Manfred Stolpe im Juni 2003.
Foto: Engelsmann Gerd/Berliner Zeitung

PotsdamEs war diese Stimme, dieser sonore Bass. Nie übermäßig laut und auch nicht fordernd, eher ruhig, aber immer klar und bestimmt. Eine Stimme, die jeden Raum füllen konnte. Eine Stimme, mit der Manfred Stolpe viele Leute durchaus in seinen Bann zog. Das ist nicht alltäglich bei Politikern heutzutage. Noch dazu bei einem, der erst mit Mitte 50 in die große Politik fand.

Stolpe gehörte nach dem Untergang der DDR zu den beliebtesten und erfolgreichsten Politikern im alles prägenden ersten Jahrzehnt in Ostdeutschland. Aber nicht nur das: Wegen seiner Stasi-Kontakte als Kirchenjurist zu DDR-Zeiten war er auch einer der umstrittensten politischen Köpfe in den damaligen neuen Bundesländern.

Im Osten dominierten drei Ministerpräsidenten die große Umbauphase zur westlichen Demokratie: Manfred Stolpe in Brandenburg – ein SPD-Mann aus dem Osten – sowie Bernhard Vogel in Thüringen und Kurt Biedenkopf in Sachsen – zwei CDU-Männer aus dem Westen. Die Wessis hatten es vergleichsweise leicht: Als erfahrene Politiker der alten Bundesrepublik mit besten Kontakten nach Bonn lenkten sie zwei Länder, die eine eingetragene jahrhundertealte Identität hatten, denn Thüringer und Sachsen fühlten sich immer als solche, egal, wie in der DDR die jeweiligen Bezirke hießen.

Manfred Stolpe (links) und Kurt Biedenkopf im Juni 1991.
Foto: Imago Images/Rainer Unkel

Aber Stolpe, der eigentlich am liebsten Förster geworden wäre, regierte ein neues Land, das es in dieser Form nur kurz nach 1945 gegeben hatte – eine Art Kernpreußen. Und egal, was seine Kritiker ihm vorwerfen: Stolpe war es, der aus den Bewohnern der Bezirke Frankfurt (Oder), Cottbus und Potsdam überzeugte Brandenburger machte und sie Heimatverbundenheit lehrte, ohne nationale Töne anzuschlagen oder mit der militaristischen Vergangenheit zu flirten. Das ist sein bleibender Verdienst. Bei seiner Liebe zum Land der Märkischen Kiefer ging er sogar so weit, die eher peinliche und oft belächelte Landeshymne „Steige hoch, du roter Adler“ euphorisch zu feiern.

Stolpe war exakt 4255 Tage Ministerpräsident, und in den mehr als elf Jahren vom 1. November 1990 bis zum 26. Juni 2002 wurde er irgendwann nur noch Landesvater genannt, obwohl er den Titel nicht mochte. Der bekennende Fan preußischer Tugenden sah sich als erster Diener im Land und legte peinlichsten Wert darauf, dass ihm keine privaten Privilegien zuteil wurden.

Stasi-Vorwurf machte ihn sogar populärer

Schwer zu schaffen machte ihm der Vorwurf, er habe als Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi gespitzelt. Die Debatte kochte 1992 hoch und gefährdete auch seine Regierung. Geschockt von den Vorwürfen und enttäuscht von Stolpes Abstreiten gab die bürgerbewegte Marianne Birthler ihr Amt der Bildungsministerin auf.

Die Stasi führte 20 Jahre lang einen IM „Sekretär“ und legte dicke Akten mit Informationen von ihm an. Bei dem Spitzel soll es sich um Stolpe handeln. Der wehrte sich gegen den Vorwurf und zog bis vors Bundesverfassungsgericht. Letzte Klarheit gab es bis zum Schluss nicht. Seine Kritiker sagen, die Belege seien eindeutig, er selbst sagte, er habe nie wissentlich für die Stasi gearbeitet.

In Gesprächen drückte er das Problemfeld nicht etwa weg, sondern sagte, dass er sich als Kirchenjurist zum Beispiel auch für Ausreisewillige eingesetzt hat. Und in der DDR sei es nun mal nötig gewesen, mit wirklich jedem zu reden – auch mit der Stasi –, wenn dadurch die Chance bestand zu helfen. „Ich sprach mit dem Staat immer im Interesse der Opfer der Diktatur“, betonte er.

Natürlich ärgerte es ihn, dass dieser Vorwurf seine Lebensleistung bis zum Schluss überschattete. Aber er wusste auch, dass er – genau wie Gregor Gysi – zu den Glückskindern der Nachwende gehörte, einer Zeit, in der fast allen Chefs der wichtigen Ostparteien vorgeworfen wurde, für die Stasi gespitzelt zu haben. Es waren Zeiten, in denen so manche von Hexenjagd sprachen, denn auch ein unbewiesener Stasi-Vorwurf sorgte bei den meisten Parteien in der Regel für das schnelle Ende einer Politkarriere.

Interessanterweise war der Vorwurf bei Stolpe für seine Popularität sogar förderlich. Auf dem Höhepunkt der Debatte stand 1994 die Landtagswahl an, und die SPD legte mit ihm als Spitzenkandidat sogar 16 Prozent zu. Sie schaffte die absolute Mehrheit – das gelang ihr in Brandenburg nie wieder. Eine weitere Besonderheit: Stolpe ist bis heute der einzige, der es trotz eines Stasi-Vorwurfs bis zum Bundesminister brachte und 2002 das Verkehrsressort übernahm.

Dass Stolpe einen solchen Erfolg hatte, lag vor allem an ihm selbst. Er war einer dieser charismatischen Politiker. Genauso wie bei seinem Nachfolger Matthias Platzeck konnten bei ihm die meisten Leute gar nicht so genau sagen, wofür er ganz konkret politisch stand. Sie mochten ihn einfach.

Er war ein überzeugender Brandenburger, obwohl er – wie so viele seiner Generation – ein Vertriebener war. Geboren am 16. Mai 1936 in Stettin, bezeichnete er seine ostpommersche Grundgelassenheit und seine Sturheit als wichtigste Eigenschaften. Dazu kam, dass er ein guter Zuhörer war. Eine Fähigkeit, mit der er viele Vertreter der DDR-Staatsmacht in den zähen Verhandlungen für Oppositionelle auflaufen ließ.

Manfred Stolpe hatte ein klares Selbstbewusstsein, trat aber als Ministerpräsident nie polternd auf, sondern stets bescheiden. Wenn ihn jemand ansprach oder ihn mit einem Problem bedrängte, legte Stolpe den Kopf leicht schief, schaltete seine ruhige Bass-Stimme an und sagte: „Nun erzählen Sie mir mal ganz genau, was Sie bedrückt.“ Er war ein Meister darin, den Gesprächspartnern das Gefühl zu geben, dass er in diesem Moment ganz und gar für sie da ist.

Der zweite Grund für Stolpes Erfolg war ein historischer: Karrieren wie seine sind meist nur nach dem Zusammenbruch eines Staates möglich. Damals suchten die neuen Parteien händeringend nach vorzeigbarem Personal, und so rief die SPD ihn zum Spitzenkandidaten aus, obwohl im Wahlvolk kaum jemand wusste, dass er erst kurz zuvor in die Partei eingetreten war.

Als Landesvater hatte er den großen Vorteil, dass er gar nicht so kämpferisch sein musste, so   mitreißend oder gar ansteckend lustig. Dafür hatte er Regine Hildebrandt, seine legendäre Sozialministerin, die „Mutter Courage des Ostens“, die Streiterin für die Wendeverlierer. Die beiden hatten die fast hysterische Euphorie nach dem Mauerfall erlebt, diesen kollektiven Rausch, und warnten nun vor einem zu heftigen Kater.

Manfred Stolpe und Regine Hildebrand im September 1999.
Foto: Imago Images/Bonn-Sequenz

Ihr gemeinsamer Kampf legte die Basis dafür, dass Brandenburg noch immer das einzige Flächenland ist, in dem die Sozialdemokraten bislang den Regierungschef stellten. Hildebrandt gab den Takt vor und machte die Brandenburger SPD damals zu einer Art Heimat des sozialen Gewissens.

Stolpe wusste das genau. In Gesprächen redete er oft über seine Motive, aber mindestens genauso oft über Hildebrandts Einfluss auf sein Handeln. Er erzählte, dass Regine, die „Nervensäge“, auf die Westpolitiker so lange einredete, bis die kapitulierten und Geld für ihre Sozialprojekte bewilligten.

Stolpe verstand sich als Stimme des Ostens, obwohl er kein normaler Ossi war, sondern – genauso wie fast alle maßgeblichen ostdeutschen Politiker außerhalb der Linkspartei – zur Minderheit der evangelischen Christen gehörte. Seinen Brandenburgern sagte er frühzeitig, dass sie stolz auf ihre DDR-Biografie seien sollten. So nahm er der PDS viele Stimmen ab, doch der Preis dafür war, dass Brandenburg oft als Stolpes „kleine DDR“ bezeichnet wurde – das einzige Ostland ohne Stasi-Beauftragten.

Und dann war da noch die Sache mit dem teilweise mörderischen Rechtsextremismus, der überall im Osten etwa gleich bedrohlich war. Stolpe sprach das Problem immerhin recht früh an, aber der konzentrierte Kampf dagegen begann erst nach seiner Ära. In anderen Ländern wurde sehr viel länger geschwiegen oder geleugnet.

Der Krebs und das zweite Leben

Von seiner Partei wurde Stolpe fast wie ein Heiliger verehrt, aber in einigen Ecken Brandenburgs gab es auch Leute, die ihn verachteten: Etwa jene, die ihm geglaubt hatten, dass kein Dorf in der Lausitz mehr für neue Kohlegruben geopfert wird. Für andere galt er lange Zeit als Schutzpatron der Schönefeld-Gegner, die dagegen kämpften, dass der neue Hauptstadtflughafen mitten in einer dichtbesiedelten Großstadtregion gebaut wird. Legendär sein Satz: „Ich werde freiwillig Schönefeld nicht zustimmen, weil ein Flughafen dort unmenschlich wäre.“ Selbst vor der entscheidenden Sitzung plädierte er für den Standort Sperenberg, da dort nur 2000 Anwohner vom akuten Fluglärm betroffenen wären. Doch nach der Sitzung war Stolpe für Schönefeld und galt vielen als Verräter. Sie hassten ihn tatsächlich – gerade weil sie ihn so glaubwürdig fanden.

Als seine Beliebtheit anfing zu bröckeln, erkor er rechtzeitig einen Nachfolger und übergab sein Amt an Matthias Platzeck.

Dass er Preuße durch und durch war, zeigte sich noch einmal am Ende seiner Karriere, als er Bundesverkehrsminister wurde und die Ärzte bei ihm Darmkrebs diagnostizierten. Im Ministerium verschwieg er es, denn er stand mitten in den äußerst harten Verhandlungen zur Einführungen der Lkw-Maut. Er wollte keine Schwäche zeigen, wollte nichts gefährden. Also verschob er die nötige Chemotherapie, und als er sie dann doch antrat, machte er sie heimlich. Von der Behandlung wurde die Haut seiner Hände überempfindlich, also trug er Handschuhe im Büro – um die Finger vor den scharfen Aktenseiten zu schützen. Diese Geschichte verriet er erst fünf Jahre später.

Tragisch war, dass auch seine Frau Ingrid, eine pensionierte Ärztin, an Krebs erkrankte. Doch sie haderten nicht mit der Krankheit, jedenfalls nicht öffentlich. Stolpe sagte, er wollte nicht, dass der Krebs ihr Leben dominiert. Mit ruhigem Stolz erzählte er, dass die Ärzte ihm bei der Erstdiagnose 2004 maximal drei Jahre gewährt hatten und dass er die Prognose gleich mehrfach überlebt hat. Er nannte es sein „zweites Leben“ – ein Geschenk der modernen Medizin.

Die Stolpes verkauften ihr Haus, zogen in eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem schönen Altenheim in Potsdam und freuten sich am Ausblick auf die Havel und am Alltag mit Enkeln und Urenkeln. Gern empfing Manfred Stolpe dort Gäste in der Bibliothek und überraschte sie im Gespräch mit der Präzision seiner Erinnerungen, mit trockenem Humor und einem klaren Blick auf die Welt. Er erzählte dann, dass er noch immer jeden Tag um 5.45 Uhr aufsteht und arbeitet – wenn es die Krankheit denn zuließ.

Seine Stimme war nicht mehr so kräftig und klar, klang verschliffener. Aber es war noch immer dieser klassische Stolpe-Bass. Gelassen, selbstsicher, mit sich im Reinen. In der Nacht zum Sonntag ist diese Stimme für immer verstummt.