Eine Zeit nach Corona, danach sehnen sich derzeit viele.
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AmsterdamKaum eine Frage beschäftigt mich zurzeit so sehr, wie die, was nach Corona kommt. Die Zeit vor dem Ausbruch des Coronavirus, gerade einmal wenige Wochen ist das her, fühlt sich jetzt schon so sehr nach Geschichtsbuch an, dass ich mir sicher bin, dass unsere Welt sich unwiderruflich und massiv verändert haben wird. 

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Aber ich frage mich auch, wie mein Leben in Zukunft aussehen wird. Wird es den Verlag, in dem ich arbeite, noch geben? Haben alle Menschen, die mir nahestehen, die Epidemie überlebt? Und auch nicht ganz unwichtig: Lebe ich noch?

Am 4. Oktober 2001 war ich gerade 14 Jahre alt und habe mich wahrscheinlich ähnlich gefühlt wie jetzt, genau erinnern kann ich mich nicht. Kurz zuvor war der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center verübt worden – wohl das erste weltgeschichtliche Ereignis in meinem Leben, das mir existenzielle Angst machte. Ich habe an dem Tag jedenfalls einen Brief an mein 30-jähriges Ich verfasst, in dem ich mir in allen Einzelheiten mein eigenes Zukunftsszenario ausmale.

Fixieren alle einen Punkt, wann die Coronakrise vorbei ist

Dass Zukunftsszenarien mehr als Hypotheken auf Luftschlösser sind, sieht man zurzeit auch daran, dass wir alle einen Punkt am Horizont fixieren, den wir für das Ende der Epidemie halten. Ostern, glaubte jüngst noch Donald Trump, während hier häufig der 1. Juni oder bloß vage der Sommer genannt wird. Das gibt uns zwar ein gutes Gefühl, aber im Grunde wissen wir nichts.

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Auch über meinen 30. Geburtstag wusste ich damals eigentlich nur eines: Es wird auch der 30. Geburtstag meiner Zwillingsschwester Johanna sein, weshalb ich sie damit beauftragte, meinen Brief an mich selbst 16 Jahre lang sicher zu verwahren – was sie selbstverständlich nicht tat. Als ich 30 wurde, hatte ich den Brief längst vergessen, fand ich ihn aber zufällig – inzwischen 32-jährig – vor einigen Monaten in einer Kiste wieder, die bei meiner Mutter im Wohnzimmerschrank stand.

Lieber 14-jähriger Yulian, viele Dinge, die du dir für mich gewünscht hast, sind nicht eingetreten. Das ist aber nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst. Zu all deinen Freunden von damals habe ich den Kontakt verloren, ich habe aber neue Freunde gefunden. Deine erste Freundin Janna ist tatsächlich deine letzte Freundin gewesen, aber etwas anders, als du es dir vorgestellt hast: Du stehst einfach nicht auf Mädchen. Dass du Journalist werden wolltest, steht hiermit schwarz auf weiß in einer Zeitung und darf somit als ein in Erfüllung gegangener Wunsch betrachtet werden.

Zukunftsvision entwerfen? Es kommt garantiert anders

Ansonsten lagen deinen Prophezeiungen oft nur knapp neben der Wirklichkeit. Statt „nebenbei ein paar Bücher rauszubringen“, tust du genau das hauptberuflich, gern geschehen. Du wohnst nicht in Spanien, sondern in Holland, und nicht in einer weiß-getünchten Villa, sondern in einer winzigen Ein-Zimmer-Wohnung, was nun wirklich keiner ahnen konnte.

Dein nobler Vorsatz, deine Eltern einmal im Monat zu besuchen, wäre von Holland aus zwar sogar leichter umzusetzen, scheitert aber an so ziemlich allen anderen Aspekten der Realität. Trotz deiner zweifellos besten Absichten bin ich froh, dass sich schließlich ein anderes Zukunftsszenario als mein Leben entpuppte.

Und müsste ich nun ein Luftschloss für die nächsten 16 Jahre entwerfen, wüsste ich nur eines: Es kommt garantiert anders, und zwar auf eine Art, die ich mir jetzt noch gar nicht vorstellen kann. Und es wird gut.

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