Plakat in London 2018.
Foto: Daniel Sorabij /AFP

BerlinDer Brite Luke Harding ist einer der bekanntesten Investigativ-Journalisten der Welt. Er hat Bestseller über Julian Assange und Edward Snowden verfasst. In seinem aktuellen Buch „Shadow State“ (bisher nur auf Englisch) befasst sich der frühere Moskau-Korrespondent des Guardian mit Russlands Einfluss auf den Westen. Auf Deutsch erschien zuletzt „Verrat“. Harding lebt in England, das Gespräch findet über Skype statt.

Herr Harding, Sie sagen, wer den russischen Präsidenten Putin verstehen will, muss sich damit befassen, dass er 1989 als KGB-Spion in Dresden in der DDR stationiert war und die Perestroika verpasste. Was meinen Sie damit?

Für Putin ist der Kalte Krieg nie zu Ende gegangen. Als in Moskau eine Aufbruchstimmung herrschte, sich vieles lockerte, bisher verbotene Themen angeschnitten wurden, saß er mit Frau und zwei Töchtern in Dresden und sein wichtigster Kontakt waren Stasi-Leute. Dresden hat ihn geprägt. Die USA sind für ihn immer noch der wichtigste Feind, wie zu KGB-Zeiten. Er sieht Ostdeutschland bis heute als seine Einflusssphäre. Als ich 2006 Korrespondent in Moskau wurde, ging es um die Nato-Osterweiterung. Das war ein großes Drama für die Russen. Sie hassten es, es ging jeden Abend im Fernsehen darum, wie Russland betrogen wurde. Putin fühlt sich umzingelt von Feinden. Russland ist immer das Opfer, nie Täter. Alles, was er seitdem gemacht hat, als Premier und Präsident, dient dazu, die Sowjetunion wieder zu beleben. Sein Slogan ist: Make Russia great again.

Im vorvergangenen Jahr sind der frühere russische Spion Sergej Skripal  und seine  Tochter in England bei einem Giftanschlag beinahe getötet worden. Eine unbeteiligte Frau starb. Sie beschreiben die Vorbereitung des Attentats durch zwei Offiziere des russischen Militärgeheimdienstes mit vielen Details. Es liest sich wie ein Thriller. Stimmt das alles?

Ja, es ist alles wahr. Ich konnte die Abfolge der Tat rekonstruieren, und die Spur führt zum Kreml. Es fehlt nur die genaue Befehlskette. Die Informationen sind alle öffentlich verfügbar, es gab Aufnahmen von Überwachungskameras und eine öffentliche Anhörung. Außerdem habe ich durch meine langjährige Arbeit über Russland meine eigenen Quellen.

Moskau streitet bisher jede Beteiligung ab. Wie sicher können Sie sein, dass der Kreml hinter dem Mordversuch an Skripal steckt?

Wenn man sich die Befragung der beiden Spione des Militärgeheimdienstes im russischen Staatsfernsehen ansieht, dann erkennt man, dass sie lügen. Ihre nicht sehr glaubwürdige Story war die, dass sie für eine Nacht nach Salisbury gereist sind, weil sie sich unbedingt die Kathedrale anschauen wollten. Es gibt Belege, dass die beiden auch zuvor schon an staatlichen Undercover-Aktionen und Auftragsmord beteiligt waren. Es ist nicht zu weit hergeholt zu sagen, dass staatliche Stellen hinter dem Mordversuch stecken. Auch Deutschland ist nicht immun dagegen.

Sie spielen auf den Mord an einem Tschetschenen im vergangenen August im Berliner Tiergarten an?

Es sind in den vergangenen Jahren mehrere Tschetschenen ermordet worden. In Wien, in Paris, in Dubai, jetzt in Berlin. Und das wird nicht der letzte Mord gewesen sein. Es ist offensichtlich, dass hinter den Morden der tschetschenische Präsident Kadyrow steht. Kadyrow führt ein repressives Regime und wird vom russischen Geheimdienst FSB unterstützt. Für Deutsche ist das wahrscheinlich alles neu und schockierend, aber aus britischer Sicht erkennt man ein Muster. Es begann alles mit Alexander Litwinenko, der 2006 in einem Londoner Hotel mit radioaktivem Polonium vergiftet wurde. Seitdem hat sich der Blick auf Putins Regime geändert.

Der deutsche Generalbundesanwalt hat wegen des Mordes im Tiergarten Anklage erhoben, der Vorwurf lautet Staatsterrorismus. Ist das eine neue Qualität der Konfrontation?

Um noch mal auf Litwinenko zurückzukommen: Der britische Premierminister Cameron und seine Nachfolgerin May haben sich sehr stark bemüht, den Vorwurf von Staatsterrorismus zu vermeiden. Sie wollten die britisch-russischen Beziehungen nicht schädigen. Nach der Annexion der Krim 2014 verstand die Regierung, dass man keine pragmatische Beziehung mit Russland haben kann. Es gab dann 2016 eine Untersuchung, die mit großer Wahrscheinlichkeit belegte, dass der Kreml hinter dem Tod von Litwinenko steckt. Das hat es für Deutschland wahrscheinlich leichter gemacht, jetzt eindeutig Stellung zu beziehen. Der Vorwurf des Staatsterrorismus soll vielleicht auch künftige Auftragsmörder abschrecken. Aber Putin fühlt sich sicher. Ich rechne mit weiteren Morden, mehr Hackerangriffen.

In Großbritannien hält die Regierung seit Monaten einen Bericht über die russische Beeinflussung des Brexit-Referendums unter Verschluss, was hat es damit auf sich?

Premier Johnson hält den Bericht zurück, warum, weiß ich nicht. Für mich wäre ein erster Schritt, dass man sich zumindest mit der Frage befasst, wie groß der Einfluss der Russen inzwischen ist.

Ohne die russische Beeinflussung wäre der Brexit nicht passiert?

Ich sage nicht: Die Russen haben den Brexit herbeigeführt. Aber man muss anerkennen, dass die Russen die Austrittskampagne unterstützt haben. Es gibt Belege, dass Arron Banks, der Hauptfinanzier der Brexit-Kampagne, dubiose Verbindungen nach Russland hat. Er gab 8,4 Millionen Pfund, das ist die größte politische Spende, die es in Großbritannien je gab. Putin hasst die EU, er will sie schwächen, und der Brexit schwächt die EU.

Sie lebten von 2006 bis 2011 in Moskau als Korrespondent. Ihre Wohnung war verwanzt, Sie wurden abgehört. Warum hatte der Geheimdienst Sie im Visier?

Ich bin zu einem schlechten Zeitpunkt angekommen, kurz nach der Vergiftung von Litwinenko. Ich saß im gleichen Flugzeug, das die Killer auf ihrem Weg nach London benutzt haben. Nicht mit ihnen, sondern einige Tage später. Nach zwei Wochen habe ich einen Brief von British Airways bekommen: Tut uns leid, aber Ihr Flugzeug war radioaktiv verseucht. Sollten Sie Gesundheitsprobleme haben, rufen Sie diese Hotline an. Als ich ankam, herrschte eine große Feindseligkeit. Aber ich war nicht der Einzige, der abgehört wurde.

Luke Harding.
Foto: Privat

Hatten Sie Angst?

Ich war frustriert. Meine Frau und ich wurden selbst im Schlafzimmer abgehört. Wir hatten vier Jahre lang keine Privatsphäre. Die britische Botschaft meinte damals, die Wanzen seien normal, da könne man nichts machen. Andererseits habe ich viel über das Land gelernt: Es tat nach außen so, als wäre es eine Demokratie, ist aber auf dem Weg in einen dunklen Polizeistaat. Ich weiß aber, dass ich als Ausländer privilegiert war. Mehrere russische Kollegen sind getötet worden.

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev argumentiert, dass Russland von der liberalen Demokratie enttäuscht sei und das Versagen des Westens spiegele. Beeinflussung von Wahlen, Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten: Das kann man den USA auch vorwerfen.

Das ist doch eine Abwehrstrategie, man nennt das Whataboutism. Wann immer man russisches Verhalten kritisiert, sagt jemand: Ja, aber was ist mit dem amerikanischen Verhalten? Der KGB hat während des Kalten Krieges seine eigenen Parteien finanziert, hat Klonstaaten kreiert. Ich glaube nicht, dass sich Deutschland oder Großbritannien in die Wahlen anderer Länder einmischen. Kein Land sollte das tun. Man kann das nicht rechtfertigen. Es sind ja nicht nur diese Auftragsmorde, sondern auch der Krieg in der Ukraine. Es gibt einen Krieg vor Europas Tür, bei dem mehr als 13.000 Menschen gestorben sind, überwiegend Zivilisten. Dieser Krieg wurde von Putin angetrieben.

Der Punkt war, dass die Schwüre auf die Menschenrechte auch vom Westen gebrochen worden sind.

Ich sehe das anders, ich war Kriegsreporter, war in Afghanistan, ich war in Georgien, als die Russen einmarschierten. Ich war in Libyen. Überall wünschen sich die Menschen, sie könnten so leben wie in der Europäischen Union. Sie wünschen sich Stabilität, Frieden, Wohlstand. Ich bin befreundet mit einer Familie, die einen Sohn durch den Flugzeugabsturz der MH-17 im Jahr 2014 verloren hat. Ihr Leben ist dadurch zerstört worden. Wenn die Russen sich für den Abschuss entschuldigt hätten, wenn sie sagen würden: Es war ein furchtbarer Fehler. Aber nein, Russland bestreitet jegliche Beteiligung und weigert sich, die Angeklagten an den Europäischen Gerichtshof auszuliefern.

Seit Wladimir Putin die neue Verfassung verabschieden ließ, hat eine Repressionswelle das Land erfasst. Wie sehen Sie das Land heute?

Es ist eine Periode der Stagnation. Putin wirkt gelangweilt. Ich habe den Eindruck, er möchte nicht mehr Präsident sein, aber es gibt keine andere Option. Er kann sich nicht zurückziehen, dann würde er alles verlieren. Putin ist der reichste Mann der Welt: Er hat Zugriff auf die Reichtümer des Landes und eine Clique von zwanzig Menschen um sich, mit denen er das Land beherrscht. Er wird noch an der Macht sein, wenn Merkel, Johnson und Trump weg sind. Die jüngere Generation wehrt sich stärker, deshalb muss der Druck erhöht werden, zum Beispiel durch Verhaftungen von Künstlern. Die Klügsten verlassen Russland.