BerlinAls amerikanischer Journalist, der in Deutschland lebt, ist für mich heute nicht so sehr der Tag, an dem wir einen neuen Präsidenten wählen, sondern vielmehr der Tag, an dem deutsche Journalisten ihre atemlose Herablassung endlich woanders ausleben können. In der vergangenen Woche haben sich die deutschen Medien – einschließlich dieser Zeitung – erst erzählt, wie katastrophal eine zweite Trump-Amtszeit wäre und dann, wie enttäuschend und irrelevant eine Biden-Präsidentschaft wäre.

Hauptsächlich wollen viele Journalisten zeigen, was für großartige Amerikaversteher sie sind, und das ist ärgerlich für Leute, die – wie wir Amerikaner gerne sagen – einen Hund bei dieser Jagd haben. Ich würde den Ausdruck erklären, aber ich bin sicher, dass die Amerikaversteher ihn nicht nur kennen, sondern ihn auch regelmäßig verwenden (sorry, ein echter deutscher Amerikaversteher würde „US-Amerikaversteher“ sagen).

Die Wahrheit über diese Wahl haben wir bei der letzten erfahren: Wir haben keine Ahnung, wie sie ausgehen wird. Mein Gefühl sagt mir, dass Trump nicht viele neue Stimmen gewinnen wird, weil die Leute, denen seine Politik gefällt, auch das letzte Mal für ihn gestimmt haben und er jeden, der unentschieden war, entfremdet hat. Wie die meisten Amerikaner dachte auch mein alternder Vater, Trump sei nur ein reicher Clown (eine Rolle, die Trump, wissentlich oder unwissentlich, jahrzehntelang gespielt hat). Inzwischen hält ihn mein Vater für einen gefährlichen, soziopathischen Clown.

In der Zwischenzeit hat Präsident Trumps rassistischer und bizarrer Regierungsstil die Opposition belebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er diesmal mehr Stimmen erhält, und hoffentlich bekommen Biden und Harris genug Stimmen, um zu gewinnen.

Aber wir wissen nicht, wie die Wahl ausgehen wird.

Deutsche Zeitungen geben ein anderes Bild ab. Allein heute habe ich gelesen, dass Amerika nicht nur an der Schwelle zu einem zweiten Bürgerkrieg stehe, sondern auch an der Schwelle zu einem Krieg mit China. Der erste Text beruht auf Deutschlands nicht enden wollender Ungläubigkeit über Amerikas Waffenproblem, und der zweite beruht auf – nun, ich habe keine Ahnung, aber es ist sicherlich nichts Neues oder etwas, das von der heutigen Abstimmung stark betroffen wäre.

Zwar mag es in dieser Woche in den USA ein wenig sporadische Schusswaffengewalt geben, aber sie wird nicht schlimmer sein als in jeder anderen Woche. Ein organisierter Aufstand in einem wirtschaftlich so entwickelten Land wie den USA ist leicht durch Dinge wie Ballettunterricht und Verkehrsstaus zu vereiteln.

Konservative lieben es, sich in Armeekleidung zu werfen und mit ihren Sturmgewehren zu Regierungsgebäuden zu spazieren, aber sie wissen, dass sie ihr Wochenendhaus an der Küste nie wieder sehen werden, wenn sie dort den Abzug drücken.

Und diejenigen, die glauben, dass eine Biden-Präsidentschaft und eine zweite Trump-Amtszeit international kaum einen Unterschied machen würden, möchte ich fragen, wie ein Deutschland unter der Führung von Friedrich Merz im Vergleich zu einem Deutschland unter der Führung von Annalena Baerbock aussehen würde.

Das absolut schlechteste Ergebnis der heutigen Wahl wäre, dass wir das bekommen, was wir in den letzten vier Jahren hatten. Dann wissen wir aber wenigstens, womit wir es zu tun haben: Die Welt wird das Coronavirus-Problem trotz Präsident Trump lösen, und dann kann ein Erwachsener ins Weiße Haus zurückkehren und den Schlamassel aufräumen, ganz so, wie Präsident Obama vieles (aber leider nicht alles) von Präsident Bushs Unrecht wieder gutgemacht hat.

Ich möchte eine weitere Vier-Jahre-Regierung durch Trump nicht herunterspielen – aber der Himmel wird nicht einstürzen. Wir würden hoffentlich eine Machtverschiebung im Senat erleben, die auch eine Pattsituation schaffen und uns etwas Zeit bis zur nächsten Wahl verschaffen würde.

Meine Vorhersage – und ich irre mich sehr oft – ist, dass Biden und Harris klar gewinnen werden und Präsident Trump verkündet, dass dies die ganze Zeit seine Absicht war. Niemand hat ihn als Präsidenten geschätzt, und er kann als Medienstimme viel mächtiger sein, als Über-US-Amerikaversteher, wenn Sie so wollen.

Und die deutschen Medien können sich endlich auf andere Dinge konzentrieren.

Andrew Bulkeley ist Redakteur der englischen Ausgabe der Berliner Zeitung English Edition. Folgen Sie ihm auf Twitter.