Toronto - Man übertreibt nicht, wenn man Mads Mikkelsen als den berühmtesten Schauspieler Dänemarks bezeichnet. Nachdem Ende seiner Tänzerkarriere widmete sich der heute 53-jährige ab Mitte der Neunziger Jahre der Schauspieler und feierte mit Filmen wie „Pusher“, „Dänische Delikatessen“ oder Susanne Biers Oscar-nominiertem Drama „Nach der Hochzeit“ schnell erste Erfolge. International startete Mikkelsen als Bond-Bösewicht in „Casino Royale“ durch. Für das dänische Drama „Die Jagd“ wurde er beim Festival in Cannes als Bester Darsteller geehrt, in seiner Heimat außerdem zum Ritter geschlagen.

Demnächst ist der Vater von zwei erwachsenen Kindern in einer Nebenrolle in Julian Schnabels „At Eternity’s Gate“ zu sehen, doch gerade ist erst einmal sein neuer Film „Polar“ exklusiv bei Netflix verfügbar. Während den Dreharbeiten im kalten Toronto stand er uns Rede und Antwort. 

Herr Mikkelsen, vor ein paar Jahren waren Sie in „Doctor Strange“ zu sehen, nun spielen Sie die Hauptrolle im Netflix-Film „Polar“. Ist es Zufall, dass in beiden Fällen Comics als Vorlage dienten?

Oh ja, absolut, reiner Zufall. Und man kann die beiden Filme auch wirklich gar nicht vergleichen. Marvel ist eine Welt für sich, sowohl was die Comics angeht als auch nun die Verfilmungen. Jeder kennt diese Figuren, alle rennen in die Filme. Die Graphic Novels der „Polar“-Reihe des Spaniers Victor Santos sind dagegen erst ein paar Jahre alt, mit denen ist noch niemand aufgewachsen. Und vermutlich gibt es jede Menge Zuschauer, die von dieser Vorlage noch nie gehört haben. Wobei ich die übrigens jedem nur empfehlen kann. Wer wie ich etwas übrig hat für Graphic Novels, der sollte sich „Polar“ unbedingt mal vorknöpfen. Jedes Bild ist eindrucksvoll wie ein kleines Kunstwerk!

Sie spielen – nicht zum ersten Mal – einen Mann der eher wenigen Worte. Ist das eine besondere Herausforderung als Schauspieler?

Nein, denn man braucht nicht unbedingt viele Worte um etwas zu sagen! Und ich habe schon viel Erfahrung darin, in meinen Rollen nicht geschwätzig zu sein. In „Valhalla Rising“ habe ich schon mal eine komplett stumme Rolle verkörpert. Ich freue mich immer, wenn Regisseure in diesem doch sehr visuellen Medium Film nicht gleich dem Impuls nachgeben, alles mit Worten erklären zu wollen.

An einer Stelle in „Polar“ beklagen Sie sich, dass man ab dem 50. Geburtstag schon mal ein wenig einrostet. Für Schauspieler gilt das eher nicht, wenn man sich ihre Karriere ansieht, oder?

Ich bin sicher, dass es auch in der Schauspielerei ein Alter gibt, in dem man auf das eine oder andere Hindernis im Job stößt. Aber keine Ahnung, wann das ist, denn noch bemerke ich nichts. 

Fällt Ihnen selbst das Älterwerden leicht?

Ach, Alter ist doch bloß eine Zahl. Ich würde es albern finden, mich dagegen zu sträuben, denn man kann ja nichts dran ändern. Man hat nur die Wahl, entweder verkrampft und verschämt damit umzugehen – oder das Älterwerden entspannt zu akzeptieren. Meine Taktik ist letztere, denn ich freue mich darüber, dass ich älter werden darf. Besser als jung sterben, oder? 

Wo wir gerade schon bei der gut laufenden Karriere waren: bei „Polar“ waren Sie erstmals auch als so genannter Executive Producer verantwortlich...

Verantwortlich klingt etwas zu wichtig. Denn wenn ich ehrlich bin war das eher ein Titel als eine echte Funktion. Mein Agent hat das ausgehandelt, und ich habe überhaupt erst ein paar Wochen vor Drehbeginn davon mitbekommen. Ich kann mich also damit schmücken, aber wirklich neue Aufgaben musste ich nicht übernehmen. 

Aber Sie doch durchaus ein wenig Einfluss auf die Entstehung des Films gehabt, oder nicht?

Ich war auf jeden Fall recht involviert, das stimmt. Schon vor vier Jahren oder so landete das Projekt mal auf meinem Tisch, aber damals wurde nichts aus der Sache. Als dann vor anderthalb Jahren plötzlich wieder davon die Rede war, habe ich mich ein wenig ins Zeug gelegt, damit nun endlich Bewegung in die Sache kam. Ich habe ein bisschen geholfen, einen Regisseur an Land zu ziehen und solche Sachen. Aber das finde ich nicht sonderlich ungewöhnlich. In Dänemark bringen wir Schauspieler uns immer auf diese Weise ein, wenn wir ein Drehbuch gefunden haben, dass wir gerne umsetzen würden. Die war nur das erste Mal, dass ich das auch bei einer internationalen Produktion in diesem Ausmaß gemacht habe. 

Wenn Sie so viel Mitspracherecht hatten, war es auch vermutlich Ihre Idee, dass Ihre Figur in „Polar“ so viel raucht, oder? Schließlich können Sie selbst ja auch die Finger nicht von den Zigaretten lassen...

Nein, nein, damit habe ich nichts zu tun. Und glauben Sie mal nicht, dass es als Raucher unbedingt ein große Spaß ist, vor der Kamera zu rauchen. Denn leider sind das ja keine echten Zigaretten, die wir da rauchen. Sondern irgendwelches Kräuterzeug, das gesundheitlich unschädlich ist. Aber es schmeckt furchtbar und trocknet Mund und Stimmbänder aus. Außerdem verhält sich der Rauch nicht wie bei einer echten Zigarette, sondern ist wie brennendes Zeitungspapier. Und geht immer voll in die Augen. Ich finde das ziemlich furchtbar. 

Was halten Sie von Initiativen, die dafür kämpfen, dass Film und Fernsehen gar nicht mehr geraucht wird?

Das erscheint mir immer ein wenig übertrieben. Natürlich finde ich es wichtig, dass man das Rauchen nicht verherrlicht. Das tun wir zum Beispiel mit „Polar“ kein bisschen. Junge Leute zum Rauchen zu bringen ist das letzte, worum es uns geht. Aber es gibt bestimmte Genre und Geschichten, wo Zigaretten irgendwie dazu gehören. So wie im Falle dieser Film noir-Welt, in der sich der Killer in unserem Film bewegt. Oder auch in Filmen über den Zweiten Weltkrieg. Damals wurde nun einmal viel geraucht, das kann man nicht einfach weglassen. 

Eine letzte Frage noch zu Ihrer Serie „Hannibal“, die 2015 nach drei Staffeln abgesetzt wurde, aber von vielen Fans bis heute vermisst wird. Was wurde aus den Gerüchten, es könnte vielleicht auf Netflix eine Fortsetzung geben?

Das kann ich leider auch nicht sagen. Ich höre auch nur Gerüchte, und das schon seit dem Ende der Serie. Spruchreif ist jedenfalls nichts, das wüsste ich. Aber ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass doch noch etwas aus der Sache wird. Und ich weiß, dass es viele Fans gibt, die darüber sehr glücklich wären. 

Und Sie? Wären Sie offen dafür?

Definitiv! „Hannibal“ war etwas einmaliges und ganz besonderes. Bryan Fullers Vision, die er tatsächlich umsetzen durfte, war noch viel radikaler, brillanter und spezieller als eigentlich alle anderen Serien dieser Tage. Und das will was heißen!

(Mitarbeit: Joanna Ozdobinska)