Eigentlich ist es für Berlin kein besonderes Bild, wenn auf der Straße getanzt wird. Es gibt viele Demos und Open-Air-Partys. Der „Zug der Liebe“ an diesem Samstag steigt allerdings einen Tag nach dem Jahrestag des Love-Parade-Unglücks in Duisburg. 21 Menschen starben dort am 24. Juli 2010 bei einer Massenpanik.

Der Jahrestag war anscheinend nicht allen in Berlin bewusst. „Schwierige Sache“, räumt „Zug der Liebe“-Organisator Jens Schwan ein. Trotz der „Liebe“ im Namen distanziert sich die Berliner Demo von der Loveparade: „Wir wollen das nicht sein, und wir sind das auch nicht“, sagt der 43-Jährige. Sie hätten dazu auch den Angehörigen von Duisburg geschrieben.

Bei der Demo geht es um Berlin-Typisches: Sie ist beispielsweise Anti-Pegida und Pro-Flüchtlinge. Eigentlich müsste die Demo durch Freital ziehen, sagt Schwan mit Blick auf die Schlagzeilen um rechtes Gedankengut in Sachsen. „Die Musik ist einfach dafür da, dass mehr Leute kommen.“ Werbung und Sponsoring sollen tabu sein.

„Das ist beschämend“

Technopionier Dr. Motte distanzierte sich bereits 2006 von der Love Parade, die er 1989 selbst erfunden hatte. Sie verkam seiner Ansicht nach zu einer „Dauerwerbesendung“. Zuletzt stand eine Fitnesskette hinter dem Spektakel, das es seit dem Unglück nicht mehr gibt. In den Monaten nach Duisburg konnten sich wohl viele nicht mehr vorstellen, dass Techno-Partys noch eine Zukunft haben. Aber es gibt sie noch, nur deutlich kleiner, so wie beim „Summer Rave“ im alten Flughafen Berlin-Tempelhof.

Dr. Motte will den „Zug der Liebe“ nicht kommentieren. Der 55-Jährige wird nach Duisburg reisen, um am Donnerstag bei der „Nacht der 1000 Lichter“ und am Freitag bei der Gedenkfeier dabei zu sein. Am 24. Juli vor fünf Jahren waren dort bei der Love Parade 21 Menschen gestorben und mehr als 500 verletzt worden. „Eigentlich brauchen wir eine unabhängige Untersuchungskommission für die ganze Angelegenheit“, sagte der DJ.

Die langsame Aufklärung des Unglücks ärgert ihn. „Ich finde das ganz traurig, wie man da mit den Betroffenen umgeht und versucht, seine Haut zu retten.“ Das sei die zweite Katastrophe nach der eigentlichen Katastrophe: „Das ist beschämend.“

An den Geist der Musik glaubt Dr. Motte immer noch. Er legt nach wie vor als DJ auf. „Ich zelebriere elektronische Musikkultur, nicht so laut und kommerziell.“ Während in Berlin der „Zug der Liebe“ rollt, hat er einen anderen Termin - die Beatparade in Empfingen zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. (dpa)