„Greta und ich“-Kolumne.

MUTTER: Ich bin echt gespannt, wie es in Belarus weitergeht. Im Moment ist die Lage total ungeklärt. Man weiß nicht, ob die Dinge eskalieren.

TOCHTER: Denkst du, man müsste was tun?

Ja, weiß ich auch nicht so genau. Im Moment ist das Volk dort jeden Tag auf der Straße und protestiert gegen Wahlfälschung. Es werden viele verhaftet und ins Gefängnis gesperrt. Ich glaube, die Zustände in den Gefängnissen sind ziemlich furchtbar. Ich habe eine Dokumentation im Fernsehen gesehen, da hatten Angehörige direkt vor einem Gefängnis Tonaufnahmen gemacht und man hörte Schreie. Dann wurden Leute freigelassen und die haben dann erzählt, dass sie die ganze Nacht Menschen gehört haben, die vor Schmerzen geschrien haben. Was mich umtreibt, ist jetzt die Frage, was passiert, wenn Polizisten oder Soldaten auf Demonstranten schießen. Oder wenn Russland sich entschließt, Truppen zu schicken, um den Konflikt zu beenden. Was macht man dann als EU?

Sobald auf Menschen geschossen wird, muss die EU auf jeden Fall was tun. Man kann nicht zulassen, dass Demonstranten mit ihrem Leben bezahlen, die nur ihr Grundrecht einfordern, nämlich dass eine Wahl nicht gefälscht wird. Man kann keinen Krieg mit Russland oder den Truppen dort im Land anfangen. Daneben sitzen und nichts machen, geht aber auch nicht. Näher kann so ein Konflikt ja kaum noch rücken.

Es gibt aber auch schlechte Erfahrungen mit der Einmischung. In der Ukraine hat die EU vor ein paar Jahren viele Fehler gemacht. Europa hat die Ukraine gelockt und damit die vorhandene Spaltung in der Bevölkerung noch vertieft. Am Ende sind russische Truppen in der Ost-Ukraine einmarschiert.

Ist aber die Frage, ob man Russland wieder das Feld überlässt. Das war europäisches Versagen.

Na, aber die Einmischung war auch Versagen. Vielleicht hätte man nicht versuchen sollen, von einem gesellschaftlichen Richtungsstreit zu profitieren. Die Gesellschaft hätte erst mal selbst klären sollen, ob sie europäischer oder russischer werden will.

Aber darum geht es ja jetzt in Belarus nicht. Jetzt muss der Präsident erst mal dazu gebracht werden zu akzeptieren, dass er die Wahl verloren hat. Das muss die Bevölkerung aber selber machen. Man kann nicht für sie den Staat umkrempeln, sonst fußt der Staat ja auf nichts. Wenn sie einen anderen Präsidenten wollen, müssen sie das selber durchsetzen. Aber wenn er anfängt, sein Volk zu beschießen, muss man eingreifen. Das heißt ja nicht, dass man Militär hinschicken muss. Man kann auch reden.

Auch mit Russland. Die sind viel eher noch als die EU in einer Art väterlicher Rolle und müssten versuchen zu ermöglichen, dass das Volk einen Präsidenten wählen kann, den es auch will.

Ich weiß nicht, ob man mit so einer Erwartung an eine Diktatur herantreten kann.

Vielleicht ist es ja in russischem Interesse. Russland will bestimmt nicht, dass dieser Staat in einer Revolution untergeht.

Solche Gespräche mit Russland könnten auch eine Chance für die EU sein, die Beziehungen mit Russland wieder etwas zu verbessern.