Berlin - Wie haben sich die Gehälter in Deutschland in den 25 Jahren nach dem Mauerfall entwickelt? Dazu haben Forscher des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Uni Duisburg-Essen kürzlich eine Analyse vorgelegt. Zwei zentrale Ergebnisse lauten: Erstens haben in ganz Deutschland insbesondere Geringverdiener seit 1995 Einbußen erlitten. Ihre Stundenlöhne gingen real – also nach Abzug des Preisanstiegs – um bis zu 20 Prozent zurück. Zweitens gibt es immer noch ein deutliches West-Ost-Gefälle: Der mittlere Stundenlohn im Osten (11,27 Euro) lag zuletzt bei knapp 77 Prozent des Westniveaus. Wir haben Arbeitgeberpräsident Jörg Kramer und Verdi-Chef Frank Bsirske gefragt, welche Konsequenzen sie daraus ziehen.

Kramer lehnt eine generelle Ost-West-Angleichung ab: „Jede Vereinheitlichung von Löhnen würde zulasten der Beschäftigung gehen.“ Er verweist darauf, dass unterschiedliche Löhne nicht allein ein Ost-West-Thema seien. Es gebe viele regionale und branchenmäßige Unterschiede in den Tarifverträgen, beispielsweise im Einzelhandel. Künftig werde es eher mehr als weniger Differenzierungen geben, so Kramer.

Verdi sieht das anders. „Selbstverständlich“ sei es das Ziel von Verdi, die Arbeitsbedingungen in Ost und West anzugleichen, betont Bsirske. In Tarifverträgen gebe es derzeit vor allem bei den Arbeitszeiten sowie beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld noch Unterschiede, die so rasch wie möglich verschwinden sollten.

Geringe Tarifbindung im Osten

Der Hauptgrund für das immer noch große West-Ost-Gefälle sei aber die geringe Tarifbindung ostdeutscher Unternehmen. „Hier müssen wir mit allgemeinverbindlichen Tarifverträgen gegensteuern“, fordert der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Dies würde bedeuten, dass alle Firmen einer Branche ihre Belegschaft nach Tarif zahlen müssen.

Insgesamt ist die Gehaltsentwicklung der Beschäftigten in ganz Deutschland seit der Wiedervereinigung schwach. Zwar gab es direkt nach dem Mauerfall einen Anstieg, doch danach ging es bergab. So waren die durchschnittlichen Reallöhne im vorigen Jahr niedriger als 1995. Das zeigen Daten des Statistischen Bundesamts. Starke Einbußen erlitten Geringverdiener in Ost und West sowie Menschen mit mittlerem Einkommen in den alten Bundesländern, ergab die Auswertung des IAQ.