Linksextremismus-Studie: „Linke verstehen es ihre Gewalttaten gut zu vermarkten“

Berlin - „Die Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss.“ Oder auch: „Juden sind geld- und raffgierig.“ Das sind zweifellos Aussagen von Rechtsextremen. Aber zugleich sind es auch Sätze, denen rund ein Drittel der Linksextremen in Deutschland zustimmt – deutlich mehr als in der Gesamtbevölkerung, in der auch immer noch etwa 10 Prozent solche Aussagen teilen.

Das ist eines der Ergebnisse einer Studie über „Linksextreme Einstellungen und Feindbilder“, die vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin in Zusammenarbeit mit Infratest Dimap erstellt wurde. „Bei vielen Linksextremen vermischt sich Israel-Kritik mit dem immer noch weit verbreiteten Klischee, dass Juden in aller Regel Vertreter des raffenden Kapitals sind“, sagt der Studienautor und Professor für Politikwissenschaften, Klaus Schroeder, dieser Zeitung. Das sei zwar etwas anderes als der völkische Antisemitismus von Rechtsextremen – aber mache die Sache nicht unproblematischer.

Mehr Körperverletzungen durch Linksextreme als durch andere Gruppen

Der Forscher warnt: „Linksextreme übersäen ihre Feinde mit Hass. Viele glauben so fest daran, einen übergeordneten, revolutionären Auftrag zu haben, dass sie Gewalt für gerechtfertigt halten.“ Falsch sei dabei auch die althergebrachte Unterstellung, Linke übten im Zweifel nur Gewalt gegen Sachen aus, während Rechte Personen angriffen, fügt er hinzu.

Die Wissenschaftler um Schroeder führen ihre Argumentation so: Die polizeiliche Statistik verzeichne seit dem Jahr 2009 mehr Körperverletzungen durch Linksextremisten und andere Linke als durch Rechtsextremisten und Rechte. Viele Gewalttaten würden letztlich der nichtextremistischen Linken zugeordnet – ohne dass öffentlich thematisiert würde, wer diese Gewalttäter seien. Die dahinter stehende Befürchtung: Das Linksextremismus-Problem werde so unterzeichnet.

Klar ist: Die statistische Gegenüberstellung hat ihre Grenzen. In zahlenmäßigen Vergleichen ist noch nichts über die Schwere von Körperverletzungen gesagt. Insofern ist vielleicht vor allem der Hinweis der Forscher zielführend, die – wie Schroeder sagt – „eine Ausweitung des Kampffeldes“ festgestellt haben. Während linke Gewalt sich in der Vergangenheit mal im Wesentlichen gegen Systemträger wie Politiker, Banker und Polizisten gerichtet habe, seien mittlerweile zunehmend Burschenschaftler, AfD-Funktionäre und Immobilienmakler zum Ziel geworden, sagt der Politikwissenschaftler.

Und Schroeder ergänzt: „Linken verstehen es ihre Gewalttaten oft gut zu vermarkten.“ Damit spielt er nicht zuletzt auf das Thema des Kampfes gegen Gentrifizierung in großen Städten an. Der Wissenschaftler sagt etwa zu den Auseinandersetzungen um die Rigaer Straße in Berlin: „Hier findet beim harten Kern der gewaltbereiten Linksextremisten eine Entmenschlichung in der Argumentation statt, in der die Verletzung des Polizisten nur noch als Sachschaden gesehen wird.“

Probleme bei Vergleichsstudien

Wie aber lässt sich überhaupt eine Studie über die Einstellungen von Linksextremen machen? Befragt wurden 1400 Personen, denen Statements vorgelegt wurden, welche die Forscher anhand von Programmatiken und Statements linksextremer Gruppen entwickelt haben. Wer 75 Prozent der Statements zustimmte, wurde als linksextrem eingruppiert. Zu den abgefragten Statements gehörten solche wie „Die Lebensbedingungen werden durch Reformen nicht besser – Wir brauchen eine Revolution“. Oder: „In unserer Demokratie werden Kritiker schnell als Extremisten abgestempelt“.

Dieser Ansatz lässt sich ohne Frage als in Teilen willkürlich kritisieren. Andererseits ist das ein Problem, das bei vergleichbaren Einstellungsstudien, egal zu welcher Gruppe, letztlich nie ganz zu vermeiden ist. Zusätzlich zu den Ergebnissen der Befragung, die bereits 2014 stattfand und deren Ergebnisse jetzt noch mal umfassender ausgewertet und vertieft analysiert wurden, gab es deshalb auch qualitative Befragungen von linksextremen Jugendlichen.

Die Gewalterfahrung diene gerade manchem der Jugendlichen als Kick, sagt Schroeder. Für viele von ihnen sei es Zufall, ob sie in der rechtsextremen oder der linksextremen Szene landeten. Je nachdem, wo sie aufwüchsen und was dort dominant sei.