Flanieren verboten: Die Pariser Champs-Élysées und der Triumphbogen.
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ParisWer sich einmal mehr den Unterschied der Regierungsstile von Angela Merkel und Emmanuel Macron vor Augen führen wollte, konnte dies am Montagabend tun. In gewohnt nüchternen Worten sprach die deutsche Bundeskanzlerin um 18 Uhr bei einer Pressekonferenz vor Journalisten über neue „einschneidende Maßnahmen, um das Infektionsgeschehen zu verlangsamen“. Zwei Stunden später erklang im französischen Fernsehen die Nationalhymne, gefolgt von einer Videoaufzeichnung des Präsidenten, der sich mit ernster Miene an die Nation wandte: „Wir sind im Krieg.“

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Ein unsichtbarer Feind

Diese Formel wiederholte er sechs Mal. Mit dem Coronavirus gelte es einen „unsichtbaren, nicht greifbaren Feind“ zu bekämpfen. Seine gut 20-minütige Ansprache klang wie die Rüstung zum Kampf und der Staatschef wie ein Kriegsherr, der seine Armee motiviert. „Ich appelliere an alle politischen, wirtschaftlichen, sozialen und Vereins-Akteure, an alle Franzosen, sich in diesen nationalen Zusammenschluss einzureihen, dank dem unser Land schon so viele Krisen überwunden hat“, sagte Macron.

Über die bis dahin schon geltende Schließung der Schulen, Kinderkrippen, Universitäten, Restaurants, Museen und anderer öffentlicher Orte hinaus kündigte er eine massive Einschränkung der Bewegungsfreiheit an. Mindestens zwei Wochen lang dürfen die Franzosen nur noch das Haus verlassen, um das Notwendigste einzukaufen, zum Arzt zu gehen, ihren Hund auszuführen, alleine Sport zu treiben oder – wenn nicht vermeidbar – zu arbeiten.

Weitere Ausgeh-Verbote

Italien hatte als erstes Land vergangenen Mittwoch eine Ausgangssperre für 60 Millionen Bürger verhängt. Es ist nach China am stärksten von Corona betroffen.

Spanien verordnete seinen 47 Millionen Bewohnern am Sonntag ebenfalls Quarantäne. Nur in dringenden Fällen, etwa zum Arztbesuch, dürfen sie unterwegs sein.

Österreich entschied am Sonntag, dass die neun Millionen Bürger zuhause bleiben müssen. Auch Tschechien hat die Bewegungsfreiheit drastisch eingeschränkt.

Stets müssen sie eine schriftliche Begründung bei sich tragen. Rund 100.000 Polizisten und Gendarmen werden landesweit mobilisiert, um die Einhaltung dieser Regeln zu kontrollieren und bei Nichtbeachtung Bußgelder zwischen 38 und 135 Euro zu verhängen. Denn am Wochenende noch waren trotz der Mahnung von Regierungschef Édouard Philippe, sich nicht mehr in Gruppen zusammenzufinden, bei strahlendem Wetter viele Franzosen gemeinsam in Parks, auf Straßen und Märkten unterwegs gewesen.

Applaus von der Opposition

Zwischen den neuen Ankündigungen ging fast unter, dass die Regierung laufende Reformprojekte ausgesetzt hat. Das betrifft die umstrittene Rentenreform, gegen die im Winter monatelang protestiert worden war. Und es betrifft die ebenfalls höchst unpopuläre Arbeitslosenreform mit härteren Auflagen für Jobsuchende.

Für seine martialische Ansprache erhielt Macron auch von der Opposition Applaus. Die Rolle des entschlossenen Krisenmanagers wurde von ihm erwartet. Denn zuvor hatten unklare Signale seiner Regierung Verwirrung gestiftet. Kurz vor der ersten TV-Rede Macrons am Donnerstag, in der er Schulschließungen ankündigte, hatte Erziehungsminister Jean-Michel Blanquer diese noch verneint. Auch dass die Regierung zur Selbst-Isolierung aufrief, dann aber die erste Runde der Kommunalwahlen am Sonntag beibehielt, sorgte für Unverständnis. Der zweite Durchgang wurde nun verschoben.
Milliardenhilfen für Unternehmen

Macron: „Wir werden siegen“

Dem Präsidenten ging es erkennbar darum, Panikmache zu vermeiden. Er versprach die Einrichtung eines Feldkrankenhauses mit 30 Intensivbetten im Elsass, einer der am stärksten vom Coronavirus betroffenen Regionen, sowie Unterstützung für die Wirtschaft. Über die Verschiebung von Fristen für Steuern und Abgaben und das Versprechen von Milliardenhilfen für Unternehmen hinaus springe der Staat für Bankkredite in Höhe von insgesamt 300 Milliarden Euro für Betriebe ein, die vom Konkurs bedroht sind. Der Staat lässt die Menschen nicht im Stich, so lautete Macrons Botschaft. Und: „Wir werden siegen.“

Darin schwang wohl auch die Hoffnung mit, dass die Franzosen ihren Präsidenten künftig weniger als Gegner und wieder mehr als Verbündeten wahrnehmen.