Berlin - Er hat sich das Video angesehen, in dem der gerade inhaftierte Blogger Protassewitsch ein „Geständnis“ ablegt. Montagabend strahlten es mehrere belarussische Kanäle aus. Regimekritiker Protassewitsch, dessentwegen Kampfjets eine Ryanair-Maschine zur Zwischenlandung in Minsk zwangen, um den Blogger dort zu verhaften, sah angeschlagen aus. Das, was er sagte, klang nicht nach ihm. „Er ist gefoltert worden, das ist eindeutig“, sagt Anton Niadzelka. „Seine Nase ist gebrochen, man sieht Wunden auf der Stirn.“

Der jetzt inhaftierte Blogger, der Urlaub in Griechenland gemacht hatte und am Sonntag auf dem Rückflug in sein Exil in Litauen war, sei nicht der erste, der öffentlich so präsentiert werde. „Manchen sah man es noch mehr an, die Gesichter waren blutig geschlagen und sie konnten kaum sprechen.“

Der 31-Jährige Niadzelka ist Vorsitzender der Belarussischen Gemeinschaft Razam.ev. Sie wollen Menschen in Belarus helfen. Er und seine Mitstreiter leben in Deutschland. Der Verein Razam („gemeinsam“)  ist aus der länderübergreifenden Solidaritätsbewegung des Sommers 2020 hervorgegangen, die die Menschen in Belarus bei ihrem Streben nach freien Wahlen und einem Ende der staatlichen Gewalt unterstützt. Für sie blieb Lukaschenko im August 2020 durch Wahlbetrug an der Macht. 

Niadzelka: „Das Regime geht gnadenlos vor – im August 2020 wurden Menschen auf den Straßen von Belarus verprügelt und in die Gefängnisse geschmissen und dort gefoltert.“ Jetzt sei wieder eine neue Dimension erreicht: „Nun hat die Regierung ein Flugzeug mit fast 180 Passagieren zur Landung gezwungen. Auf Videos haben wir gesehen, dass die belarussischen Kampfjets voll beladen mit Bomben waren. Da waren Menschenleben in Gefahr. Wir blicken mit Sorgen nach Belarus.“

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Anton Niadzelka ist Vorsitzender der Belarussischen Gemeinschaft Razam. 





421 offizielle politische Gefangene sitzen derzeit in belarussischen Gefängnissen ein. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl allerdings auf 1000. „Es gibt eine hohe Dunkelziffer“, sagt Niadzelka. Und es habe schon viele Todesopfer unter Lukaschenko gegeben.

Lukaschenko ist nicht nur eine Gefahr für sein Land, sondern auch für die EU.

Anton Niadzelka 

Es würde aber auch zeigen, dass Lukaschenko weitermachen würde – bis er irgendwann gezwungen sei zu fliehen, oder wenn er sterbe. „Vorher gibt er nicht auf. Er ist wie ein wildes Tier, das um sich beißt. Er wird keine Zugeständnisse machen, das ist für ihn ein Zeichen von Schwäche.“ 

Niadzelka ist ebenso sicher, dass Lukaschenko Regimekritiker Protassewitsch nicht mehr aus dem Gefängnis lassen wird. „Ich schließe auch eine Hinrichtung nicht aus.“ Protassewitsch, so jung er sei, sei ein „persönlicher Feind“ Lukaschenkos, weil er mit dem Nachrichtenportal Nexta Informationen über die Zustände in Belarus verbreitet habe.

Die jetzt beschlossenen Sanktionen, wie etwa den Luftraum über dem Land nicht mehr zu überfliegen, würden Lukaschenko daher nicht wirklich treffen – aber trügen zur Sicherheit der Passagiere bei, so der Informatiker Niadzelka. Überlegungen, dass die belarussische Fluggesellschaft keine EU-Orte mehr anfliegen dürfe, sieht er dagegen kritisch. „Das trifft die Zivilbevölkerung, die dann vielleicht gar nicht mehr aus dem Land raus kann.“

Was wirklich helfe, sei Lukaschenko wirtschaftlich abzustrafen. „Lukaschenko und seine Mitstreiter verkaufen Waffen in alle Länder und leben vom Zigarettenschmuggel, da müsste man ansetzen. Am besten verhandelt man mit Ländern, die diese Waffen kaufen.“ Hinzu käme Belarus‘ Handel mit Ölprodukten – das Land erhält Öl aus Russland, verarbeitet es und verkauft es weiter an die EU. „Dieses nicht mehr zu kaufen – das wäre schmerzhaft für Lukaschenko und seinen Machtapparat.“

Niadzelka sieht Lukaschenko inzwischen nicht nur als eine Gefahr für Belarus, „sondern für die gesamte EU“. Man wisse nicht, was als nächstes komme, sagt er. 

Die EU ist alarmiert - das Vorgehen der belarussischen Behörden sorgt seit Sonntag für internationale Empörung. Handeln will sie, auch wenn es Menschen wie Niadzelka nicht weit genug geht. Nach den markigen Worten müssten Taten folgen. Es gehe um Menschenleben.