Vielleicht macht Sahra Wagenknecht noch das Dutzend voll und tritt an. Bislang sind es elf, die am kommenden Samstag auf dem Bundesparteitag der Linken einen der beiden Vorsitzendenposten haben wollen. Aber vielleicht muss die 42-jährige Bundestagsabgeordnete und Vorzeige-Linke noch einspringen und das für sie und ihren Gefährten Oskar Lafontaine Schlimmste verhindern: Dietmar Bartsch an der Spitze der Partei.
Hätte, könnte, würde, sollte: Was sich am Wochenende in der Lokhalle in Göttingen abspielen wird, wissen nicht einmal ansonsten eingeweihte Linke vorauszusagen.
Nur auf eines ist Verlass: Es wird ein Hauen und Stechen. In den vergangenen Wochen hat sich der Frust über Führungsfiguren und Zustände in der zerrütteten Linkspartei entladen.
Monatelang hatte der 68-jährige Lafontaine die Partei über seine Absichten im Unklaren gelassen. Aus Rücksicht auf die Wahlkämpfer im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, hieß es. Dann warf er hin und verkündete, weder für den Parteivorsitz noch die Spitzenkandidatur im Bundestagswahlkampf bereitzustehen.

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Störenfried Bartsch

Der Saarländer war beleidigt, dass Göttingen nicht die großartige Würdigung seines Lebenswerkes werden sollte, weil da noch ein Störenfried war: Der Ostdeutsche Dietmar Bartsch wollte nicht auf seine Kandidatur für den Parteivorsitz verzichten. Danach kam alles ins Rutschen und jeder fiel über den anderen her. Außer Gregor Gysi, der kam einfach unter die Räder. Ihn, den Fraktionschef im Bundestag, der versucht hatte, die feindseligen Lager zusammenzuhalten, hatte Lafontaine nicht einmal über seine Fluchtgedanken informiert.

Der Thüringer Bodo Ramelow verwarnte Wagenknecht. Er unterstellte ihr, sie wolle Lafontaine rächen. Sie warf Bartsch vor, die Linke in eine Showdown-Situation zu treiben. Ex-PDS Lothar Bisky erinnerte der Zustand der Linken an eine „Super-Horror-Show“. Der Senior ließ sich über die Lust an der „Vernichtung des Parteifreundes“ aus und war froh, dass Andersdenkende nicht mehr nach Sibirien verbannt werden können.

Ramelow wiederum beschimpfte Parteichef Klaus Ernst, er habe „total versagt“. Parteivize Ulrich Maurer sprach schließlich die Empfehlung aus, „die Böcke“ sollten „sich vom Acker machen“.
Soviel zur Gefechtslage. In der an Strömungen, Flügeln, Gruppen und Feindschaften reichen Partei ist also nicht absehbar, wie der Führungsstreit enden wird.

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Keine Hausmacht

Keine Chance dürften selbsternannte Kandidatinnen wie die Hamburgerin Dora Heyenn oder die Zwickauer Gewerkschafterin Sabine Zimmermann haben. Ihnen fehlt es an Hausmacht. Aber absolut sicher ist nicht einmal das. Auch die frisch anmutende Kandidatur des Damen-Duos Katja Kipping und Katharina Schwabedissen ist kein Selbstläufer. „Zwei Frauen an der Spitze, die eine ist gerade Mutter geworden, die andere hat grandios die Landtagswahl in Düsseldorf verloren?“, heißt es im Karl-Liebknecht-Haus, der Berliner Parteizentrale. „Und wofür stehen die denn eigentlich?“

Klar ist wenigstens der Standpunkt des Bayern Ernst, der Amtsverweser, und der von der Nummer Elf auf der Wünsch-Dir-was-Liste: Bernd Riexinger, baden-württembergischer Landeschef. Die beiden Gewerkschafter sind brave Gefolgsleute Lafontaines. In diesem Lager geht es darum den Stralsunder Bartsch und seinen Reformkurs klein zu halten.
Dahinter verbirgt sich alles Mögliche: Offensichtlich ein tiefer Hass Lafontaines auf den Bundestagsabgeordneten Bartsch, der einmal Bundesgeschäftsführer war. Außerdem ein ideologischer Richtungsstreit, der sich zufällig mit den wesentlichen Himmelsrichtungen der Partei deckt.

Ost und West

Im Osten die SED/PDS-erfahrenen Landesverbände, reform- und kompromissbereit, von ideologischen Flausen befreit durch das Mitregieren in Ländern und Kommunen. Im Westen die Hardliner, Altkommunisten, Gewerkschafter, ehemalige Sozialdemokraten, die über die Neugründung WASG den Weg in die Linke fanden. An ihrer Spitze die Lebensgemeinschaft Lafontaine/Wagenknecht mit ihrem scharf antikapitalistischen Kurs, der sich in Absagen an Sparprogramme, Militäreinsätze, Regierungsbeteiligungen und Koalitionen mit SPD und Grünen festmacht.
Mit Sicherheit wird es in Göttingen weiteren Krach geben. Ansonsten steht nur eins fest: Zuerst muss eine Frau gewählt werden. „Was außerdem passiert“, meint ein ostdeutscher Genosse, „weiß nicht mal Oskar, sondern nur der liebe Gott.“

Klaus Ernst hält erneute Kandidatur offen

Linken-Parteichef Klaus Ernst schließt nicht aus, dass er sich am Samstag zur Wiederwahl stellt. „Ich werde mich tatsächlich bei der Frage entscheiden, wenn die Wahlen anstehen“, sagte Ernst in einem Hörfunkinterview des Bayerischen Rundfunks. Die künftige Führung der Linken müsse „das gemeinsame Projekt in Ost, aber auch in West verkörpern“, fügte Ernst hinzu. Dies wolle er gewährleisten. Allerdings gehe er zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass er wahrscheinlich selbst nicht mehr antreten müsse. Ernst brachte erneut Sahra Wagenknecht für den Parteivorsitz ins Gespräch.

Kritik daran, dass Männer Frauen zur Wahl vorschlagen, kam vom stellvertretenden Vorsitzenden der Linken-Bundestagsfraktion, Dietmar Bartsch. „Das entscheiden bei uns Frauen selbstbestimmt“, sagte Bartsch, der ebenfalls für den Parteivorsitz kandidiert, am Freitag im ZDF-„Morgenmagazin“. Er forderte, der Parteitag am Wochenende in Göttingen müsse ein Aufbruch für die Linke werden. (dapd)