Dmitri Rogosin ist Russlands Vize-Premierminister, Nato-Sonderbeauftragter und ein Diplomat. Was treibt einen so hoch gestellten Staatsdiener dazu, sich mit der US-Pop-Ikone Madonna anzulegen? Rogosin hat Madonna als "Schlampe" bezeichnet. Er hat sie nicht namentlich genannt, aber noch eindeutiger können seine Twitter-Einträge eigentlich kaum sein.

Madonna hatte sich bei ihrem Konzert in St. Petersburg am späten Donnerstagabend für die angeklagte Frauen-Punk-Band "Pussy Riot" und für Homosexuelle in Russland eingesetzt. Sie sprach von Freiheit und davon, dass die Menschen gemeinsam gegen Intoleranz kämpfen sollten.

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Noch am gleichen Abend twitterte Rogosin: "Jede ehemalige Sch. will mit dem Alter Vorlesungen über die Moral halten. Besonders auf Auslandstournees und bei Gastauftritten." Die Abkürzung "Sch." - im Russischen "B." - steht eindeutig für Schlampe oder Hure. Und jedem Leser dieser Kurznachricht war klar, wer damit gemeint ist - Madonna.

Rogosin schickte diese Nachricht zuerst nur auf seinem russischen Twitterkanal ab. Auf seiner englischsprachigen Version fand sich bis Freitagabend nichts dergleichen, der aktuellste Eintrag war mehrere Wochen alt. Dann legte Rogosin nach und schrieb den gleichen Text auf Englisch.

Der promovierte Philosoph hatte sich zuvor mit einer scheinheiligen Ausrede selbst in eine Zwickmühle gebracht. Nachdem seine Beleidigung bereits in der Welt war und die Nachrichtenagenturen sie aufgeschnappt hatten, schrieb Rogosin in seinem Facebook-Profil: "Meine Aussage wurde mit Madonna in Verbindung gebracht, obwohl ich sie mit keinem Wort erwähnt habe. So also ist die gefestigte Meinung im Volke."

Mehr als 160 Kommentatoren reagierten innerhalb weniger Stunden. Nicht wenige lobten ihn. Einige forderten, er solle zu seinen Worten stehen.

Viele kritisierten ihn. So schrieb Lydia Sychewa: "Wir haben unter den Mächtigen auch viele Sch. und das ist auch eine gefestigte Meinung im Volke."

Rogosin tritt nicht das erste Mal ins Fettnäpfchen. 2005 wirkte er mit in einem diskriminierenden Werbeclip bei den Wahlen für die Moskauer Staatsduma. "Lasst uns Moskau vom Müll säubern", lautete der Titel des Clips. Gemeint waren nicht etwa leere Plastikflaschen, Bierdosen und Zigarettenkippen auf Moskauer Straßen, sondern Zuwanderer aus dem Kaukasus.

Seinerzeit kassierte Rogosin eine entsprechend politische Strafe. Seine Partei "Rodina" (Heimat) wurde von Regionalwahlen ausgeschlossen. Später wirkte der Politiker in der Bewegung "Russischer Marsch" mit, einer patriotisch-nationalistischen Organisation, die sich vor allem gegen illegale Einwanderung ausspricht.

Der 48-jährige Diplomat hat also Erfahrung im undiplomatischem Auftreten. Russische Medien stellten am Freitag gar die Frage, ob in der russischen Politik überhaupt political correctness vorhanden ist. Der Analyst Aleksej Muchin unterstellt, der Westen wolle mit politischer Korrektheit seine koloniale Vergangenheit wiedergutmachen. Und im westlichen Sinne politisch korrekt seien sowieso nur drei Politiker, betont ein anderer Wissenschaftler im Gespräch mit der Agentur
Ria-Novosti: Präsident Wladimir Putin, Premier Dmitri Medwedew und Außenminister Sergei Lawrow.