Berlin - Christian Lindner liebt klare Worte. Vor ihnen ist keiner sicher. Auch nicht der Zentralrat der Juden. Einen „Beitrag, das gesellschaftliche Klima zu vergiften“, hat er dessen Präsidenten vorgeworfen. Josef Schuster hatte ein Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen gefordert, weil sie aus Kulturen stammten „in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil“ seien. Dagegen der FDP-Vorsitzende in der ARD: „Das ist kein Spezialproblem von Flüchtlingen.“

Die Frankfurter Allgemeine (Online-Ausgabe), normalerweise eher FDP-freundlich, sieht darin mit „Blick auf die Juden in Deutschland einen unfassbaren Fauxpas“. Doch Lindner muss das nicht weiter stören. Wichtiger als was er sagt, ist für ihn, wo er es sagt: Bei Anne Will. Er ist wieder da, wo er und seine Vorgänger in besseren Zeiten Stammgäste waren – in den Talkshows von ARD und ZDF. Zwei Jahre nach ihrem tiefen Fall aus dem Bundestag, bekommt die Partei die so lange wie keine andere an Bundesregierungen beteiligt war, wieder Boden unter den Füßen.

Aufholjagd

Zwar hat im Rennen der beiden aussichtsreichen außerparlamentarischen Parteien die rechtskonservative AfD die Nase weiter vorn. Aber die Freien Demokraten, wie sie sich seit einiger Zeit (wieder) nennen, holen auf. Die meisten Umfrageinstitute sehen sie aktuell über fünf Prozent. Aber in Zeiten, da Wahlen nicht unmittelbar bevorstehen, ist auch eine „vier“ vor dem Komma kein Beinbruch. Wenn’s dann drauf ankommt, ist der letzte Prozentpunkt schnell eingefahren – so war es zumindest über Jahrzehnte – bis zur unglückseligen Bundestagswahl 2013.

Dass diese Katastrophe zu einer Episode zusammenschnurrt, daran arbeiten Christian Lindner und seine Leute. Ein Teil dieser Strategie ist die Rundum-Kritik. SPD und Grüne konnten es der FDP ohnehin nie recht machen. Die CSU war in gemeinsamen Regierungszeiten was für Katzen der vertraute Reibebaum ist. Wenn es gegen Horst Seehofer geht, nimmt Lindner sogar Angela Merkel in Schutz. Aber auch nur dann.

In der Flüchtlingspolitik ist er auf der Seite ihrer Fundamentalkritiker: „Mit dem hektischen Hin und Her in der Flüchtlingskrise“ habe sie den „schwersten Fehler ihrer Amtszeit gemacht“, wettert er.

Rhetorik und Realpolitik näher bringen

Für die Abgrenzung zu jener Partei, mit der die FDP so lange gemeinsam regiert hat, kommt ihr das parlamentarische Aus gar nicht so schlecht zupass. So konnte Lindner gefahrlos die Unionsabgeordneten warnen, den milliardenschweren Hilfspaketen für Griechenland zuzustimmen. Die klaren Worte konnten die Mehrheit der Kanzlerin nicht gefährden. Wie sich seine Partei im Regierungsfalle verhalten hätte, war kein Thema.

Aber der Vorsitzende hat ja noch zwei Jahre Zeit, Rhetorik und Realpolitik einander wieder anzunähern. Erst einmal gibt es allerdings im kommenden Frühjahr einen dreifachen Testlauf: Im sprichwörtlichen „Stammland“ Baden-Württemberg sowie in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sind Landtagswahlen. Dort hat die Partei keine so publikumswirksamen Spitzenkandidatinnen wie in Hamburg und Bremen, wo Katja Suding und Lenke Steiner sie in die Parlamente zurückgeführt haben.

Ein-Mann-Show

Hier muss die FDP stärker darauf setzen, dass es Menschen gibt, die sie vermissen. Der „klassische Mittelstand“ fühle sich in Zeiten der großen Koalition heimatlos, wird Manfred Güllner, der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa nicht müde zu betonen. Eine Art „Wirtschaftsrat“ wie ihn die CDU hat, will er auf die Beine stellen. Jüngst gab es auch Zulauf von der anderen Seite des politischen Spektrums. Zwei ehemalige Vorsitzende der Piraten-Partei haben sich der FDP angeschlossen.

Er befinde sich im „Aufstiegskampf“ bescheinigte ihm, das normalerweise eher nicht FDP-freundliche Spiegel-online. Außer eisernen Nerven braucht der 36-jährige dazu auch die Kondition eines Marathonläufers. Denn zwar versucht er, auch andere Persönlichkeiten seiner Partei ins Spiel und in die Medien zu bringen. Doch hält er Erfolg sich bisher in Grenzen. Noch ist der liberale Aufstiegskampf vor allem eine Ein-Mann-Show.