Berlin - Da draußen, wie man im Internet gern mal sagt, kursieren etliche veraltete Vorurteile. Zum Beispiel, dass Politiker-Interviews frischer oder jugendgerechter werden, wenn man die Politiker mal mit jüngeren Fragestellern quält. Oder dass man als Politiker irgendwas im Internet machen muss, wenn man junge Wähler erreichen will, weil ja das Internet so’n Ding für junge Leute ist. Oder auch, dass man die Bundeskanzlerin so richtig aus der Reserve lockt, wenn sie mal von normalen Bürgern befragt wird.

Um es vorweg zu nehmen: Das Internet-Event, das auf diesen Vorurteilen aufgebaut war und das an diesem Mittwoch von bis zu 56.000 Nutzern der Video-Plattform YouTube live verfolgt wurde, widerlegte alle diese Thesen. Jüngere Fragesteller spielen auch nur die Profi-Journalisten nach, die sie aus dem Fernsehen kennen. Die Internet-Gemeinde hat am Ende dieselben Fragen wie die Zeitungsleser. Und mit normalen Wählern kann Merkel sogar ziemlich gut, zumal auch die sie längst nicht mehr mit unerwarteten Fragen überraschen.

Nicht abgesegnet, aber einstudiert

So kommt in der guten Stunde am frühen Nachmittag, in der vier prominente, eher jugendliche Youtube-Stars nacheinander ihre persönlichen und – wie einer davon  betonte „vorher nicht abgesegnete Fragen“ – an Merkel richten, am Ende ein solides  ZDF-Sommerinterview heraus. Eine neue Facette entlockten Technikexperte AlexiBexi, Modefachfrau Ischtar Isik, Nachrichtenerklärer MrWissen2Go und Alltagsbloggerin Lisa „ItsColeslaw“Sophie der Kanzlerin nicht, eine Neuigkeit auch nicht.

Und selbst, dass Merkel ihre bekannten Äußerungen zu Themen wie sozialer Gerechtigkeit, Flüchtlingskrise oder Homo-Ehe via Youtube zumindest neuen Zielgruppen übermittelt, darf bezweifelt werden. Dagegen sprechen jedenfalls die Fragekomplexe, die nicht abgesegnet, aber offensichtlich einstudiert und von der Produktionsfirma Studio71 mit aufwendigen Einspielfilmchen eingeleitet wurden.

Rechnen, Schreiben, Lesen, Programmieren

Lisa Sophie muss das Eis allen Ernstes mit der Einstiegsfrage brechen, wie Merkel die Schere zwischen Arm und Reich schließen will. Die beruft sich auf niedrige Arbeitslosenzahlen und den Mindestlohn. Kurz wird es sympathisch, als die Fragerin nach abstrakter Bildungspolitik über ihre eigenen Erfahrungen beim Abitur spricht: Unfair sei doch, dass sie in Bayern viel höhere Anforderungen habe erfüllen müssen als die Schüler anderwso. „Seien Sie doch froh, dass es streng war“, pariert Merkel, „vielleicht hilft Ihnen das ja später.“

Ab und zu fühlt sich zumindest die Kanzlerin verpflichtet, dem besonderen Veranstaltungsort Internet gerecht zu werden  – und fügt etwa den drei wichtigsten Sachen, die man in der Schule lernen müsse, nach „Rechnen, Schreiben, Lesen“ flugs an: „Und dann vielleicht  Programmieren.“

Merkels Lieblings-Emoji

Und im Anschlussgespräch mit „AlexiBexi“, der sich vorgenommen hatte, sich durch Merkels Standardantworten zum Dieselskandal und zum Netzausbau zu quälen, verrät sie immerhin ihre Lieblings-Emojis: „Der Smiley“, sagt sie, nun selbst lächelnd, „und wenn’s besonders gut geht, auch mal mit Herzchen dran. Und wenn’s nicht so gut geht, auch  mal die Schnute.“ Das ist immerhin neu und angesichts der zentralen Bedeutung des Kanzlerhandys in Merkels Kommunikation sogar ein bisschen interessant.

In welchem Spannungsfeld die Youtuber stehen, zeigt sich jedoch sogleich in den Reaktionen auf Twitter: „Was interessiert mich, welches Lieblingsemoji Merkel hat“, unkt Userin Keksgöttin. Jemand anders schimpft auf Merkels Antwort, wonach sie sie sich etwa über Facebook und Instagram an die Jugend wende: „Wie wäre es mal mit Inhalten für die Jugend?“

„Sowas hat es noch nie gegeben”

Die Anliegen, die die Videoblogger aus ihren „Communities“ eingesammelt haben, entsprechen allerdings denen der Bundespressekonferenz. Beauty-Bloggerin Isik fragt nach Gleichberechtigung der Frau und MrWissen2Go nach der Angst vor einer Islamisierung. Merkel sagt einmal, dass sie sich auch in der Politik „gegen anzügliche Äußerungen“ einsetze und das andere Mal, dass man mit dem Islam selbstbewusst umgehen kann, weil Recht und Gesetz für alle gelten und wenn die Deutschen ihren eigenen Glauben und Überzeugungen leben.

Nach der Show findet „AlexiBexi“ trotzdem, dass es sowas im Fernsehen noch nie gegeben habe. Und dass er „das Format als authentische Chance empfindet, etwas zu etablieren, das diesen leidenschaftlichen Ansatz mit sich bringt“. Er sagt das wortwörtlich so. Und das sagt eigentlich auch schon alles.