Rafa traut seinen Augen nicht, als er Amaia zum ersten Mal wiederbegegnet. Kennengelernt hatte er sie in Sevilla, da trug sie ein Flamenco-Kostüm, und er fand sie schön und aufregend. Jetzt ist er ihr in ihr baskisches Heimatdorf nachgereist und erblickt sie zum ersten Mal in ihrer Alltagskleidung: „Du siehst ja aus, als kämest du von der Weinlese“, entfährt es ihm. „Kannst du dich nicht normal anziehen?“

Mehr als neuneinhalb Millionen Zuschauer stürmten vor zwei Jahren die spanischen Kinos, um sich die Liebesgeschichte zwischen Rafa und Amaia anzuschauen. Der Film „Ocho apellidos vascos“, der unter dem Titel „Acht Namen für die Liebe“ vergangenes Jahr auch in Deutschland lief, ist nach „Titanic“ der erfolgreichste Film aller Zeiten in Spanien.

Er beschreibt einen Zusammenprall der Kulturen: der andalusischen und der baskischen. Eine der unumstößlichen Wahrheiten, die das Werk des Regieveteranen Emilio Martínez Lázaro aufs Korn nimmt, ist die Unbegabtheit der Basken für die Liebe. Als Rafa, der geschniegelte Sevillaner, eine erste Nacht mit Amaia verbringt, schläft die Schöne neben ihm im Bett bloß ihren Rausch aus. Rafas Freunde sind trotzdem beeindruckt: Neben einer Baskin zu liegen, sei so viel wert wie dreimal mit einer Frau aus Málaga zu schlafen. Rafa ist das nicht genug. Er reist Amaia hinterher und braucht einen ganzen Film lang, um sie schließlich für sich zu gewinnen. Denn Baskinnen (und Basken) sind schwer zu haben.

Im Baskenland ist beim Flirten Geduld gefragt

Ob das Vorurteil nun die Wahrheit trifft oder nicht: Die Basken selbst haben es verinnerlicht. Vor ein paar Jahren riefen die Schöpfer eines Unterhaltungsprogramms im baskischen Fernsehen, Euskadi Comanche, in San Sebastián zu einer Demonstration dafür auf, dass im Baskenland „mehr und besser“ geflirtet werde. Fast niemand kam. „Wir hatten recht“, sagte hinterher der Moderator Iñaki Urrutia, „im Baskenland wird nicht geflirtet.“

„Im Baskenland mit jemandem anzubändeln, ist schwieriger, als am Nordpol Kühlschränke zu verkaufen“, stellt die baskische Tageszeitung El Correo fest. Wer es dennoch schaffe, biete damit „allen Statistiken und internationalen Studien“ die Stirn. Was natürlich übertrieben ist. Eine Studie unter spanischen Studenten aus dem Jahr 2010, veröffentlicht in der Zeitschrift Behavioral Psychology, kam zu dem Schluss, dass die baskischen Befragten beim Umgang mit dem anderen Geschlecht eher feuchte Hände bekamen als ihre Altersgenossen im Rest Spaniens. Die regionalen Unterschiede seien „nicht groß“, versicherte der Studienleiter Vicente Caballo von der Universität Granada. Aber immerhin groß genug, um darauf ein ganzes Stereotypengebäude aufzubauen.

Wer im Baskenland flirten wolle, schreibt El Correo, müsse sich „mit Geduld wappnen“ – und damit rechnen, am Ende „wahrscheinlich nicht zum Zuge zu kommen“. Als größtes Flirthindernis schildert die Zeitung die „cuadrilla“, die Freundesgruppe oder Clique, mit der jeder Baske über eine „eiserne und unbezwingbare Nabelschnur“ verbunden sei. Das sei die mühsamste Aufgabe: die Freunde oder Freundinnen des begehrten Menschen für sich zu gewinnen.

Auch Basken feiern den Valentinstag

Wahrscheinlich gibt es weitere Hindernisse. Die baskische Gesellschaft ist politisch noch stärker zersplittert als die anderer Weltgegenden, es gibt linke Nationalisten und rechte Nationalisten und linke und rechte Anti-Nationalisten; eine Liebe über solche ideologischen Gräben hinweg hätte das Zeug zum Shakespeare-Drama. Nichtbasken wie etwa die Filmfigur Rafa aus „Ocho apellidos vascos“ finden außerdem die Aufmachung vieler (vor allem linksnationalistischer) Basken etwas abtörnend – wer’s kennt und erlebt hat, fühlt sich an westdeutsche Universitätsstädte der Achtzigerjahre erinnert.

Hinzu kommt ein hier etwas stärker als im Rest Spaniens entwickeltes Bewusstsein für die Tücken der Anmache. Die Papierservietten eines Restaurants an der Plaza Nueva in Bilbao tragen den Aufdruck: „Insistieren heißt bedrängen. Bedrängen heißt angreifen. Nein ist Nein.“ Eine Aufforderung, die Annäherungsversuche nicht zu weit zu treiben.

„Trotz ihres Rufes der Schüchternheit: Auch die Basken feiern den Valentinstag“, behauptet optimistisch die Madrider Zeitung ABC – und empfiehlt acht baskische Restaurants für ein romantisches Abendessen. Die baskische Küche ist wahrscheinlich die beste Spaniens. Aber sie allein ist kein Grund, im Baskenland zu bleiben. Eine junge baskische Bloggerin, Amaia Michelena, erzählt von einer unglücklich geendeten Liebesgeschichte mit einem baskischen Landsmann. „Ich werde weiter nach meiner besseren Hälfte suchen“, schreibt Michelena. „Aber diesmal in Andalusien!“