Berlin - Manchmal möchte man sich fast schon verwundert die Augen reiben. Da steht ein gelöster Michael Müller vor den Fernsehkameras der Republik und sagte leise lächelnd, offen, aber bestimmt: Armin Laschets Vorstoß, die Ministerpräsidentenkonferenz vorzuziehen, sei falsch. Genau so falsch, wie dessen Vorschlag eines Brücken-Lockdowns. Er glaube, Laschet habe viele Überlegungen noch nicht abgeschlossen, so Müller.

Dass Berlins Regierender Bürgermeister von der SPD einen Vorschlag des CDU-Bundesvorsitzenden, Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens und Favoriten auf die Kanzlerkandidatur so souverän abkanzeln könnte – so entschieden wie entscheidend – wäre noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen.

Müller wehrt sich wie ein gekränkter Regionalpolitiker

Noch präsent ist Müllers Streit mit dem bayerischen Ministerpräsidenten aus dem September vorigen Jahres. Berlin hatte relativ hohe Corona-Inzidenzen. Prompt wähnte Markus Söder die Hauptstadt in jahrzehntelang eingeübter Berlin-Bashing-Tradition am Rande der „Nicht-mehr-Kontrollierbarkeit“. Dabei waren dem CSU-Mann nicht nur die Worte etwas ungelenk aus dem Mund gepurzelt, sondern auch die Corona-Zahlen in seinem schönen Bayern aus dem Blick geraten. Diese waren damals schon ähnlich hoch wie in Berlin.

Müller jedenfalls wehrte sich, teilte aus gegen den ungebetenen Kommentator aus München. Er finde es „unerträglich, wie einige Haltungsnoten vergeben. Diejenigen, die sich sonst nicht für Berlin interessieren, wissen auf einmal ganz genau, was in Berlin zu tun ist“, sagte Müller, ganz der von der Kritik gekränkte Regionalpolitiker.

Die heftige Reaktion war vielleicht das erste Mal, dass Michael Müller bundesweit überhaupt so richtig wahrgenommen wurde. Zuvor hatte er ein paar Mal bei seinem Lieblings-TV-Talker Markus Lanz gesessen und sein Soziales Grundeinkommen zur Wiedereingliederung Langzeitarbeitsloser oder den Mietendeckel verteidigt – alles Projekte, die außerhalb Berlins getrost als rot-rot-grüne Seltsamkeiten verbucht werden konnten. Dennoch kannte wohl kaum jemand den Regierungschef des kleinen Stadtstaates Berlin.

Seine eigene Partei schiebt ihren Chef in den Bundestag ab

Müllers Platz war immer in Berlin, erst als Bezirksverordneter in seinem Heimatbezirk Tempelhof, später im Landesparlament, wo er es zum Fraktionschef brachte, danach als Senator für Stadtentwicklung und Umwelt und schließlich als Regierender Bürgermeister.

Doch Müllers Tage in der Landespolitik sind schon lange gezählt. Hatte sich seine Partei nach dem manchmal flatterhaften Klaus Wowereit noch einen vor allem ernsthaften Landesvater gewünscht, störten sich viele zunehmend an seiner betont nüchternen Art. Zu trocken, zu freudlos, ja zu grau wirke der Senatschef. Müllers Popularitätswerte sanken ins Bodenlose, mit ihm rauschte auch die SPD ab und ist nun schon viel zu lange nur noch drittstärkste Kraft in der Koalition.

Anfang vorigen Jahres präsentierten die neuen starken Leute in der Berliner SPD, Franziska Giffey und Raed Saleh, einen Plan: Sie beide wollten die Partei als Doppelspitze führen, dass Giffey später Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl werden würde, verstand sich von selbst. Michael Müller stand bei diesem bizarren Auftritt neben dem ebenso entschlossenen wie agilen Duo und verteidigte den Deal brav öffentlich. Dabei sah dieser nichts weniger vor als sein eigenes Ende als Landespolitiker.

Müller sollte in den Bundestag abgeschoben werden – ein Gnadenbrot für einen verdienten Angestellten. Doch nicht einmal für einen unfallfreien Weg ins Hohe Haus hatte Müller noch die innerparteiliche Kraft. In Tempelhof-Schöneberg kam er nicht an dem dort ebenfalls beheimateten Ex-Jusochef und Neu-Parteiliebling Kevin Kühnert vorbei. Erst im Nachbarkreis Charlottenburg-Wilmersdorf setzte sich Müller dann mühsam durch.

Corona wird zum unverhofften Lebensthema

Dann kam Corona, und Michael Müller fiel unverhofft ein neues Lebensthema zu. Jetzt musste er Berlin so gut es eben ging durch die schwere Krise steuern, die die Stadt durchschüttelt wie zuletzt die Vereinigung.

Wie gut Müller das bis zum heutigen Tag gelungen ist, darüber gehen die Meinungen selbst in der eigenen Partei weit auseinander. Vielleicht ebenso weit wie bei der Frage, ob man ihm nicht doch noch einmal die Chance auf die Verteidigung seines Amtes im Roten Rathaus hätte geben sollen.

Viele in der SPD sehen den 56-Jährigen heute als fähigen Corona-Manager. Er habe relativ wenige Fehler gemacht, heißt es – oder zumindest weniger als so manch anderer Ministerpräsident. Mit einer Mischung aus Gefühl und Härte, Lockerung und Lockdown, steuere Müller einen abgewogenen Kurs, der sich am aktuellen Infektionsgeschehen in der Stadt orientiere, sagen sie. Vielen sprach der Regierende Bürgermeister offenbar aus dem Herzen, wenn er mal wieder polemisch zuspitzte („Wie viele Tote sind uns ein Restaurantbesuch oder ein Shopping-Erlebnis wert?“), um eine neuerliche Verschärfung durchzupauken.

Doch es gibt auch weiter die Kritiker in den eigenen Reihen, genauso wie natürlich in der Opposition oder in der darbenden Wirtschaft. Müller sei kein Manager der Krise, sondern nur ihr Verwalter, ein Verwalter des Notstands. Sie bemängeln, dass der Senat auch nach 13 Monaten Corona keine Idee für einen Weg aus der Pandemie erarbeitet hat, vielen fehlt der Mut zum Versuch. So hätten sich viele etwas wie das Tübinger Modell von Restaurantbesuchen unter Pandemie-Bedingungen auch in Berlin gewünscht. Stattdessen wurde das hiesige Pilotprojekt mit Kultur- und Sportveranstaltungen vor getestetem Publikum wieder eingestellt. Dass Müller ernsthaft über Ausgangssperren auch nur nachgedacht habe, sei einem Berliner Politiker nicht würdig, sagt ein SPD-Abgeordneter. „Das gab es nicht mal im Osten.“

Müller organisiert die SPD in der Ministerpräsidentenkonferenz

Das alles sind innerberlinische Auseinandersetzungen – und wären es auch geblieben, wäre der Regierende Bürgermeister nicht im Oktober turnusgemäß Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz geworden. Seitdem gibt es alle paar Wochen ein wiederkehrendes Bild: Müller verkündet zusammen mit Kanzlerin Merkel und CSU-Chef Söder die aktuelle Corona-Politik.

Längst ist der Zauber dieser Rituale der Erkenntnis gewichen, dass es immer weniger Gemeinsamkeiten bei der Pandemie-Bewältigung gibt. Dennoch bleibt übrig: Der einstmals kleine Müller redet auf Augenhöhe mit den Großen. Er koordiniert die SPD-geführten Bundesländer. In der Senatskanzlei im Roten Rathaus werden die Vorlagen geschrieben, mit denen die Sozialdemokraten dann in die Kanzlerin-Runde gehen. Und man kann sagen, was man will: Zuletzt wirkte die SPD dabei oft besser vorbereitet und geeinter als die Union, deren ungeklärte Machtverhältnisse für Turbulenzen sorgen.

Vom „machtlosen Moderator“ zum einflussreichen Mitspieler

Müllers Aufstieg bleibt auch außerhalb Berlins nicht unbemerkt. So sprach das Handelsblatt bei seinem Start als MPK-Vorsitzender im Oktober noch von dem „machtlosen Moderator“ aus dem verlotterten Berlin. Müller sei ein „durchsetzungsschwacher Politiker“, und „ausgerechnet“ so jemand übernehme nun den Chefposten. Nur wenige Wochen später wunderte sich das Wirtschafts- und Finanzblatt aus dem fernen Düsseldorf, dass „ausgerechnet Müller neuerdings den Corona-Hardliner gibt“, als der Regierende die Weihnachtsferien in der Hauptstadt verlängerte und Lockerungen über die Weihnachtsfeiertage kategorisch ausschloss.

Der Höhepunkt der Müller’schen Profilierung war womöglich erreicht, als er im beginnenden Wahlkampf der Versuchung widerstand, die gescheiterte Osterruhe derjenigen in die Schuhe zu schieben, die sie zu mitternächtlicher Stunde ins Spiel gebracht, durchgesetzt und damit zu verantworten hat: Bundeskanzlerin Merkel. Aber nein: Auch er bitte um Entschuldigung für die entstandene Verwirrung, sagte Müller. Fast zu viel der Selbstlosigkeit.

Im Bundestag sind jetzt viele Szenarien und Posten denkbar

Doch was bedeutet das für Michael Müllers Rolle nach der Bundestagswahl? Was könnte aus ihm werden, was könnte er dort machen? Von Müller selbst ist dazu nichts zu erfahren. Er hat noch nie öffentlich kundgetan, was er im Deutschen Bundestag überhaupt wollen könnte. Er steht noch fest in Berlin.

Dennoch haben in seinem Umfeld die Spekulationen längst begonnen. Als ehemaliger Bausenator saß er bereits bei den letzten schwarz-roten Koalitionsgesprächen im Verhandlungsteam. Denkbar wäre auch eine wichtige Rolle in der SPD-Fraktion. Sollte aber doch eine rot-rot-grüne Koalition – unter welcher Führung auch immer – in Betracht kommen, würde ohnehin kaum ein Weg an Müller als erfahrenem Dompteur dieses schwierigen Bündnisses vorbeiführen. Am Ende sogar ein Ministerposten? Es wäre eine ungeahnte Pointe einer ohnehin schon fast historischen Wendung.

In jedem Fall gilt für Michael Müllers Entwicklung der vergangenen 13 Monate die Einschätzung des Abgeordneten Sven Kohlmeier, einem erfahrenen Müller-Kritiker in der Berliner SPD-Fraktion: „Die Pandemie ist schlimm. Und ohne zynisch zu klingen, aber so viel Schwein muss man als Politiker erst mal haben.“