Lydia Benecke
Foto: Oliver Favre

Berliner Zeitung: Frau Benecke, warum tötet eine Mutter ihre Kinder?

Lydia Benecke: Es gibt unterschiedliche Hintergründe für die Tötung des eigenen Kindes. In der Forschung werden fünf übergeordnete Motive benannt, die sich aber auch überschneiden können. Einige Mütter töten ungewollte Kinder, die ihren Bedürfnissen und Plänen im Weg stehen. Dazu gehören Kindestötungen unmittelbar nach verdrängter oder verdeckter Schwangerschaft, aber auch ältere Kinder können als ungewollt empfunden werden. Andere Kinder werden im Rahmen einer tödlich eskalierenden Misshandlung oder einer Vernachlässigung getötet. In wieder anderen Fällen wird ein Kind im Rahmen eines heftigen Trennungskonfliktes getötet, um den anderen Elternteil zu verletzen.

Das hört sich nach einer klaren Motivationslage an. Was ist mit Müttern, die behaupten, sie wollten ihr Kind vor etwas Schlimmem bewahren?

Die als „altruistisch“, also „uneigennützig“, bezeichnete Tötungsmotivation erscheint besonders schwer nachvollziehbar. Dabei glaubt die Mutter, aus Liebe zu handeln. Man fragt sich natürlich, liebt jemand, der sein Kind tötet, dieses Kind nicht? Aber das Paradoxe ist, dass aus altruistischen Motiven tötende Mütter glauben, besonders verantwortungsvoll zu handeln – was natürlich eine völlige Fehlwahrnehmung ist. Einige von ihnen haben das Gefühl, ihrem Leben ein Ende setzen zu müssen, weil sich ihr Leben in ihrer Wahrnehmung seit einiger Zeit immer mehr negativ färbt und zunehmend aussichtslos erscheint.

Aber warum betrifft das ihre Kinder?

Solche Mütter glauben, dass sie die Welt verlassen müssten und sie die Kinder nicht zurücklassen können, weil die Kinder dann noch mehr leiden würden. Diese Kategorie kann sich auch mit der Kategorie „psychotische Kindstötung“ überschneiden. Hierbei leidet die Mutter an einer schweren, psychiatrischen Erkrankung, die von Wahnvorstellungen und zuweilen auch Halluzinationen geprägt ist. Bei einer altruistisch-psychotisch motivierten Kindstötung kann die Mutter beispielsweise glauben, ihr Kind sei vom Teufel besessen und sie müsse seine Seele retten, indem sie es durch die Tötung zu Gott schickt. Die altruistisch motivierte Täterinnengruppe will ihr Kind also vor Leid schützen und zerstört dadurch tragischerweise die Existenz ihres Kindes.

Ist das nicht trotzdem unglaublich egoistisch?

Natürlich. Aber diese Menschen sind in einem Zustand, der mit unserer Realitätswahrnehmung nicht zu vergleichen ist. Es gibt Fälle, in denen die Mütter überleben und nach einer Behandlung ihre eigenen Handlungen nicht mehr verstehen können. Es gibt Faktoren, die die Wahrnehmung sehr, sehr verzerren.

Welche sind das?

Psychotische oder depressive Krankheitsbilder werden häufig im Kontext der altruistisch motivierten Tötungen festgestellt. Solche Erkrankungen sind aber keine hinreichende Erklärung, die allerwenigsten Betroffenen würden ihren Kindern etwas antun. Es müssen andere Faktoren dazukommen, die sich gegenseitig verstärken, zum Beispiel Probleme in der Lebensführung, Überforderung, Probleme mit der Partnerschaft, finanzielle Schwierigkeiten, soziale Isolation und das alles gemischt mit der Unfähigkeit, vernünftige Lösungen zu finden.

Kann auch die häusliche Situation unter Corona-Bedingungen ein solcher Faktor sein?

Im Solinger Fall wird wahrscheinlich im Rahmen der psychiatrischen Begutachtung geklärt, ob die Corona-Situation zu einer Überforderung und Ausweglosigkeitswahrnehmung beigetragen hat. Wir wissen aber, dass es zu solchen Taten auch kommt, wenn es keine solchen Bedingungen gibt. Es spielen oft Faktoren wie die häusliche Situation eine Rolle, aber es gibt unendlich viele Menschen auf der Welt, die ähnliche Situationen haben und keine solchen Taten begehen. Zu den äußeren Faktoren kommen immer die individuellen der Psyche einer Person dazu.

Man muss also herausfinden, wie die äußeren Faktoren auf die Psyche dieser Person gewirkt haben?

Genau. Es gab beispielsweise den berühmten Fall von Andrea Yates in den USA. Ich verweise darauf, weil auch ihre Tat dadurch medial sehr viel Aufmerksamkeit bekam, dass sie ihre fünf Kinder tötete. Diese Frau litt an schweren Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Sie wurde teilweise behandelt, hat immer wieder Kinder bekommen und war sehr überfordert. Aber das Überfordertsein allein war nicht ausschlaggebend. Sie hat in einem psychotischem Schub ihre Kinder einzeln in der Badewanne ertränkt, weil sie glaubte, dass der Satan sonst ihre Seelen holt. Das war eine bizarre psychotische Wahnvorstellung. In ihrem Fall wurde diskutiert, wie die stetige Überforderung durch die vielen Kinder zur rapiden Verschlimmerung ihrer psychotischen Krankheitsschübe beigetragen hat und diese Faktoren sich gegenseitig bis zur Kindstötung verstärkten. Dies ist nur ein mögliches Beispiel für die Wechselwirkungen zwischen Lebensbedingungen, Problemen und psychischer Verfassung. Bei den Kindstötungs-Tätertypen gibt es sehr unterschiedliche Faktoren – bezogen auf die Lebensverhältnisse und die Psyche –, die im Einzelfall durch ein psychiatrisches Gutachten in ihrer Wechselwirkung geklärt werden.

Foto: Manfred Esser
Lydia Benecke

Lydia Benecke, geboren im November 1982 in Beuten (Polen), studierte Psychologie, Psychopathologie und Forensik an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2009 ist sie als Diplom-Psychologin mit Arbeitsschwerpunkt im Bereich der Gewalt- und Sexualstraftaten tätig.

Eine Mutter hat normalerweise den Wunsch, ihre Kinder zu beschützen. Es erscheint kaum vorstellbar, das eigene Kind mit einem Messer zu verletzen, ihm Gift einzuflößen, es zu ersticken, Wie kann eine Mutter diese Barriere überwinden, den eigenen Kindern Gewalt antun und sie planvoll umbringen?

Das ist je nach Tätertyp sehr unterschiedlich und bezogen auf die altruistische Motivation besonders schwer zu verstehen. Es gibt Mütter, die mit einem Beil auf ihre schlafenden Kinder einschlagen und trotzdem glauben, dass dieser kurze Moment der Gewalt nur ein notwendiges Übel ist, um die Kinder zu schützen.

Die Kindsmörderin ist ein klassisches Sujet in der Kunst. Ist das Töten der eigenen Kinder weiblich oder ist es nur besonders schockierend, wenn es die Mütter tun?

Es gibt sowohl Väter als auch Mütter, die ihre Kinder töten – auch wenn die Geschlechtsverteilung nicht in allen Motivgruppen gleich ist. So findet sich das Rachemotiv häufiger bei Vätern, die Kindstötung unmittelbar nach der Geburt ist aus offensichtlichen Gründen eine fast ausschließlich weibliche Tat. Historisch betrachtet wurde die Kindstötung als typisch weibliche Tat gesehen, was damit zusammenhing, dass Frauen die hauptsächliche Kinderpflege übernahmen und sich kaum aus Ehen lösen konnten. Seit Trennungen für Frauen eine greifbare Option sind, nehmen die Kindstötungen durch Väter ausgelöst durch Trennungssituationen zu. Seit Männer sich mehr an der alltäglichen Versorgung von Kindern beteiligen, steigt logisch damit einhergehend der prozentuale Anteil der Männer in der Tätergruppe des Kindstodes durch Vernachlässigung und Misshandlung. Die Wahrnehmung von tötenden Müttern und Vätern unterscheidet sich aber auch gesellschaftlich. Zur Vorstellung von Mütterlichkeit gehört der unbedingte Schutz des Kindes. Eine tötende Mutter agiert so weit abseits von dieser Vorstellung, dass es als besonders schockierend wahrgenommen wird.

Was kann die Politik tun? Könnten mehr Familienhilfen solche Taten verhindern?

Da die Ursachen sich zwischen den Tätertypen stark unterscheiden, gibt es hier keine einfache Lösung. Wenn Familienhelfer frühzeitig in einer belasteten Familie unterstützend wirken, Eltern bei Bedarf sowohl durch therapeutische Angebote als auch durch erzieherische Unterstützung entlastet werden, dann kann dies Kinder sowohl vor emotionalen und körperlichen Misshandlungen als auch den Extremfällen von Kindstötungen durch Eltern schützen. Aber statistisch können wir nicht erfassen, wie viele Taten so verhindert werden. Es gibt keine hundertprozentige Lösung. Allgemein wäre es hilfreich, wenn Menschen leichter und schneller zugängliche Therapieangebote und Beratung bekämen.

Kann man eine Frau erkennen, die plant, ihre Kinder zu töten?

Dies ist sicher nicht in allen Fällen möglich, aber in manchen. Äußern Eltern suizidale Gedanke, sollte das Helfersystem emphatisch hinterfragen, wie dann die Zukunft der Kinder aussehen könnte. Ein Teil der Eltern, die ihre Kinder töten, äußert Gedanken daran vor der Tat gegenüber dem Umfeld oder professionellen Stellen. Wenn Menschen im Freundes- oder Familienkreis anfangen, sich Sorgen zu machen, weil jemand entsprechende Bemerkungen macht, ist es immer gut eine Fachstelle zu kontaktieren, zum Beispiel eine Kinderschutzambulanz.