Berlin - Der Machtkampf um die Kanzlerkandidatur ist in der Union voll entbrannt. Im Interview erklärt der Politikwissenschaftler Bernhard Weßels vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB), warum Armin Laschet schwächer wirkt, aber dennoch siegen wird.

Die Union muss sich zwischen zwei Kanzlerkandidaten entscheiden. Stärkt sie das oder schwächt sie das eher? Oder ist das normale innerparteiliche Demokratie?

Also, ganz normal ist das sicherlich nicht. Wenn man fragt, ob es die Partei schwächt, stellt sich die Frage, wen man damit meint, CDU oder CSU. Es sind ja nun mal zwei. Die Grundkonstellation ist angesichts der Debatte in der Öffentlichkeit und der Umfragewerte von Markus Söder kaum zu vermeiden gewesen. Es gibt eben die Beunruhigung, dass es mit der Union eher bergab geht. Und dann ist da ein Mensch, der schneidet in den Umfragen sehr viel besser ab als der Parteivorsitzende. Laschet hätte in dieser Situation nicht sagen können, ich bin der Parteivorsitzende, ich bestimme und werde Kanzlerkandidat. Er musste Söder mit einbeziehen.

Aber es ist ja nun ein Problem, dass zwei Leute antreten wollen und es kein klares Verfahren gibt, wie nun ausgewählt wird. Wie wirkt sich diese fragile Situation auf die Partei aus?

Das ist für die Partei, also die CDU, sicherlich eine Herausforderung. Aber es war sehr klar, dass sich der Parteivorstand der CDU für Laschet und nicht für Söder ausspricht. Man wird also eine diplomatische Formulierung finden müssen, warum Söder es nun nicht werden soll. Das wird derzeit sicherlich gerade besprochen. Aber letztlich wird es auf eine Absprache zwischen den beiden hinauslaufen.

Gerade kommt die Nachricht, dass sich das Präsidium für Laschet ausgesprochen hat. Das war ja eigentlich das Minimum, das zu erwarten war, oder?

Wenn ihn die Partei nicht als Kanzlerkandidaten unterstützen würde, dann müsste Armin Laschet auch seinen Parteivorsitz abgeben. Den könnte er dann nicht halten.

Vor einem Jahr war es noch undenkbar, dass Markus Söder derartige Beliebtheitswerte erzielen könnte, um ernsthaft als Kanzlerkandidat in Betracht zu kommen. Liegt das auch an der Schwäche der CDU oder daran, dass ihr neuer Parteivorsitzender nicht so richtig stark wirkt?

Da kommen eine ganze Menge Aspekte zusammen. Das eine ist, dass die Corona-Krise und die Art und Weise, wie Söder damit umging – nämlich sehr medienwirksam, sehr präsent und auch sehr klar, auch wenn es letztlich nicht immer erfolgreich war. So bekam er das Image des starken Mannes. Und wenn dann eine Partei sieht, dass ihr die Felle auf eine klare Regierungsführung wegschwimmen, dann wird die Angst immer größer. Dann wird nach Alternativen geguckt.

Und das bis nach Bayern?

Es gibt die Vorstellung, dass bei einer Wahl die Personen den Ausschlag geben. Aus Sicht der Wahlforschung ist das so nicht richtig. Es gilt nur dann, wenn die Person auch die Partei verkörpert. Nur dann macht sie einen Unterschied, sonst nicht. Das muss gelingen. Da hatte Söder ein Auftreten, das ihn in den Umfragen nach vorne geschoben hat. Aber Umfragen sind etwas anderes als der Parteiwille.

Wer verkörpert denn eher die Union – Laschet oder Söder?

Es sind ja zwei Parteien, die CDU und die CSU. In Bayern hätte ein Laschet keine Chance, während ein Söder außerhalb Bayerns nur geringe Chancen hätte. Es ist ja eine ganz interessante Geschichte. Wenn man sich Kanzlerkandidaturen der Union anguckt, sowohl CSU und CDU und dann sieht, was die Wählerinnen und Wähler in den einzelnen Gebieten abstimmen, dann ist das immer so: Ein CSU-Kandidat wird in Bayern stark unterstützt, aber im Rest der Republik wenig. Eine CDU-Kandidatin oder ein CDU-Kandidat wird in Bayern nicht so gut unterstützt, dafür aber in allen anderen Bundesländern.

Dann ist aber von vorneherein klar, dass ein CSU-Kanzlerkandidat scheitert – entweder bei der Nominierung oder spätestens bei der Bundestagswahl?

Wir haben es ja zweimal gehabt, mit den Kandidaten Franz-Josef Strauß und Edmund Stoiber. Beide sind nicht gewählt worden. Es zeigt also, dass es nicht einfach ist. Man kann eine Zukunftsaussage natürlich nie mit absoluter Sicherheit treffen. Wir haben auch jetzt eine spezielle Situation mit dem Abtreten einer erfolgreichen Kanzlerin und einer derzeit weniger erfolgreich wirkenden Union. Wahrscheinlich wären die Chancen für einen CSU-Kandidaten jetzt sogar größer als zu anderen Zeiten. Aber ich glaube, dass Laschet der Kanzlerkandidat wird, und für die Partei wird das die richtige Entscheidung sein.

Die Union ist in Umfragen auf ihr Vorpandemie-Tief zurückgefallen. Es gibt eine Reihe von Affären, auch die CDU-Minister stehen nicht gerade gut da. Hat sich die Union in ihrer langen Regierungszeit aufgebraucht? Steuert sie auf eine Wahlniederlage zu?

Eine Wahlniederlage halte ich nicht für sehr wahrscheinlich. Man weiß es nie, aber ich gehe davon aus, dass die Union die stärkste Kraft bleiben wird. Die Grünen werden vermutlich nicht in der Lage sein, die Union zu überholen. Es gibt grundsätzlich so etwas wie Abnutzungserscheinungen von Regierungen. Verschärfend kommt die Corona-Krise hinzu, die am Anfang ja sehr in die Hände der Exekutive und damit der größten Regierungspartei spielte. Der Höhenflug war ja sehr ausgeprägt. Aber das Erscheinungsbild der Regierung war in den vergangenen zweieinhalb Monaten auch nicht gerade das beste, seitdem geht es ja auch deutlich runter in den Umfragen. Das kann sich aber auch wieder ändern.

Es ist also sehr gut möglich, dass der nächste Kanzler Armin Laschet heißt – und das, obwohl er derzeit so wenig führungsstark wirkt?

Er hat kein gutes Bild gemacht, aber man sollte ihn nicht unterschätzen. Wenn er jetzt das Votum seiner Partei erhält, sehe ich kein größeres Problem für ihn, sein Profil zu entwickeln. Er regiert das größte Bundesland. Er hat es geschafft, die SPD dort aus dem Feld zu schlagen. Das sind ja alles keine Kleinigkeiten. Auch wenn er manchmal einen netten und eher unbedarften Eindruck macht und unklare Statements abgibt. Ich glaube, das ist nicht  notwendigerweise ein Zeichen von Schwäche, sondern eher Strategie, dass er jetzt noch nichts sagt.

Würden Sie ihm das auch als Kanzlerkandidaten raten?

Wenn er die Kanzlerkandidatur inne hat und damit eine Machtbasis, muss er mit seinen Positionen herausrücken. Die werden vermutlich nie so pointiert kommen wie von einem Herrn Söder. Aber in der Beziehung ist er vermutlich ein guter Merkel-Nachfolger.