Libanon: Die antrainierte Routine des Tötens

„Ich tötete mit dem Messer, schnitt ihm den Bauch langsam auf, damit er merkte, dass er dabei war zu sterben“, sagt der Mann auf dem Bildschirm. Seine Stimme klingt sachlich. Nichts deutet daraufhin, dass er seine Tat bereut. Der Mann ohne Namen ist einer der christlichen Milizionäre, die vor 30 Jahren am Massaker von Sabra und Schatila beteiligt waren.

Am 16. September 1982 gegen Abend drangen rund 150 bewaffnete Männer in die Palästinenserlager im Süden Beiruts ein. Drei Tage und zwei Nächte dauerte das Gemetzel. Am 18. September zogen sie wieder ab. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen umkamen. Bis zu 3 500, so schätzen Palästinenserorganisationen.

„Da war eine Schwangere. Ich habe sie erschossen“, sagt ein anderer der damals beteiligten. „Sie hätte nur einen weiteren Feind zur Welt gebracht. Also war es besser, sie zu töten, bevor sie gebären konnte!“ Der Mann trägt ein weißes Unterhemd, sein Gesicht liegt im Dunklen. Auch er nennt seinen Namen nicht.

Suche nach Antworten

Wie können Menschen Menschen so etwas antun? Wie wird man zum Täter, zum Mörder, zum Massenmörder?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Monika Borgmann. Die 48-jährige Filmemacherin untersucht die verschiedenen Facetten von Gewalt, seit 1988 tut sie das. Die Suche nach Antworten brachte Borgmann in den Libanon. „1988 kam ich das erste Mal in das Lager von Sabra und Schatila“, erzählt sie, „da wütete dort gerade der Krieg der schiitischen Amal-Milizen gegen die palästinensischen Flüchtlinge. Ich sprach mit Leuten, die erst das Massaker von 1982 miterlebten und dann diesen Krieg. Ärzte erzählten mir, wie sie Verwundete ohne Narkose operierten.“ Ihre zierlichen Hände verleihen den Worten Nachdruck, während sie redet.

Ihr kleines Büro in Beirut ist hell und freundlich, von draußen dringt Vogelgezwitscher herein, ab und zu grunzt der Hund, der vor der Tür in der Sonne schläft. Hinter Borgmanns Schreibtisch hängt ein Ölgemälde. Es zeigt einen Schlachter mit Hackebeil und Messer bei der Arbeit. Doch er zerlegt er kein Tier, Menschen hängen vom Haken seines Geschäftes. Borgmann schaut auf das Bild hinter sich. „Es gefällt mir, es ist sehr expressiv!“, sagt sie. Dass sich andere abwenden angesichts des Grauens, ist sie gewohnt.

Ihre Auseinandersetzung mit dem Grauen begann mit Hannah Arendt, mit dem Holocaust, bald führte sie die Aachenerin in den Libanon. Die studierte Übersetzerin für Arabisch und Türkisch arbeitete viele Jahre als freie Journalistin. „Ich habe bald nach Ende des Krieges einen Heckenschützen interviewt“, erzählt sie. Die sogenannten Snipers waren im Bürgerkrieg berüchtigt. Allein im Versteck lauerten sie auf ihre Opfer, Zivilisten zumeist. Der Schütze nimmt sie ins Visier, wartet und drückt im richtigen Moment ab. „Zuerst interessierte mich die individuelle Gewalt, der nächste Schritt war dann die gemeinschaftliche. Das Massaker.“

Niemand griff ein

„Massaker“ heißt dann auch der Dokumentarfilm, den Borgmann über die Täter von Sabra und Schatila dreht. Fünf der Milizionäre von damals erzählen, was sie taten, was sie fühlten und vor allem, wie sie dazu kamen, drei Tage lang in einen regelrechten Blutrausch zu verfallen. „Die ersten zwei Toten waren schwierig, dann bekommt man Routine“, sagt einer der Täter.

„Es war nicht einfach, diese Männer zu finden“, erzählt Borgmann. „Man sieht den Menschen nicht an, dass sie Mörder sind. Der Taxifahrer kann einer sein oder der Verkäufer im Jeansladen.“ Schwieriger noch als die Männer zu finden, war es, sie dazu zu bewegen, vor der Kamera zu erzählen. „Dazu musste ich ein Vertrauensverhältnis aufbauen, doch das war ein Balanceakt. Ich wollte mich nicht zur Anklägerin machen, denn dann hätten sie nicht geredet. Zugleich wollte ich mich nicht zu ihrer Komplizin machen.“

Wie können Menschen Menschen so etwas antun?

„Sie sahen die Palästinenser als ihre Feinde“, sagt Borgmann. „Es war ein Prozess der Gehirnwäsche: „Die Männer wurden nicht spontan zu Mördern. Sie wurden trainiert.“ Ausführlich beschreiben zwei der Männer im Film, wie sie in der Ausbildung misshandelt wurden: „Sie ließen uns alle Arten der Folter erleben, um uns auf Verhöre vorzubereiten, sollten wir gefangen genommen werden. Wasser, Strom und Schläge“, erzählt einer beiden. Das hätte ihn dann endgültig von der Brutalität des Feindes überzeugt.

Ein Teil des Trainings absolvierten sie in Israel. Die Force Libanaise, eine Splittergruppe von ihr beging das Massaker, waren enge Verbündete von Tel Aviv. Die israelische Armee hielt die Lager in den blutigen Septembertagen umstellt und griff nicht ein, als die Milizionäre mit dem Gemetzel anfingen.

„Sie hatten uns am Anfang der Ausbildung gesagt, dass wir für etwas trainiert werden, was sich sonst niemand trauen würde“, sagt einer der Männer im Film. Niemand hinderte sie daran, als sie es dann taten. Bis heute ist ungeklärt, warum die multinationale Schutztruppe, die extra zum Schutz der Zivilbevölkerung in den Lagern in den Libanon entsandt wurde, plötzlich kurz vor dem Massaker abgezogen wurde. Ihr Mandat war zum Zeitpunkt des Massakers noch nicht abgelaufen.
Wie können Menschen Menschen so etwas antun?

"Es braucht ein Feinbild"

Eine einzige Antwort auf die Frage habe sie nicht, sagt Borgmann. Es gäbe wohl entweder keine oder ganz viele. „Es braucht auf jeden Fall ein Feindbild. Es braucht die einzelnen Menschen, die dazu bereit sind. Viele der Täter haben Gewalt erlebt. Viele nahmen Drogen. Vor allem aber wurden sie instrumentalisiert.

Typisch für den Massaker-Täter sei zudem der Gruppendruck. Sie habe einen Interviewpartner gehabt, der in letzter Minute absagte, sich im Film zu äußern. „Das war einer, der am 16. September zunächst mit seiner Einheit zum Lager ging, aber dann umdrehte. Er ging nach Hause. Dort hielt er es nicht aus, als Feigling dazustehen. Er ging zurück und erschoss einen alten Mann. Dann erst konnte er nach Hause gehen.“

Nach dem Bürgerkrieg wurde im Libanon eine Amnestie beschlossen: Die Täter von Sabra und Schatila brauchen nicht zu fürchten, dass sie vor Gericht gestellt werden. Dann folgte eine Art weitere Amnestie, denn der Bürgerkrieg und seine Verbrechen sind nicht aufgearbeitet worden.

„Seit 15 Jahren versucht man ein Schulbuch über die Zeit zu verfassen, das eine für alle akzeptable Geschichtsschreibung des Krieges enthält“, sagt Monika Bergmann. Bisher ist das nicht gelungen, so höre der Unterricht mit der Unabhängigkeit des Libanon 1943 auf. Natürlich hörten die Kinder dennoch über den Krieg; von Eltern und Großeltern. „Aber sie erzählen jeweils ihre Sichtweise der Ereignisse.“ Und die Konflikte gingen immer weiter. Im Krieg von 2006 hätte eine Bombe Monika Bergmann fast getroffen. Sie schlug im Haus eines Nachbarn ein, doch auch ihr Hangar wurde beschädigt.

Der Hangar ist ein Ausstellungsraum, den Monika Bergmann gemeinsam mit ihrem Mann betreibt. Maler kommen her, wie der, dessen Schlachterbild jetzt hinter ihrem Schreibtisch hängt. Hier werden manchmal auch Teile des Archivs gezeigt, das Borgmann und ihr Mann mit den Jahren zusammengetragen haben. „Bei der Recherche über Sabra und Schatila stellten wir fest, dass es kein öffentlich zugängliches Archiv im Libanon gibt, da haben wir begonnen, eins aufzubauen.“ Inzwischen sind große Teile davon auch online zugänglich.

Leben mit dem Trauma

Im Hangar steht eine nachgebaute Gefängniszelle. Stühle und Kamera sind aufgebaut. „Ich dachte eigentlich, dass ich die Frage der Gewalt mit meinem Film über Sabra und Schatila von allen Seiten beleuchtet hätte, doch dann kam dieses neue Projekt und ich habe festgestellt, dass es noch viele Facetten gibt“.

Das Projekt dreht sich um Libanesen, die während des Bürgerkriegs in syrische Gefängnisse verschleppt wurden und erst mit Machtantritt von Baschar al Assad 2000 wieder freikamen. Sprechen konnten sie aber nicht über das, was ihnen angetan wurde, denn die Syrer spielen nach wie vor im Libanon eine politische Rolle. „Sie haben mit dem Trauma gelebt und erst jetzt trauen sie sich“, erzählt Monika Borgmann. In langen Interviews berichten die Gefangenen Details der Misshandlung. „Die Idee, ihre Zelle nachzubauen, kam von den Männern selber und manchmal stehen sie mitten im Interview auf und gehen hinein.“

Der Hangar hängt aber nicht nur voller düsterer Erinnerungen. „Wir bemühen uns, auch nette Veranstaltungen zu machen für die Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Fußball public Viewing zum Beispiel. Das kam ganz großartig an.“ Borgmanns Mann hat eine Organisation gegründet, die der Hisbollah Konkurrenz macht. Sie bietet Jugendlichen neben der Aufklärung über die Vergangenheit Freizeitbeschäftigung und Ausbildung.

Borgmann hat ihre Probleme damit, wie die Stadtverwaltung, die von der Hisbollah geführt wird, den Jahrestag des Massakers von Sabra und Schatila begeht. „Sie hat die Tendenz, die Geschichte als Supermarkt zu verstehen, aus dem man sich die Teile der Geschichte herauspicken kann, die einem in den Kram passen. Den Rest lässt man im Regal“, sagt sie.

So würde die Hisbollah allein Israel für das Massaker verantwortlich machen und verschweigt, dass die Täter Libanesen waren. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb ihr Film bis heute im Libanon nicht gezeigt werden darf. „Ich habe es vor zwei Monaten noch einmal probiert, ihn durch die Zensur zu bringen, aber er wurde wieder abgelehnt.“

Viele ältere Libanesen vertreten die Auffassung, dass man sich keine Sorgen um den Libanon zu machen bräuchte. Er werde schon nicht noch einmal in einen Bürgerkrieg abstürzen. Die schreckliche Erfahrung von damals habe die Menschen imprägniert. „Das mag für die Generation stimmen, die den Krieg erlebt hat“, sagt Borgmann. Aber die Jüngeren seien keineswegs imprägniert. Die Demonstrationen und die Angriffe auf Botschaften in Kairo und Khartum zeigten doch, wie schnell sich junge Männer aufhetzen und instrumentalisieren lassen.

In Sabra wohnen heute kaum noch Palästinenser. Dafür sind arme schiitische Familien in die grauen Betonhäuser gezogen und neuerdings drängen neue Bewohner hinzu: Arme Flüchtlingsfamilien aus Syrien. Eine heikle Mischung.