Polizisten und Demonstranten in Minneapolis während der Anti-Rassismus-Proteste
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New YorkDie Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten hat in den USA die Debatte über Polizeigewalt und Rassismus angefacht. Maria Haberfeld unterrichtet an der renommiertesten Akademie der amerikanischen Polizei und sieht eindeutige Defizite bei den Beamten.

Die Demokraten in Washington haben einen Gesetzesentwurf für eine Reform der Polizei vorgelegt. Er sieht Datenbanken für Fehlverhalten vor, soll brutale Techniken abschaffen und Entschädigung für Opfer erleichtern. Was halten Sie davon?

Das, was ich von vielen solcher Reformvorschläge in den vergangenen Jahren gehalten habe: Es ist ein Vorschlag von Leuten, die Polizeiarbeit nicht verstehen, geleitet von den Emotionen des Augenblicks und Vorstellungen davon, was die Öffentlichkeit jetzt hören möchte. Ich denke nicht, dass er die gewünschten Resultate bringt – nämliche eine Abnahme der Gewalt auf den Straßen.

Was wäre denn notwendig, um die Gewalt zu verringern? 

Das größte Problem der amerikanischen Polizei ist ihre dezentrale Organisation. Wir haben in den USA 18.000 bis 20.000 unabhängige Polizeiabteilungen. Das macht eine Regulierung beinahe unmöglich. Es gibt keine einheitlichen Standards für die Ausbildung, für die Ausrüstung, für die Auswahl der Kandidaten. Das ist sonst nirgends auf der Welt so. Eine Reform muss einheitliche Standards sowie eine zentrale Regulierung schaffen. Es wäre beispielsweise ganz einfach, die Hoheit der Polizei auf die Einzelstaaten zu übertragen. Dann hätten wir die Zahl der Einheiten schon einmal auf 50 reduziert. Wir haben im Moment allein im Staat New York 600 autonome Polizeiabteilungen. So lange wir das nicht ändern, wird keine Reform wirksam sein.

Aber ist so das Problem des Rassismus zu lösen?

Ich denke, dass der Rassismus mit der mangelnden Ausbildung der amerikanischen Polizei zu tun hat. Leute, die weniger Bildung haben, sind weniger tolerant. Und viele Kandidaten in den USA müssen nicht einmal einen High-School-Abschluss haben, um Polizist zu werden. Dann bekommen sie zehn Wochen Ausbildung, werden auf die Straße geschickt und dürfen über Menschenleben entscheiden. Das kann nicht gut gehen.

Viele Gemeinden in den USA rufen jetzt danach, die Budgets der Polizei zu kürzen oder die Polizei ganz abzuschaffen. Was halten Sie davon?

Das ist eine komplette Katastrophe. Der größte Teil der Budgets der Polizeiabteilungen in den USA fließt in die Ausbildung, die ohnehin schon mangelhaft ist. Wenn Sie nun dafür die Mittel kürzen, wird das Problem nur noch schlimmer. Außerdem lösen Sie ja nicht das Problem der Gewalt und des Rassismus in der Polizeitruppe, in dem Sie die Truppenstärke reduzieren. Im Gegenteil - die, die übrig sind, fühlen sich dann noch stärker überwältigt und werden noch aggressiver.

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Zur Person

Maria Haberfeld ist Professorin am John Jay College of Criminal Justice in New York, der renommiertesten Akademie für Polizeioffiziere der USA. Sie hat unter anderem „Exploring Police Integrity“, ein Buch über die Integrität der Polizei im internationalen Vergleich, geschrieben. Vor ihrer Promotion an der City University of New York war sie Offizierin einer Anti-Terror-Einheit der israelischen Armee.

Es gibt in New York 36.000 Polizisten, viele Communities haben das Gefühl, im Belagerungszustand zu leben. Da würde eine Reduzierung der Truppenstärke nichts nützen?

Ich schaue mir nie die Truppenstärke an, ich schaue mir die Qualität der Beamten an. Und um mich zu wiederholen: Mittelkürzungen würden die Ausbildung verschlechtern. Wir haben in den vergangenen Jahren hier in New York für aktive Polizisten Sensitivitätstraining eingeführt. Aber so etwas müsste schon Teil der Grundausbildung sein. Deswegen greifen auch alle gut gemeinten Reformvorschläge nicht. Wir müssen die Ausbildung von Grund auf reformieren.

Wie werden Polizisten in New York ausgebildet?

Die Grundausbildung dauert sechs Monate. Im Vergleich zu vielen europäischen Ländern ist das ein Witz. Dort dauert die Ausbildung meist vier Jahre. Polizeiarbeit ist unheimlich kompliziert, sowohl von der theoretischen als auch von der praktischen Seite her. Man trägt als Polizist eine extrem hohe Verantwortung. In New York müssen die Beamten mindestens zwei Jahre das College besucht haben, aber das ist noch immer zu wenig. In anderen Teilen des Landes haben die Beamten oft nicht einmal einen Schulabschluss.

Die Polizei in den USA scheint grundsätzlich aggressiv und konfrontativ aufzutreten, nicht nur gegenüber Minderheiten. Woran liegt das?

Die Polizei in den USA wird von der Öffentlichkeit nicht respektiert. Die Beamten finden sich oft in Situationen wieder, in denen sie sich überwältigt und übermannt fühlen. Wenn Sie dann noch die ungenügende Ausbildung dazunehmen, haben Sie ein Problem.

Wie werden die Polizisten auf solche Situationen vorbereitet?

In den USA ist der Weg von verbaler zu physischer Gewalt in der Polizeitaktik gewöhnlich sehr kurz, die Polizisten dürfen schnell eskalieren. Sie müssen unter bestimmten Umständen auch nicht alle notwendigen Zwischenschritte tun. Aber sie fühlen sich eben auch oft unter Belagerung.

Die andere Seite fühlt sich genauso unter Belagerung. Deshalb wäre doch Deeskalation noch wichtiger.

Die meisten Polizisten werden zu wenig in Kommunikation geschult. Unter ein Prozent der Polizeiausbildung wird darauf verwendet. 

Die Polizei wird stark dafür kritisiert, militärisch aufzutreten und damit die Menschen einzuschüchtern. Sehen Sie das auch so?

Die Polizei ist militarisiert, weil die Straßen oft militarisiert sind. Es ist ein Teufelskreis. Es gibt kein westliches Land, in dem es so viel Gewalt gibt und in dem so viele Menschen über Schusswaffen verfügen. Wenn die Polizei sich mit automatischen Schusswaffen auseinandersetzen muss, dann muss sie darauf  vorbereitet sein.