Potsdam - Plötzlich ist der Islamische Staat ein ganz bekanntes Gebilde, eines, das man gut kennt in Europa. Eine Art Mafia. Roberto Saviano bringt den Gedanken auf, er hat als Journalist über die Mafia recherchiert, ein Buch geschrieben, das ein Bestseller wurde.

Preis für Verdienste um Demokratie und freie Meinungsäußerung

Seitdem muss er sich verstecken, seit zehn Jahren. An diesem Abend steht er in Potsdam, im Saal der Orangerie des Schlosses Sanssouci. Saviano bekommt einen Preis für Verdienste um Demokratie und freie Meinungsäußerung, den M100 Media Award. Die Kanzlerin hält eine Rede. Saviano bedankt sich: „Die Aufmerksamkeit schützt mich mehr als Worte“, sagt er.

Wenn er könnte, hat er einmal gesagt, würde er das Schreiben seines Mafia-Buches rückgängig machen, weil es sein Leben zerstört habe und das seiner Familie. Er lebt mit Personenschutz, geht er in ein Restaurant, wird ein Sichtschutz aufgestellt.

Aber rückgängig machen geht nicht. Saviano hat also aus seinen Verstecken heraus weitere Bücher geschrieben, über den internationalen Drogenhandel, weitere Texte über die Mafia, über brutale Geld-Vermehrungsorganisationen also.

„Geld stinkt durchaus“, sagt Saviano

Und nun steht er in Potsdam, er freut sich über den schönen Sommerhimmel, und zeichnet ein dramatisches Bild von Europa. Er spricht von einer Schwemme und von Grenzen. Aber es geht nicht um Flüchtlinge, sondern um eine Geldschwemme, dreckiges Geld, das seine Wege finde.

„Geld stinkt durchaus“, sagt Saviano. Es stinke nach Blut, Drogen und Erdöl. Eine sehr laxe Bereitschaft zur Spurensuche attestiert er Europa. Deutschland könne sich dem entgegenstellen, findet er. Und er findet das eine viel wichtigere Frage als die der Flüchtlinge – wenn sie auch mit ihr zusammenhänge.

„Das Geld kommt nach Europa, nicht die Menschen“, sagt Saviano. Es sei nicht aufzuhalten. Und damit ist er beim IS und wie er über die Terrororganisation redet, klingt das sehr nach Mafia: „Der IS strebt die Herrschaft über Erdöl- und Drogenlager an und will, dass ihm keiner dabei in die Quere kommt.“ Er säe den Terror, damit die internationale Gemeinschaft das Handtuch werfe. Dabei sei doch sicher: „Wenn wir die Grenzen schließen, würde der IS seine Politik verändern? Nein.“

Komplexe Probleme haben keine einfachen Antworten

Einen wortreichen engagierten Appell für ein geeintes Europa hält Saviano. Er warnt vor Nationalismus und vor dem Versuch, für komplexe Probleme allzu einfache Antworten zu finden. Er warnt davor, die EU auf wirtschaftliche Zusammenarbeit zu verkürzen, weil damit die junge Generation nicht erreicht werde und findet, es gebe Hoffnung: „Europa hat gezeigt, dass es ein Herz gibt, das schlägt“, sagt er und sein Beispiel sind die Szenen von deutschen Bahnhöfen im Herbst 2015. Es sei „eine der wenigen Szenen, die unsere Epoche in die Zukunft weiterreichen wird“, sagt Saviano.

Angela Merkel, die im Publikum sitzt, wird es gerne gehört haben. Sie hat Saviano zuvor gewürdigt können als herausragendes Beispiel für Mut. „Wir könen nicht ermessen wieviel Mut es jeden Tag erfordert, beharrlich zu bleiben, nicht nachzugeben.“

Man kann sich fragen, ob sie da auch ein wenig über sich selbst gesprochen hat angesichts des Widerstands gegen ihre Flüchtlingspolitik. Am Freitag wird sie den beim EU-Gipfel in Bratislava wohl wieder spüren. „Es ist ganz und gar nicht gut, wie Europa derzeit verfasst ist“; sagte Merkel. „Das schmerzt mich.“ Vielleicht sollte sie Roberto Saviano mit nach Bratislava nehmen.