-Theatralik wenig zu spüren. Durch den Wind hat das Banner sich eingerollt, das Logo der „Letzten Generation“ ist nicht mehr zu sehen. Wenige scheinen zu verstehen, was hier passiert.

Clash of Cultures auf dem Pariser Platz

Eine Schulklasse reiht sich vor dem Brandenburger Tor auf, die Lehrerin macht ein Gruppenfoto. Einige Meter weiter hinten schreit ein Mann: „Klima schützen ist kein Verbrechen!“ Der 30-jährige Micha F. ist mit Aktivisten der „Letzten Generation“ befreundet. Er trägt bunte Kleidung und verdeckt sein Gesicht mit Kapuze und Schal, während er „Freiheit für alle Gefangenen“ fordert, und skandiert: „Kein Gott, kein Staat, kein Ticketautomat!“ Die Schüler schauen verwundert.

Ein Handelsvertreter, der das Banner betrachtet, findet es „aus Marketinggesichtspunkten interessant, da oben etwas hängen zu haben“. Und der 72-jährige Hugh aus Alabama ist bekennender Klima-Nihilist: China werde nie aufhören, die Luft zu verschmutzen, und ein internationales Abkommen ist „in Anbetracht der menschlichen Natur unmöglich“. Auf dem Pariser Platz prallen an diesem Morgen Welten aufeinander. Wenn es nach William R. aus Brasilien geht, tun die Aktivisten dagegen noch lange nicht genug: „Solche Aktionen können die Menschen wachrütteln.“

Die meisten Zuschauer erklären, das Anliegen zu befürworten, die Mittel aber abzulehnen. Neben dem Tod der Radfahrerin, dessen mediale Aufarbeitung spürbar Eindruck hinterlassen hat, werden vor allem die Aktionen in Museen kritisiert. Viele sprechen von Grenzüberschreitung, die Aktivisten „gehen zu weit“. Auf Klimaschutz könne man auch anders aufmerksam machen.

Negatives Stimmungsbild touchiert „Letzte Generation“ kaum

Das Stimmungsbild vor dem Brandenburger Tor deckt sich mit einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey aus dieser Woche. Demnach halten 81 Prozent der Befragten das Vorgehen der „Letzten Generation“ für kontraproduktiv für die Klimabewegung. Schulz beeindruckt das wenig. „Mich interessiert nicht, ob die Menschen glauben, dass es effektiv ist, sondern, ob es tatsächlich effektiv ist.“ Woran sich die Effektivität messen lasse? Zum Beispiel an Gesprächen mit Politikern, so Schulz. Der 27-tägige Hungerstreik eines Aktivisten im Januar habe ein Gespräch mit Bundeskanzler Olaf Scholz erzwungen. Überhaupt zeige die Geschichte seiner Meinung nach, dass ziviler Ungehorsam als demokratisches Mittel, um Wandel herbeizuführen, funktioniere. „Sonst hätten wir heute auch kein Frauenwahlrecht“, sagt er.

Gegen 13:40 Uhr endet die Aktion. Die Wolkendecke hat Risse bekommen und der Kleber zwischen den Händen der Schwestern, die wieder auf festem Boden stehen, ist gelöst. Ob das Ganze nach ihren eigenen Maßstäben erfolgreich war, dürfte sich herausstellen, falls die Regierung auf ihre Gesprächseinladung antwortet.