Demontranten halten Bilder der getöteten Journalistin Daphne Caruana Galizia.
Foto:  dpa/Rene Rossignaud

VallettaMaltas Regierungschef Joseph Muscat wird nach Angaben aus seiner Partei am 18. Januar zurücktreten. Muscat werde seine Ämter niederlegen, sobald seine Partei einen neuen Vorsitzenden gewählt habe, hieß es am Samstag in Valletta. Die Familie der vor zwei Jahren ermordeten maltesischen Enthüllungsjournalistin Daphne Caruana Galizia wirft Muscat seit langem vor, die Täter zu decken. 

„Mafia, Mafia“, „Kriminelle“, „Gerechtigkeit“. Die Wut der Demonstrierenden bricht sich Bahn. Malta erlebt die schwerste politische Krise seit Jahrzehnten. Seit Tagen gehen Menschen in dem kleinsten EU-Land auf die Straße und protestieren gegen korrupte Politiker und einen „Mafia-Staat“.

Sie halten Bilder der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia hoch. Sie verlangen Gerechtigkeit für einen Mord, dessen Aufklärung die Regierung in Valletta die letzten zwei Jahre offensichtlich verschleppt hat - wenn sie ihn nicht gar vertuschen wollte.

Nun hat der Skandal die Regierung voll erfasst. Caruana Galizia wurde im Oktober 2017 mit einer Autobombe in der Nähe ihres Hauses auf der kleinen Mittelmeerinsel in die Luft gesprengt. Sie hatte in ihrem Blog Korruption und Vetternwirtschaft in Politik und Wirtschaft des Landes angeprangert und zu den sogenannten „Panama Papers“ recherchiert.

Daphne Caruana Galizia.
Foto: Jon Borg/AP
Daphne Caruana Galizia

Die 53-jährige Journalistin wird nahe ihrer Wohnung in der maltesischen Hauptstadt Valletta im Oktober 2017 mit einer Autobombe getötet. Sie hatte über Korruption und Geldwäsche berichtet und auch Regierungsvertreter bezichtigt.

Für den Mord müssen sich derzeit drei Männer vor Gericht verantworten. Die Hinterbliebenen fordern eine Untersuchung über die Rolle der Regierung. Auch die EU-Kommission fordert vollständige Aufklärung.

Zwar wurden drei Männer angeklagt, den Mord ausgeführt zu haben. Doch wer hat ihnen den Befehl gegeben? Wer war der Drahtzieher? Seit zwei Jahren war kaum etwas passiert, das zur Aufklärung der Frage beigetragen hätte.

Taxifahrer legt Spur

Das politische Erdbeben begann nun vor gut zwei Wochen, als ein Taxifahrer in dem Fall eine Spur legte, die mittlerweile mehrere Köpfe in der Regierung rollen ließ. Im Zentrum steht der Unternehmer Yorgen Fenech. Der kahlköpfige, zigarettenrauchende Mann mit Sonnenbrille wurde wenig später auf einer Luxusjacht festgenommen, als er angeblich flüchten wollte.

Er wollte Straffreiheit gegen Informationen zu dem Mord eintauschen - ein Wunsch, den ihm die Regierung allerdings verwehrte. Fenech ist Direktor eines Konsortiums, das 2013 von der Regierung einen Auftrag erhalten hatte, ein Gaskraftwerk zu bauen. 2018 kam heraus, dass ihm auch eine geheime Offshore-Gesellschaft namens „17 Black“ gehörte.

Caruana Galizia hatte Monate vor ihrem Tod über „17 Black“ geschrieben. Fenech will offenbar wissen, dass auch der damalige Kabinettschef des Premiers, Keith Schembri, in den Mord verwickelt ist. Schembri wurde mittlerweile auch festgenommen, dann aber wieder frei gelassen. Er beteuert seine Unschuld, aber die Empörung ist riesig.

„In dieser unglaublichen Woche der Gerechtigkeit für meine Mutter tauchen immer mehr Beweise auf, dass die mächtigste Figur in der maltesischen Regierung an ihrer Ermordung beteiligt war und die Position nutzte, den Mord zu vertuschen“, twitterte Sohn Andrew Caruana Galizia.

Schmiergeldaffäre stürzt Minister

Auch zwei Minister stolperten schon über die Affäre: Tourismusminister Konrad Mizzi und Wirtschaftsminister Chris Cardona. Die Enthüllungsjournalistin hatte unter anderem Schembri und Mizzi bezichtigt, Schmiergelder von Fenech angenommen zu haben. Dabei ging es um den Bau des Gaskraftwerks, an dem Fenech Anteile hält.

Die Politik ist auf dem tiefsten Punkt angekommen. Wir hatten gute und schlechte Premierminister, aber niemals eine Regierung, die in einen Auftragsmord verwickelt war.

Manuel Delia

In dem unaufhaltsamen Strudel der Enthüllungen stürzt nun auch Muscat. Erst vor wenigen Wochen hat er eine unabhängige Untersuchung des Falls angekündigt - auch nachdem der internationale Druck immer größer geworden war. Er gibt sich als großer Aufklärer, doch das nimmt ihm kaum mehr einer ab.

Die Stimmung im Volk ist gekippt. Immer mehr Menschen forderten seinen Rücktritt. „Die Politik ist auf dem tiefsten Punkt angekommen. Wir hatten gute und schlechte Premierminister, aber niemals eine Regierung, die in einen Auftragsmord verwickelt war“, sagt Autor Manuel Delia der Deutschen Presse-Agentur, der ein Buch über den Fall geschrieben hat und bei den Protesten auftritt. „Malta hat international so einen schlechten Ruf, wie nie zuvor.“

Sunnyboy Muscat verlor an Glanz

Muscat war einst der Sunnyboy, der Malta mit seinen knapp 500.000 Einwohnern einen Wirtschaftsboom verschafft hat. Seine Labour-Partei hat mit ihm an der Spitze keine Wahl verloren. Seit sechseinhalb Jahren ist er Regierungschef und wurde bei vorgezogenen Neuwahlen 2017 mit großer Mehrheit im Amt bestätigt - obwohl damals Korruptionsvorwürfe gegen ihn und seine Frau aufgekommen waren. Doch mit dem Mord an Caruana Galizia verlor Muscat an Glanz.

Maltas Premierminister Joseph Muscat.
Foto: dpa/Jonathan Borg

Die Krise werde nun auch Auswirkungen auf Tourismus und Investitionen haben, da das Vertrauen in das Land flöten gegangen sei, sagt Delia. Auch die Behörden seien alles andere als unabhängig. „Die Polizei ist komplett kontrolliert von der Regierung.“

Am Montag wollen Beobachter des Europaparlaments nach Malta reisen. „Endlich. Dieser Sumpf aus Korruption und Finanzverbrechen muss nun ein Ende haben“, erklärte der grüne Europaabgeordnete Sven Giegold, der die mangelnde Aufarbeitung seit Jahren kritisiert.

Rangliste der Pressefreiheit: Malta steht auf Platz 77

Die Organisation Reporter ohne Grenzen hatte schon zum zweiten Jahrestag des Mordes der Regierung und den Behörden Maltas skandalöse Verfehlungen vorgeworfen. Es sei schockierend, dass bis heute niemand für die Tat zur Rechenschaft gezogen worden sei, erklärte Geschäftsführer Christian Mihr im Oktober.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht das Land auf Platz 77 von 180 Staaten. In den vergangenen zwei Jahren ist Malta um 32 Plätze gefallen. In der EU stehen nur Ungarn und Bulgarien schlechter da.