Julia Werner-Schwarz trauert um ihren Sohn. Doch sie will auch kämpfen. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinEine halbe Stunde. So viel Zeit hat Julia Werner-Schwarz eingeräumt bekommen von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Sie sagt, sie habe den Termin sehr schnell erhalten. Ungewöhnlich schnell. Und alles sei sehr pietätvoll vonstatten gegangen: die Einladung, das Treffen. Dafür sei sie Scheuer dankbar. Aber sie sei auch nicht mit riesigen Erwartungen in das Treffen gegangen.

Was sagt man in 30 Minuten? Redet man als Mutter über Constantin, den kleinen Sohn, den Jungen, der nicht mehr lebt? Weil er von einem Lkw ohne Abbiegeassistenten überrollt wurde. „Constantin war das Thema. Um ihn geht es schließlich. Aber auch darum, anderen Familien ein solches Schicksal, wie wir es erleiden mussten, zu ersparen“, sagt Julia Werner-Schwarz am Dienstagnachmittag, kurz nach dem Treffen mit Scheuer, bei dem keine Journalisten zugelassen waren.

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Constantins Mutter will Druck machen auf die Politik. Sie will nicht zu Hause sitzen, trauern und grübeln. Sie will, dass Politiker endlich mehr machen für die Sicherheit von Fahrradfahrern. Das treibt sie an.

Sie fordert, dass Lkw und Busse ohne Abbiegeassistent nicht mehr auf den Straßen fahren dürfen. Sofort. Und nicht erst ab 2022.  Fahrer hätte Kind sehen müssen „Herr Scheuer sitzt an oberster Stelle, wer, wenn nicht er, kann etwas ändern?“, fragt Julia Werner-Schwarz. Sie wisse, dass dabei auch die EU ein Wort mitzureden habe.

Fahrer hätte Jungen sehen müssen

Die 42-Jährige sitzt in einer Bäckerei und rührt in ihrem Kaffee. Sie sei nach diesem Treffen noch lange nicht am Ende, sagt sie. Julia Werner-Schwarz kann über ihren Jungen reden, ohne sofort in Tränen auszubrechen. Sie kann dabei sogar Lachen, weil ihre Erinnerungen den Sohn wieder ins Jetzt holen würden, wie sie sagt. „Er ist ja immer bei mir. In meinem Herzen“, sagt sie. 

Trauer um Constantin. Der Junge wurde an der Kreuzung Nauener Straße/Brunsbütteler Damm in Spandau überfahren.
Olaf Wagner

Das Schicksal ihres Sohnes macht betroffen. Der Siebenjährige starb am 13. Juni 2018 in Spandau. Er war mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Schule. An der Ecke Nauener Straße/Brunsbütteler Damm zeigte die Ampel Rot. Constantin hielt an, ebenso seine Mutter, die hinter ihm fuhr. Als das Licht auf Grün sprang, rief Julia Werner-Schwarz ihrem Sohn zu: „Fahr los!“.

Dann bog der Lkw um die Ecke. Der Fahrer, so hieß es später im Urteil, hätte das Kind in den Rückspiegeln seines Fahrzeugs sehen können, sehen müssen. Doch er übersah das Kind. Der Laster rammte das Fahrrad, ohne dass es der Mann hinter dem Steuer bemerkte. Constantin stürzte.  

Seine Mutter warf ihr Fahrrad zur Seite, sie schrie. Doch es half nichts. Der Lkw fuhr weiter, das rechte Hinterrad überrollte den Kopf des Jungen. Das Kind hatte trotz des Helms keine Chance, es starb noch am Unfallort – fünf Tage vor seinem achten Geburtstag.  

Unfallkreuzung wurde umgebaut

Constantins Mutter sagte später, sie habe diesen Tag wie in Watte gepackt erlebt, erst zu Hause brach sie in den Armen ihres Mannes zusammen. Ohne Freunde, ohne Verwandte hätten Constantins Eltern und seine beiden Schwestern es nicht geschafft, den Tod des Sohnes und kleinen Bruders zu verkraften.

Die Eltern des Jungen kämpfen seitdem: Sie haben erreicht, dass die Kreuzung, an der ihr Kind starb, umgebaut wird, damit Fahrradfahrer nun besser zu sehen sind. Zudem soll es dort für Radfahrer und Autofahrer unterschiedliche Ampelschaltungen geben. Julia Werner-Schwarz sagt, sie sei dafür an alle möglichen Politiker in Spandau herangetreten.

Schon damals hörte sie immer wieder von dem lebensrettenden Abbiegeassistenten und dem Kollisionsstopp, der ihrem Sohn vermutlich das Leben gerettet hätte. Doch es ist nicht so, dass die Politik nichts tun würde. Dass Scheuer untätig ist. Das muss auch Julia Werner-Schwarz eingestehen.

Kurz nach dem Tod des Jungen startete der Bundesverkehrsminister im Juli 2018 die Aktion Abbiegeassistent, für die es mittlerweile 115 Sicherheitspartner gibt, darunter die großen Lebensmittel-Ketten. Sie haben sich dazu verpflichtet, ihren Fuhrpark zeitnah mit der lebensrettenden Technik nachzurüsten. Fördergeld wurde bereitgestellt.

Das Problem: Das Fahrzeugzulassungsrecht ist Europarecht. Abbiegeassistenten können somit nur auf EU-Ebene gesetzlich vorgeschrieben werden. Dort, in Brüssel, ist Scheuer bisher aber offenbar sehr allein, wenn er bei der EU-Kommission den sofortigen Einbau von Abbiegeassistenten verlangt – der bisher erst für das Jahr 2022 bei neuen Fahrzeugtypen und erst weitere zwei Jahre später für Neuzulassungen vorgesehen ist.

ADFC lobt Engagement der Mutter

Scheuer war auch der einzige Verkehrsminister in Brüssel, der gegen den späten Einbau derartiger Rettungstechnik gestimmt hatte.   „Er hat mir versichert, in Brüssel eine Brandrede für den sofortigen Einbau von Abbiegeassistenten gehalten zu haben. Ich glaube ihm“, sagt Julia Werner-Schwarz.

Sie sei mit viel Kampfgeist in das Gespräch gegangen, aber auch ein wenig niedergeredet worden. Sie will aber weitermachen. Weiterkämpfen. Sie sagt, dass sie sich schon wundere. Schließlich könne es doch nicht Aufgabe einer Mutter sein, der Politik in solch wichtigen Sachen die Hölle heiß zu machen.

Julia Werner-Schwarz wird nach dem Unfalltod ihres Sohnes im März erstmals wieder arbeiten gehen. Sie ist Erzieherin von Beruf, kümmert sich um behinderte Kinder. „Constantins Mutter ist eine starke Frau. Oftmals bewirkt das Engagement von einzelnen Personen, dass sich etwas ändert“, sagt Susanne Grittner vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club ADFC. Auch der ADFC plädiere für den sofortigen Einbau von Abbiegeassistenten. „Sie können schließlich Leben retten“ sagt Grittner.

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Julia Werner-Schwarz fährt nach dem Gespräch mit dem Bundesverkehrsminister mit einer Aufgabe nach Hause. Sie wird einen Brief schreiben an die EU-Abgeordneten. Einen Brief, in dem sie über ihren Sohn und über das Leid berichten wird, den der Tod Constantins über ihre Familie brachte. Andreas Scheuer will diesen Brief mit nach Brüssel nehmen und dort verlesen. 

Die Mutter sagt, sie wäre auch gerne selbst nach Brüssel gereist. Sie sieht nicht so aus, als hätte sie diese Option schon verworfen.