Manche Beziehungen können derzeit nur digital gepflegt werden.
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Berlin Der Koffer steht noch halb gepackt im Wohnzimmer, die Reise habe ich nicht angetreten. Ich wollte zu meiner Mutter fahren, sie wohnt in Süddeutschland, in knapp sechs Stunden kann ich bei ihr sein, wenn ich den ICE nehme. Doch bei dem Gedanken an die Reise, die Ansteckungsmöglichkeiten, war uns beiden immer mulmiger geworden.

Wir telefonierten. Meine Mutter zitierte Angela Merkel mit dem Satz,  man solle soziale Kontakte auf das Nötigste beschränken. Ich zitierte den Charité-Virologen Christian Drosten, der in seinem NDR-Podcast sagte, man könne seine Eltern noch besuchen, so lange man keine Symptome aufweise. Aber ob das auch gilt, wenn man ein paar Stunden lang in einem möglicherweise gut besetzten Zugabteil sitzen muss, um diesen Besuch machen zu können?

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Meine 83 Jahre alte Mutter hat wohl eher Angst, ich könnte mich an ihrem Tod schuldig fühlen, als vor dem Tod selbst. „Du musst dann denken, dass ich mich auch beim Einkaufen angesteckt haben kann,“ sagte sie immer wieder. Vielleicht war es dieser Satz, der mich dazu brachte, ihr zu sagen, dass ich besser in Berlin bliebe. „Damit machen wir keinen Fehler“, sagte meine Mutter. Das war am Abend.

Unbedingt nötig?

Am nächsten Morgen warf ich den Beschluss wieder um, rief meine Mutter an. Sie sagte, sie freue sich. Eine Stunde verging, in der die Zweifel sich wieder Zugang verschafften. Ich konsultierte die Webseite des Robert-Koch-Instituts. Man solle auf Bahnreisen verzichten, wenn sie nicht unbedingt nötig seien, heiß es dort. Meine Mutter lebt allein, braucht Hilfe und Gesellschaft. Aber unbedingt nötig? Ich rief meine Mutter an.

Das Coronavirus zeigt uns alles Mögliche in diesen Tagen. Wie egoistisch wir sind, und wie sehr andererseits bereit, anderen zu helfen. Wie schwer es ist, Ungewissheit auszuhalten, und wie gern wir in Gesellschaft sind, gerade jetzt. Und nicht zuletzt macht er uns die entgrenzten familiären und freundschaftlichen Bindungen bewusst, in denen wir leben.

Eine Liebesbeziehung ist kein triftiger Grund

Meine Eltern blieben an dem Ort, an dem sie geboren sind, und damit in der Nähe der Eltern. Das war bei vielen in dieser Generation so. In meinem Freundeskreis aber gibt es nicht besonders viele, die in Berlin geboren sind. Und so sind die Eltern über ganz Deutschland verstreut. Wir kennen es nicht mehr anders. Das wurde bisher höchstens thematisiert, wenn wir Kinder bekamen und dachten, wie schade es ist, dass die Großeltern so weit weg sind. Wir fuhren dann eben in den Ferien hin.

In der mobilen Lebens- und Arbeitswelt gibt es Paare, die nicht am selben Ort leben, manchmal nicht einmal im selben Land oder auf demselben Kontinent. Vor ein paar Stunden schrieb mir eine Freundin, sie und ihr Freund würden sich nun einige Zeit nicht mehr sehen. Er lebt in der Schweiz. Von dort dürfen nur noch Menschen nach Deutschland einreisen, die einen „triftigen Grund“ haben, wie es der Innenminister ausdrückte. Eine Liebesbeziehung zählt wohl nicht dazu. Der Mann einer anderen Freundin arbeitet in den USA. Er könnte zwar nach Deutschand zurück, käme aber dann nicht mehr  an seinen Arbeitsplatz.

Mobilität war so selbstverständlich, dass wir gar nicht weiter darüber nachdachten, oder höchstens in Bezug auf die CO2-Last, die ein Flug, eine Zug- oder Autofahrt bedeuten. Wer hätte sich noch vor einer Woche geschlossene Grenzen innerhalb von Europa vorstellen können? Jetzt sind sie bittere Realität.

"Zugang verweigert"

Meine Schwester und ihr Sohn sitzen im Hausarrest in Spanien, wann wir uns wiedersehen, weiß gerade keiner. Meine Tochter macht ein Austauschjahr in England. In dem kleinen Städtchen am Meer, in dem sie lebt,  gibt es derzeit noch keinen Corona-Fall, Boris Johnson hält die Schule  offen, vor meiner Tochter liegen die schönen Monate, die nach der ersten harten Zeit der Eingewöhnung in der Fremde kommen.

Aber die Sorge für sie haben jetzt andere. „Wir kommen da zusammen durch“, lautete die Nachricht, die ihr Betreuer schrieb. Die Gastmutter mailte, sie würde mehrmals täglich die Oberflächen in der Wohnung desinfizieren. Was aber, wenn das Virus auch dort angekommen ist, was, wenn sie die Grenzen zwischen unseren Ländern schließen, der Flugverkehr zum Erliegen kommt. Ob es noch Flüge von Manchester nach Berlin gibt, lässt sich derzeit nicht feststellen. Die Webseite der Airline ist unter dem Ansturm der Nutzer zusammengebrochen. „Access denied“, heißt es immer wieder. „Zugang verweigert.“ Das fasst die Lage gut zusammen.

Die Wissenschaftler sagen, diese Pandemie sei kein Spurt, sondern wir müssten uns auf einen Marathon einstellen. Für Fernbeziehungen jeder Art ist das eine schwere Zeit.