Libyen nach Gaddafi: Ärzte ohne Grenzen prangern Folter in Libyen an

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Einschusslöcher in der Wand, daneben eine gesprühte Losung: „Misrata, Stadt der Helden!“ Drei Monate lang wurde die Stadt im vergangenen Frühjahr von den libyschen Regierungstruppen belagert und beschossen. Immer wieder drangen die Soldaten Muammar al-Gaddafis in die Stadt vor, immer wieder wurden sie von den Rebellen zurückgeschlagen.

Die Zerstörungen, die die Kämpfe hinterlassen haben, prägen auch heute noch das Stadtbild. Doch sie sind klein im Vergleich zu den Verletzungen, die die Menschen erlitten haben.

Ein Mann in schwarzer Lederjacke und Jeans öffnet ein Tor in der besprühten Mauer. Dahinter tut sich eine neue Wunde auf: das Militärgefängnis von Misrata. Seit Januar ist bekannt, dass die hier Gefangenen brutal gefoltert werden. Der Heldenstatus der Stadt, die berühmt geworden ist wegen ihres Leidens und wegen ihrer Kämpfer, die bei der Eroberung von Tripolis ganz vorne dabei waren, hat einen Kratzer bekommen.

Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ hat die Misshandlung der Häftlinge bekannt gemacht. Es könne nicht die Aufgabe der ausländischen Ärzte sein, Gefangene nach einer Foltersitzung zu versorgen, damit sie gleich darauf zum nächsten Verhör abgeholt würden, hat die renommierte Hilfsorganisation erklärt. Sie hat aus Protest die Arbeit in den Gefängnissen eingestellt.

Die Menschen sehen in jedem hier Mörder

Der Mann in der Lederjacke winkt einen Gefangenen heran: „Erzähl‘ der Presse, was mit dir geschehen ist!“ Der Häftling hält den Kopf gesenkt, nur aus dem Augenwinkel sieht er auf die Besucher. „Nichts ist passiert“, sagt er. Er sei Soldat in Gaddafis Armee gewesen, habe auch in Misrata gekämpft. Als die Rebellen im August Tripolis eroberten, sei er in Gefangenschaft geraten. „Zum Glück ist alles in Ordnung“, sagt er, die Menschen in Misrata seien gut zu ihm. Doch sein Ohr trägt Narben, sein Kopf ist zerschunden. Seine Unterlippe zittert.

Nach einer Weile räumt der Mann schließlich ein, dass er seit seiner Festnahme seinen Arm nicht mehr bewegen kann. Und dann bricht es aus ihm heraus. Er erzählt, wie er auf der dreistündigen Fahrt von Tripolis nach Misrata und in den folgenden Tagen im Gebäude des Sicherheitsdienstes geschlagen wurde. Und noch einmal geschlagen und immer wieder geschlagen.

„Ich habe den Mann gesehen, als er hier ankam, und ich staune, dass er noch lebt“, mischt sich ein Mann im Kampfdress ins Gespräch ein. Scheich Fathi, wie ihn alle nennen, ist kein Mithäftling, er ist Direktor dieses Militärgefängnisses, zuständig für über tausend Insassen. Die meisten von ihnen wurden nicht hier in Misrata, sondern in Tripolis, Sirte und Tawarna gefangen genommen.

Fast alle hätten bei ihrer Ankunft im Gefängnis dringend ärztliche Hilfe benötigt, berichtet Scheich Fathi, der mit seinem Turban und dem langen Bart ein wenig wie Osama bin Laden aussieht. „Wir waren dankbar, dass die ausländischen Ärzte uns geholfen haben. Die Krankenhäuser in Misrata sind zumeist nicht bereit, diese Gefangenen zu behandeln. Das müssen Sie verstehen: Die Menschen hier sehen in jedem von ihnen den Mörder ihres Sohnes oder den Vergewaltiger ihrer Tochter.“

Seine braunen Augen werden immer wieder feucht, während er über seine Gefangenen spricht. „Es ist für uns natürlich schlecht, dass sich die ,Ärzte ohne Grenzen‘ zurückgezogen haben und dass sie in alle Welt herausschreien, dass in Misrata gefoltert wird“, sagt er. „Ich persönlich bin aber auch sehr froh darüber. Durch den Druck wird sich hoffentlich endlich etwas ändern.“

Folter bei Festnahme

Wie bitte? Wenn er doch der Gefängnisdirektor ist: Wieso kann er nicht aufhören zu foltern? „Ich schwöre Ihnen, es wird nicht hier im Gefängnis gefoltert“, antwortet Scheich Fathi. „Oft werden die Gefangenen aber bei ihrer Festnahme sehr brutal behandelt. Und auch später werden sie immer mal wieder zum Verhör abgeholt, und dann bringt man sie uns mit deutlichen Spuren der Folter zurück.“

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Das Problem, sagt Scheich Fathi, sei das Fehlen staatlicher Strukturen. Es gebe weder eine funktionierende Justiz, um die Gefangenen abzuurteilen, noch eine Regierung, die stark genug sei, dem Rachedurst der ehemaligen Rebellen Einhalt zu gebieten. So folge auf altes Unrecht neues Unrecht.

Scheich Fathi war bis vor einem Jahr Autohändler. Als Gaddafis Truppen Misrata unter Beschuss nahmen, wurde aus ihm ein Rebell. „Alle kämpften, doch es gab niemanden, der sich um das Gefängnis kümmern wollte. Also habe ich es gemacht“, erzählt er. Von seiner Hoffnung auf ein besseres Libyen, eines, in dem die Menschenrechte gelten, will er nicht lassen. „Reden Sie mit den Gefangenen! Schreiben Sie es auf! Bitte, wir brauchen Hilfe!“, fleht er.

In den Schlafsälen der Gefangenen stehen Etagenbetten dicht an dicht, verhängt mit Decken gegen den kalten Wind. Dazwischen wird auf Spiritusflammen gekocht. „Wer wurde in letzter Zeit zum Verhör abgeholt?“, ruft der zuständige Wärter, ein kleiner stämmiger Mann mit Bart und Kampfanzug, in den Saal. Betretenes Schweigen.

„Keiner? Das kann doch nicht sein!“, bohrt der Wärter nach. Ein Mann tritt vor: „Ich, letzte Woche“, sagt er. „Wie wurden Sie behandelt? Hat man Sie geschlagen?“, fragt der Wärter. Der Gefangene schüttelt unmerklich den Kopf. „Ich will nicht lügen“, sagt er, dreht sich um und humpelt weg.

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