Ein sonniger Frühlingstag in Friedrichshain vor einigen Jahren. An mir klebt mein neugeborener Sohn in einer Babytrage, an den Laternenpfählen kleben Sticker: „Smash Sexism“ steht da, unter anderem, und dass diese Forderung noch nicht überholt ist, zeigt sich kurz darauf in einem Laden für Kinderbedarf.

„Sie tragen die Trage falsch“, sagt die Verkäuferin, aber nicht mir, der ich die Trage trage, sondern einer jungen Frau, die zufällig neben mir steht und im selben Bekleidungssegment stöbert. Die schaut zunächst irritiert die Verkäuferin an, dann mich und sagt schließlich, hastig den Kopf schüttelnd: „Wir gehören nicht zusammen.“ Das kann ich nur zurückgeben. Meine Frau, die Mutter dieses an mir fixierten Kindes, steht in einem anderen Teil des Ladens und beobachtet amüsiert aus der Ferne, wie ich nun Tipps zum Thema Babytragen bekomme. Aber offenbar eben nur, weil für die Verkäuferin keine weibliche Person mit Kindesverantwortung greifbar ist.

Wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, steht die Rolle der Frauen meist im Zentrum der Debatte. Sie übernehmen in Partnerschaften, oft zusätzlich zu ihrem Brotberuf, meist den Großteil der sogenannten Sorgearbeit, also etwa der Kinderbetreuung. „Da muss man was ändern“, ist der Tenor solcher Feststellungen und es stimmt ja, nur wird bei der Analyse gelegentlich das passende Gegenstück vergessen: die Rolle der Männer.

Neue Serie: Familie und Job – die größten Lügen

Beruf und Familie lassen sich wunderbar vereinbaren, denkt man sich, bevor man Kinder bekommt. Etwas später merkt man: Das stimmt gar nicht. Und die Alltagskämpfe beginnen.
Was also läuft immer noch schief, was muss besser werden? Das versuchen wir in unserer neuen Serie über den Mythos der Vereinbarkeit ergründen. Und es wird nicht nur ums Kinderkriegen gehen, sondern auch um Beziehungen, Alter, Krankheit und Vorurteile.

Dass deren Job im familiären Rahmen über die Tätigkeit des Versorgers hinausgehen kann und muss, wenn man das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ernsthaft angehen will, ist auch im 21. Jahrhundert in vielen Köpfen noch nicht überall angekommen. Das zeigt nicht nur die kleine Anekdote aus Friedrichshain, in der es in Kinderfragen nur einen legitimen Ansprechpartner gibt: die Mutter.

Exotisch wenn Frauen mehr Geld verdienen als ihre Männer?

In der FAZ, um ein anderes Beispiel zu nennen, verkündete erst kürzlich ein Kolumnist mit dem Sound eines zurückgekehrten Expeditionsteilnehmers, er kenne doch tatsächlich „Paare, in denen die Frauen richtig Geld verdienen und die Männer arme Schlucker sind“. Mit einer Rechtfertigungsrhetorik, die eigentlich nur das Exotische an diesem Zustand unterstreicht, erklärte der Autor dann weiter: „Die Partner sind keine Waschlappen, sondern Ehemänner und Väter, die sich mit Hingabe um den Haushalt und die Kinder kümmern.“

So, so. Keine Waschlappen also. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Väter sind, was den familiären Einsatz angeht, offenbar nicht allzu ausgeprägt. Selbst das Bundesfamilienministerium klopfte sich kürzlich bei Twitter selbst auf die Schulter, weil der Anteil von Vätern, die Elterngeld beziehen, von 20,9 Prozent im Jahr 2015 auf stolze 25,3 Prozent gestiegen ist. Das heißt aber im Umkehrschluss: Fast drei von vier Eltern, die einen staatlichen Einkommensausgleich während der Elternzeit in Anspruch nehmen, sind Mütter.

In Berlin liegt die Zahl mit einem Väter-Anteil von 27,1 Prozent etwas höher und auch hier gab es in den vergangenen Jahren einen Zuwachs. Trotzdem stemmen auch hier die Mütter den Großteil der Kinderbetreuung nach der Geburt. Zumal über die Dauer damit noch gar nichts ausgesagt ist: Laut den aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2020 planten Männer in Deutschland beim Elterngeldbezug mit einer durchschnittlichen Dauer von 3,7 Monaten, Frauen dagegen mit 14,5 Monaten.

Tatsächlich ist das 2007 eingeführte Elterngeld auch dazu gedacht, die Aufteilung der Betreuungszeiten anzugleichen. Es soll den Einkommensverlust während der Elternzeit ausgleichen, bei der sich jeder Partner für bis zu 36 Monate vom Job freistellen lassen und später in seinen Beruf zurückkehren kann. Beim Elterngeld Plus lassen sich bis zu 28 Monate abdecken, die monatlichen Zahlungen fallen aber geringer aus als beim sogenannten Basiselterngeld. Hier werden je nach Einkommenshöhe 65 bis 100 Prozent des vorherigen Einkommens gezahlt, mehr als 1800 Euro sind aber nicht drin.

Die Dauer beträgt bis zu 14 Monate – wenn ein Partner mindestens zwei Monate davon in Anspruch nimmt. Die Idee: Um das volle Programm mitnehmen zu können, muss auch der Vater zumindest zeitweise ran. Doch das scheint, trotz eines deutlichen Zuwachses seither, in der Fläche eben noch nicht zu funktionieren. Warum ist das so?

Keine Lust auf Windeln

Natürlich, mancher frischgebackene Papa hat wenig Lust, sich freiwillig in das Chaos zwischen Wickeltisch und Wiege zu werfen, das in den ersten Monaten und vielleicht auch Jahren vorherrscht. Es gibt sie, die Geschichten von Vätern, die nach der Geburt des Kindes plötzlich besonderen Ehrgeiz im Job entwickeln, Überstunden machen und länger im Büro bleiben.

Wer Kinder hat, weiß: Sätze wie der aus dem Tweet des Bundesfamilienministeriums, man wolle dafür sorgen, „dass mehr Väter Zeit mit der Familie verbringen können“, sind arg romantisierend. Bei aller Liebe: Kinder schreien, wollen ständig irgendetwas, kosten Nerven, Zeit und Aufmerksamkeit und geben gerade am Anfang nicht unbedingt viel zurück. Nach einer durchwachten Nacht am Kinderbett kann der morgendliche Gang ins Büro oder auf die Baustelle gelegentlich fast erholsam sein.

Das gilt ebenso für Mütter, die sind schließlich auch nur Menschen. Dass es trotzdem die Väter sind, die häufiger den Ernährer als die Milchflasche geben, lässt sich nicht mit Unwillen allein erklären. „Wir wissen aus der Forschung, dass viele Väter gern mehr Zeit für die Familie hätten“, sagt Karsten Kassner, Fachreferent beim Bundesforum Männer. Der Interessenverband setzt sich für die Belange von Jungen, Männern und nicht zuletzt Vätern ein.

Dass die Väter diese Zeit nicht haben – oder: dass sie sich diese Zeit nehmen –, hat laut Kassner verschiedene Ursachen. Da sind zum Beispiel Rollenbilder, die mancherorts ganz klassisch seien. „In Prenzlauer Berg werden Sie als Vater komisch angeguckt, wenn Sie keine Elternzeit nehmen – auf dem Land in Baden-Württemberg ist es vielleicht genau umgekehrt“, meint der Referent.

Aber auch aus Berlin kann man von Chefs erzählen, die eigentlich eher fortschrittlich unterwegs und selbst Väter sind – doch aus allen Wolken fallen, wenn ihre männlichen Mitarbeiter ihr Recht auf Elternzeit in Anspruch nehmen wollen. Natürlich hat so etwas auch mit der Art und der Größe des Betriebs zu tun, wie Kassner betont. „Es gibt viele positive Beispiele aus großen Konzernen, aber bei einem kleinen oder mittelständischen Unternehmen wird es schnell zum Problem, wenn zwei von zehn Beschäftigten in Elternzeit sind.“

So war es auch in meinem Fall, damals, in einem kleinen Unternehmen, und auf den Schock des Chefs folgten die Verhandlungen – weniger Elternzeit, eine bessere Position. Meine Frau stimmte zu, weil sich das mit ihren eigenen Plänen vereinbaren ließ. Und doch bleibt die Frage, ob die überraschte Reaktion ähnlich ausgefallen wäre, wenn eine Kollegin um Elternzeit gebeten hätte.

Zugleich zeigt sich hier der neben gesellschaftlichen Vorurteilen und personalwirtschaftlichen Vorbehalten der dritte Grund für das Ungleichgewicht: das liebe Geld.

Die gelegentlich angegebene Angst vor einem Karriereknick sei meist unbegründet, sagt Kassner. Er räumt allerdings ein, dass das auch an der Kürze der von Vätern durchschnittlich genommenen Elternzeit liegt.

Anders sieht es aber bei den Gehältern aus. Dass meine Frau mehr und ich weniger Elternzeit nahmen als eigentlich geplant, hatte auch mit den verbesserten Konditionen zu tun, die ich im Gegenzug von meinem damaligen Arbeitgeber erhielt. Und bei anderen sind die Konditionen eben schon ohne irgendeinen Deal so, dass es für das Familieneinkommen sinnvoller ist, wenn die Frau zu Hause bleibt.

Bei 27 Prozent der deutschen „Paarfamilien“, wie das Bundesfamilienministerium in schönstem Behördendeutsch in seinem „Väterreport“ mitteilt, sind die Väter der einzige Verdiener. Und auch wenn diese Zahl kontinuierlich abnimmt, sind Männer auch in anderen Konstellationen meist die wichtigste Einkommensquelle – laut „Väterreport“ lag „auch im Jahr 2019 noch in 45 Prozent der Paarfamilien der Erwerbsumfang der Frau unter dem des Mannes“.

Die konkrete Ausgestaltung des Elterngeldes ist vor diesem Hintergrund für viele Gruppen unattraktiv, meint Fachreferent Kassner. So sei die Kappungsgrenze von 1800 Euro, die einem Netto-Gehalt von knapp 2800 Euro entspreche, in den Augen vieler Gutverdiener zu niedrig. Zudem seien die Unter- und Obergrenzen beim Elterngeld seit dessen Einführung 2007 nicht verändert worden, trotz steigender Inflation. Tatsächlich geben laut einer Umfrage 51 Prozent der Väter, die kein Elterngeld in Anspruch genommen haben, finanzielle Motive an.

Elterngeld, der größte Posten im Haushalt

Zugleich ist das Elterngeld schon jetzt nicht gerade ein kleiner Posten im staatlichen Budget. 12,58 Milliarden Euro sieht der Bundeshaushalt 2022 für das Bundesfamilienministerium vor – 7,73 Milliarden Euro davon entfallen aufs Elterngeld.

Im Ministerium arbeitet man dennoch an weiteren Anreizen. „Um mehr Partnerschaftlichkeit zu ermöglichen, sollen eine zweiwöchige Partnerfreistellung nach der Geburt eingeführt, die Partnermonate erweitert und der elternzeitbedingte Kündigungsschutz verlängert werden. Ein Gesetzgebungsvorhaben wird noch in diesem Jahr angestrebt“, sagt Ministeriumssprecherin Katharina Koufen.

Gerade die Partnerfreistellung sei ein wichtiger Schritt, glaubt der Experte Kassner – vor allem, falls sie obligatorisch sein sollte und auch die Väter nach der Geburt zumindest kurz eine Auszeit nehmen müssen. „Das wird eine spannende Diskussion“, sagt Kassner – und die sei auch nötig. Denn an der Frage, wie Väter ihren Teil dazu beitragen können, Familie und Beruf zu vereinbaren, hängen ganz grundsätzliche Fragen, die weit über das Thema hinausweisen. Zum Beispiel über die generelle Verteilung und Höhe von Arbeitszeit. Grundsätzlich aber sei zu begrüßen, dass „gesellschaftlich etwas in Bewegung geraten“ ist, sagt Kassner. „Nur beim Tempo könnte es deutlich schneller gehen.“

Und es stimmt ja: Bevor das Elterngeld kam, exerziert BMFSFJ-Sprecherin Koufen vor, habe die sogenannte Väterbeteiligung bei drei Prozent gelegen. Im dritten Quartal 2019 lag der damit bezeichnete Anteil der Kinder an allen anspruchsbegründenden Kindern, für die mindestens ein männlicher Leistungsbezieher Elterngeld erhält, bereits bei 44,3 Prozent – und in Berlin bei 47,5.

Dass es durchaus Entwicklungen zur Angleichung der Elternrollen gibt, lässt sich gelegentlich auch im Alltag beobachten. Die ungefragten Erläuterungen der Verkäuferin in dem Friedrichshainer Fachgeschäft waren wirklich hilfreich – und damit eine Ausnahme. Denn für die meisten passiv-aggressiv vorgetragenen Ratschläge, die ich sonst so erhalten habe, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs war, galt das nicht.

Dass ein Kind ganz eventuell eine volle Windel oder sogar Hunger haben könnte, wenn es schreit – darauf wäre ich ohne die vielen klugen Passanten in ganz Berlin sicher nicht allein gekommen. Und da geht es mir mittlerweile eben genau wie meiner Frau.