Berlin/Erfurt - Der italienische Unternehmer hatte schon kurz nach der Jahrtausendwende große Pläne für künftige Investitionen. „In Erfurt behalten wir das, was wir bereits haben“, sagte er seinerzeit zu seinem Gesprächspartner am Telefon. „Leipzig hat Zukunft, weil Leipzig jungfräulich ist. Wir behalten die Verträge in Dresden. Das Projekt Leipzig ist ein langfristiges.“ Was der Mann, der damals bereits Teilhaber von mehreren Restaurants in Erfurt war, nicht ahnte: Sein vertrauliches Telefonat wurde von Ermittlern des Thüringer Landeskriminalamtes und des Bundeskriminalamtes mitgehört. Denn nach ihren Informationen war der geschäftstüchtige Wirt ein Statthalter der kalabrischen Mafia-Organisation ’Ndrangheta in Erfurt, der zusammen mit seinen Kumpanen Gelder aus dem Drogenhandel in Restaurants in Thüringen und Sachsen wäscht.

Das Protokoll des abgehörten Telefongesprächs befindet sich in den Akten eines umfangreichen Ermittlungsverfahrens mit der Deckbezeichnung „Fido“, das Polizei und Staatsanwaltschaft des ostdeutschen Freistaats vor 20 Jahren eingeleitet hatten. Im Verlauf der in Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt geführten „Operation Fido“ wurden anderthalb Jahre lang Dutzende Telefone abgehört, die von insgesamt acht mutmaßlichen Mitgliedern einer ’Ndrangheta-Zelle in Thüringen genutzt wurden. Nachdem vor einigen Wochen erstmals Auszüge aus den Protokollen der abgehörten Telefonate in den Medien auftauchten, wird der Thüringer Landtag an diesem Freitag einen Untersuchungsausschuss einsetzen, der sich mit dem zwei Jahrzehnte zurückliegenden Ermittlungsvorgang befassen will. Geklärt werden soll unter anderem die Frage, ob die damalige Landesregierung Einfluss auf die Ermittlungen genommen hatte. Denn auffällig ist, dass die „Operation Fido“ ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt gestoppt wurde, als sie Hinweise auf Kontakte zwischen Mafia-Mitgliedern, Thüringer Politikern und der Justiz zutage förderte.

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