Ein Missbrauchsskandal erschüttert die Linkspartei. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ soll es im Landesverband der Linkspartei in Hessen über mehrere Jahre hinweg zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Laut der Recherche sei davon auch eine damals Minderjährige seit 2017 betroffen gewesen.

Bundestagskandidat soll Sex mit Minderjähriger gehabt haben

Die Vorwürfe richten sich derzeit noch hauptsächlich gegen einen früheren Bundestagskandidaten. Er soll über Jahre auch sexuelle Kontakte zu der minderjährigen Betroffenen geführt haben. Brisant ist dabei auch, dass der Beschuldigte zeitgleich in einer Beziehung mit der derzeitigen Bundesvorsitzenden Janine Wissler gestanden haben soll. Wissler sei zudem von der Betroffenen über die Affäre selbst informiert worden sein.

Wissler verneint Täterschutz

Die Bundesvorsitzende Janine Wissler wandte sich entschieden dagegen, dass „mir unterstellt wird, ich hätte irgendjemanden geschützt“. Wissler sagte, sie kenne eine der beiden betroffenen Frauen. Diese habe ihr 2018 mitgeteilt, „dass sie ein sexuelles Verhältnis zu meinem damaligen Partner hatte.“ Nach dieser Offenbarung habe sie die Beziehung beendet. Bei keinem der darauf folgenden Kontakte mit ihr „wurde der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs oder der sexuellen Gewalt erhoben“, so Wissler. Auch sei sie nicht um Hilfe gebeten worden.

In dem anderen Fall habe sie im November 2021 einen Instagram-Screenshot zugeschickt bekommen, erklärte Wissler. Darin habe eine ihr nicht persönlich bekannte junge Frau angegeben, „dass sie vor einigen Jahren durch ein Mitglied der Wiesbadener Linken sexuell missbraucht und durch ein Mitglied der Wiesbadener SPD sexuell belästigt worden sei“. Wissler betonte, sie nehme Vorwürfe von sexueller Belästigung, sexueller Gewalt und Missbrauch sehr ernst und habe sofort gehandelt, als ihr derartige Vorwürfe bekannt geworden seien.

Auch Landesvorstand war seit November 2021 darüber informiert

Mittlerweile soll es mehr als zehn weibliche und männliche Betroffene geben, die sich zu den Vorgängen geäußert haben. Auch weitere Linken-Mitglieder sehen sich mit Anschuldigungen konfrontiert. Darunter ist auch ein Landtagsabgeordneter. Die Linkspartei in Hessen reagierte nun auf die Vorwürfe. So erklärte der geschäftsführende Landesvorstand am Freitag: „Wir nehmen die aufgeworfenen Anschuldigungen sehr ernst und haben, seit wir ab Ende November 2021 davon Kenntnis erlangt haben, begonnen, diese auf allen Ebenen aufzuarbeiten.“ Das Parteigremium zeigte sich schockiert von der aktuellen Berichterstattung.

Chatverläufe weisen Fehlverhalten auf

Es gebe Dokumente wie Chatverläufe, Fotos oder E-Mails sowie eidesstattliche Versicherungen von Betroffenen mit Hinweisen auf „mutmaßliche Grenzüberschreitungen, Machtmissbrauch und eine toxische Machokultur“, berichtete „Der Spiegel“ nach Gesprächen mit zehn Frauen und Männern. „Ein einflussreiches Mitglied der Wiesbadener Linkspartei“ im hessischen Landtag habe Fotos und Videos einer minderjährigen Frau in sexuellen Posen aufgenommen. Sie habe den Politiker später wegen Nötigung und Beleidigung angezeigt. Zur Zeit der Vorfälle sei die jetzige Bundesvorsitzende Janine Wissler Fraktionsvorsitzende der Linken in Hessen gewesen.

Vertrauenspersonen sollen berufen werden

„Sexualisierte Gewalt und Sexismus dürfen in unserer Partei keinen Platz haben“, hieß es in einer Stellungnahme des Landesvorstands. Der Vorwurf des Täterschutzes werde zurückgewiesen. So seien Betroffenen Gespräche angeboten und „ein umfangreicher Verhaltenskodex“ beschlossen worden. Der Kreisverband Wiesbaden organisiere einen Workshop zum Thema „Sexismus-Sensibilisierung“. Zur nächsten Sitzung des Landesvorstands am 30. April sei die Berufung einer oder mehrerer Vertrauenspersonen geplant.

Empörung im Netz: Frust unter #LinkeMeToo über Doppelmoral

Derweil entlädt sich im Netz viel Frust. Unter dem Hashtag #LinkeMeToo erregen sich Hunderte über die vermeintliche Doppelmoral der Partei zum Thema sexualisierte Gewalt. „Ich schäme mich in Grund und Boden Teil einer Partei zu sein, die feministische Forderung aufstellt, aber dann beginnt Täter:innen zu schützen“, heißt es von Kevin Korn, Linken-Mitglied aus Bingen in Rheinland-Pfalz. Auch die Berliner Linksjugend solid kritisiert die Partei. "Wir sind von den im SPIEGEL geschilderten Fällen geschockt, aber nicht überrascht, da auch wir zum Teil Betroffene dieser Zustände wurden", heißt es in einer Stellungnahme.