Ferratti Gebaude in Berlin Kreuzberg: Sitz der Redaktion.
Foto: Berliner Zeitung/Mike Fröhling

Die Redaktion der Berliner Zeitung ist die Redaktion in Deutschland, in der die Vergangenheit manchmal drei Jahrzehnte und manchmal nur ein paar Sekunden entfernt ist. Das ist eine Aufgabe. Und seit dem vergangenen Freitag, seitdem unser Verleger Holger Friedrich erklärt hat, vor dreißig Jahren an die Staatssicherheit der DDR berichtet zu haben, ist diese Aufgabe nicht kleiner geworden.

Die Redaktion debattiert seit diesem Tag intensiv über diesen Fall und die Frage, wie sie damit umgehen soll. Unsere Antwort: Wir werden damit umgehen wie mit anderen Fällen auch, wir werden diesen Fall journalistisch aufbereiten. Wir werden Fakten sammeln, wir wollen die Akten – die Opfer- und die Täterakte – einsehen. Die Redaktion wird sich ein Bild machen und auch Experten bitten, sich ein Bild zu machen. Sie wird auch versuchen, mit Menschen zu reden, die in den Akten auftauchen. Holger Friedrich hat der Redaktion ausdrücklich zugesichert, sie auf diesem Weg zu unterstützen. Die Berliner Zeitung wird über den Fall berichten, wie sie auch sonst berichten würde. Journalistisch klar und unabhängig.

Die Redaktion der Berliner Zeitung hat sich selbstverständlich gefragt, wieso Holger Friedrich sie nicht schon früher, nämlich als er den Verlag gekauft hat, darüber informierte, dass da etwas ist, was sie wissen sollte. Wir werden unseren Verleger dazu befragen. Wir wollen seine Beweggründe kennenlernen, wir wollen verstehen, wie seine Entscheidung zustande kam.

Roland Jahn, der Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, hat in einem Interview der Zeit zum Fall Friedrich gesagt: „Persönliche Aufarbeitung, das Bekenntnis zur eigenen Stasi-Tätigkeit muss nicht immer öffentlich geschehen. Es kann auch im Gespräch mit den Bespitzelten geschehen, die letztlich die Opfer waren, auf die das SED-Regime und die Stasi Druck ausgeübt haben.“

Holger Friedrich hatte sich entschieden, über seine Geschichte nicht öffentlich zu reden. Er hat der Redaktion am Freitag zu verstehen gegeben, dass er dieses Thema für sich abgeschlossen hatte. Das ist für viele in der Redaktion und im Land nicht befriedigend. Auch über diese Entscheidung wird zu debattieren sein. Und über die Frage, ob Roland Jahns Satz, dass ein Bekenntnis nicht immer öffentlich sein muss, für einen Verleger richtig sein kann.

DDR-Aufarbeitung gelingt nur mit Transparenz, Wahrhaftigkeit und Mut

Wir sind eine Redaktion mit einer langen und schmerzhaften Geschichte in der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Wir haben dabei gelernt, dass diese nur mit Transparenz, Wahrhaftigkeit und Mut gelingen kann. Dies gilt auch für die jetzige Situation.

Die Redaktion der Berliner Zeitung wird sich auch damit beschäftigen, warum in diesem Land dreißig Jahre nach dem Mauerfall so viele Fragen nicht beantwortet sind und Menschen ihre Geschichte nicht offenlegen. Wir haben in den Sonderausgaben zum Mauerfall-Jubiläum dafür plädiert, aus der Geschichte zu lernen und uns nicht ewig in gegenseitigen Schuldzuweisungen zu verlieren zwischen Ost und West beziehungsweise Systemtreuen und Dissidenten, da wie dort.

Einige Reaktionen auf das Bekanntwerden der Stasi-Vergangenheit von Holger Friedrich zeigen aber auch, dass manchmal die Chance, zu einem angemessenen Urteil zu kommen, noch schneller vergeben wird, als man nach dreißig Jahren Geschichte erwartet hätte. Der Chefredakteur der Bild-Zeitung twitterte: „Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist die @berlinerzeitung wieder in Stasi-Hand“.

Nein, das sind wir nicht. 

Die Berliner Zeitung hat – gerade weil sie in den letzten 30 Jahren immer besonders in den Kämpfen der Zeit stand – gelernt, die Dinge differenziert zu betrachten. Wenn es um ihre Leserinnen und Leser und deren Lebensgeschichte geht, wenn es um die eigenen Redakteurinnen und Redakteure und auch wenn es um Politikerinnen und Politiker geht. Das ist etwas Besonderes an dieser Zeitung. Das macht sie widerstandsfähig gegen Ideologie und Lagerdenken. Das macht sie manchmal tastender und vorsichtiger, hält sie aber wach.

In Deutschland hat es nach dem Mauerfall keine Wahrheitskommissionen gegeben wie in Südafrika oder ähnliche institutionelle Angebote. Zeitungen haben diese Debatten oft geführt, die Berliner Zeitung ist auch dafür bekannt.

Wir möchten Debatten anstoßen - auch mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser

Wir werden auch jetzt eine Debatte führen, oder besser gesagt zwei. Die eine mit unserem Verleger über seine Verantwortung. Die andere mit uns und diesem Land über die Frage, wieso die Deutschen dreißig Jahre nach dem Mauerfall nicht weiter gekommen sind in der Pflicht, uns unserer Verantwortung zu stellen und unsere besondere Geschichte eines geteilten Landes in all ihrer Härte zu erkennen. Um es mit Roland Jahn zu sagen: „Niemand soll auf ewig verdammt sein. Auch wer sich mit der Stasi eingelassen hatte, soll heute eine Chance bekommen. Aber keiner darf aus der Verantwortung für sein Handeln entlassen werden.“

Darüber möchten wir mit Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, debattieren. Sprechen Sie mit uns, schonungslos. Schreiben Sie uns. Denn, wie gesagt, in der Berliner Zeitung sind die vergangenen dreißig Jahre manchmal nur Sekunden entfernt. Diesem Befund müssen und werden wir uns stellen.

Herzlich,

die Chefredakteure Jochen Arntz und Elmar Jehn