Berlin - Ferienzeit, die Stadt ist leer, die Berliner Corona-Ampel zeigt dreimal satt Grün. Aber es gibt keine Pandemie-Entwarnung. Wie schon seit fast anderthalb Jahren nicht. Diesmal liegt es an der Delta-Variante. Ereignisse wie die Fußball-Europameisterschaft mit ihren gut gefüllten Stadien würden zur raschen Verbreitung der Mutante beitragen. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor einer neuen Infektionswelle in Europa. Aber es gibt auch Fachleute, die das für übertrieben halten. Dennoch mahnt der Berliner Senat weiter zur Vorsicht.

Mindestens jede zweite Corona-Ansteckung in der laufenden Woche dürfte nach Schätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI) bereits auf die ansteckendere Delta-Variante zurückgehen. Es sei damit zu rechnen, dass die in Indien entdeckte Mutante derzeit „mindestens die Hälfte aller Neuinfektionen ausmacht“, schreibt das RKI in einem Bericht vom Mittwochabend. Der Anteil von Delta an einer Stichprobe aus dem Zeitraum 14. bis 20. Juni wird darin mit rund 37 Prozent beziffert. Das ist mehr als doppelt so viel wie in der Woche zuvor, als es noch 17 Prozent waren.

Mit Blick auf die nachgewiesenen Delta-Fälle spricht das RKI von einer „leichten Zunahme“. Nachdem in der Woche vom 31. Mai bis zum 6. Juni noch 410 solche Ansteckungen erfasst wurden, bekam das RKI vom 14. bis zum 20. Juni bereits 724 gemeldet. Es wird aber nicht jede positive Probe auf Varianten hin untersucht.

Ärztefunktionär hält Debatte um Delta für Panikmache

Völlig unabhängig von Ansteckungszahlen und untersuchten Proben warnt der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, unterdessen vor Panikmache. „Ich halte die Debatte derzeit in Teilen für fast schon hysterisch“, sagte der Orthopäde aus Düsseldorf dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Es ist unverantwortlich, immer wieder mit Endzeitszenarien zu operieren.“

Wahrscheinlich werde die Delta-Variante bereits Ende Juli hierzulande die dominierende Mutante werden, sagte der Chef-Lobbyist Deutschlands niedergelassener Ärzte, „aber deshalb müssen wir nicht in Panik verfallen“. Natürlich sei Delta ansteckender, „aber sie ist nach heutigen Erkenntnissen wohl nicht wesentlich gefährlicher als die bisherigen Varianten“. Dabei könne es durchaus sein, dass die Infektionszahlen wieder hochgingen. „Aber es gibt bisher keine fundierten Hinweise darauf, dass dadurch auch der Anteil der schweren Erkrankungen wieder steigt, zumal Geimpfte zuverlässig geschützt sind. Alarmismus ist völlig fehl am Platz“, sagte Gassen.

Kritik übte Gassen insbesondere an den Reiseregeln. „Portugal mit seinen harten Lockdowns wird lange als Musterland der Corona-Bekämpfung dargestellt, für das Reisen wird mit großem Brimborium der digitale Impfpass eingeführt. Doch dann wird über Nacht der Urlaub in Portugal quasi unmöglich gemacht, weil alle Rückreisenden – ob geimpft oder nicht – in 14-tägige Quarantäne geschickt werden.“ Gassen forderte, die Quarantäne für vollständig geimpfte Reiserückkehrer aus sogenannten Virusvariantengebieten zu streichen. Grund: „Wir wissen, dass vollständig Geimpfte auch gegen Delta hervorragend geschützt sind.“

Berlins Regierender Bürgermeister warnt hingegen weiter vor Leichtsinn

Berlins Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hingegen mahnt weiter, im Urlaub nicht zu leichtsinnig zu sein. „Wir sind noch nicht über den Berg, das sehen wir in Portugal, in Großbritannien, in Israel“, sagte der SPD-Politiker in einem Radiointerview. „Das kann jetzt auch ganz schnell wieder in eine andere Richtung gehen.“

Dagegen fordert Ärztefunktionär Gassen ein Umdenken. Angesichts des Impffortschritts werde es „immer absurder“, den Inzidenzwert „weiter zum Maßstab des Handelns zu machen“. Wenn immer mehr Menschen durch eine Impfung vor schweren Krankheitsverläufen geschützt seien, dürfe die Infektionszahl nicht die entscheidende Rolle spielen.

Ganz ähnlich sieht das der Berliner Politiker und Arzt Wolfgang Albers (Linke). Nach Ansicht des Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus müsste längst ein Anstieg von Krankheitsverläufen zu sehen sein, wenn die Vorhersagen vieler Politiker zu Delta zuträfen. „Es gibt sie aber nicht“, sagte Albers am Donnerstag der Berliner Zeitung. Sein Fazit: „Wir haben die Leute nicht zu erziehen oder ständig zu reglementieren.“