Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinEin dunkles Wesen steht am Bett, draußen wird es langsam hell. „Mama, stimmt es, dass die Ägypter sich mit Gold und Edelsteinen begraben lassen?“, sagt das Wesen. Meine Augen sind geschlossen, ich erwäge die Möglichkeit, dass die Stimme nichts bedeutet, dass die Nacht noch nicht vorbei ist, dass ich noch träume, obwohl ich ahne, dass ich mich damit selbst belüge. Ich will meine Augen nicht öffnen. Solange ich sie nicht öffne, kann ich so tun, als würde ich noch schlafen und nichts hören.

Das Wesen redet weiter: „Mama, wenn die Ägypter mit Gold und Edelsteinen begraben werden, möchte ich das auch. Kann ich auch in einer Pyramide begraben werden?“

Onkel Max liegt da unten

Seit ich Mutter bin, verbringe ich einen Großteil meiner Zeit mit Themen, die mich nicht interessieren – zum Beispiel Meister Wu von den Ninjas, Raumfahrt und den Tod.

Das Wesen ist mein Sohn, fünf Jahre alt. „Mama, müssen alle Menschen sterben?“ Er machte eine Pause. „Mama, muss ich auch sterben?“ Es ist halb sechs morgens. Ich öffne die Augen und antworte wahrheitsgemäß.

Beim Frühstück stelle ich ein Glas Wasser hin. Mein Sohn schaut es an. „Mama, wann sterbe ich, wenn ich nichts trinke?“ Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich als Fünfjährige so sehr für den Tod  interessiert habe. Ich bin in einem Dorf groß geworden. Dem Huhn wurde der Kopf abgehackt, dem Schwein wurde ein Bolzenschuss versetzt, Katze Mohrchen verendete in der Küche an einem Wurm. Onkel Max lag ein paar Tage im Bett, sein Gesicht wurde spitz, seine Stimme leise, bis er nichts mehr sagte. Eines Tages holte ein Auto seinen Körper ab. Tante Martha war auf dem Weg vom Eimer zum Bett gestürzt. Meine Mutter sagte zu mir: „Geh raus spielen!“ Als ich mich noch mal zu Martha umdrehte, sah ich, wie meine Mutter vor dem Bett das Blut vom Boden wischte.

Die Ewigkeit mit Jesus

Ich durfte dann später Max und Martha besuchen. Wir standen auf dem Friedhof, vor einem Haufen von Blumen. „Darunter liegt Onkel Max“, sagte meine Mutter. Ich könne mit ihm reden, er würde mich hören, sagte sie zu mir. Der Tod war immer da, es hat lange gedauert, bis ich gemerkt habe, wie ungewöhnlich das war. Ich stelle fest, dass ich mit meinem Sohn noch nie auf einem Friedhof war.

Unser Frühstück und das Anziehen vergehen ohne weitere Fragen. Auf der Treppe rennt mein Sohn ein paar Absätze vor, dann dreht er sich um. „Mama, was ist, wenn man tot ist?“, ruft er. Es ist kurz nach acht, Freitagmorgen. Ich bin kurz davor ihm zu sagen, dass ich für diese Fragen jetzt keine Zeit habe. Aber das wäre eine Ausrede. Mir würde eine Antwort leichter fallen, wenn ich etwas glauben würde, an Gott, eine höhere Macht, das Nachleben. „Manche Menschen glauben an das Paradies“, sage ich.

„Was ist ein Paradies?“, fragt mein Sohn.

Schon früher, als ich noch an Gott glaubte, hat mir diese Frage zu schaffen gemacht. Die Aussicht, den Rest der Zeit mit Jesus zu verbringen, hätte mich als strenggläubige Person ja in Entzücken und Vorfreude versetzen müssen, stattdessen empfand ich Panik: Sollte ich die Unendlichkeit mit jemandem verbringen, den ich zwar nicht unsympathisch fand, dem ich aber noch nie in echt begegnet war? 

Mein Sohn stand auf dem Treppenabsatz. „Das Paradies ist ein sehr schöner, äh, Ort. Und jetzt müssen wir zur Kita“, sagte ich und lief zu den Rädern.

Am Abend saß ich bei den Kindern am Bett. Ich genoss die Ruhe. Ich stand langsam auf und ging zu Tür, als die Decke raschelte. „Mama, ist die Erde ein ganz gewöhnlicher Planet?“, fragte mein Sohn.