140 Meter ist es lang, 30 breit und hat seine erste Reise jetzt beendet: Russlands erstes schwimmendes Atomkraftwerk namens „Akademik Lomonossow“ hat am Samstag im Hafen der russischen Stadt Murmansk angelegt. Zuvor war es von zwei Schleppern drei Wochen lang vom Herstellungsort St. Petersburg durch Ost- und Nordsee gezogen worden, auch vorbei an den Küsten von Schweden, Finnland, Dänemark, Norwegen – und Deutschland.

Eigentlich wollte der russische Hersteller es bereits in Petersburg mit brennbarem Material beladen. Aufgrund massiver Sicherheitsbedenken, unter anderem aus dem norwegischen Außenamt, wurde aber davon abgesehen und das AKW „kalt“ befördert. Erst in Murmansk werden die zwei Kernreaktoren auf der schwimmenden Plattform jetzt in Betrieb genommen.

Das AKW soll, so die bisher bekannten Pläne, ab 2019 eine Stadt in der Region Tschukotka am anderen Ende des Landes mit Strom und Wärme versorgen. Dafür muss die Anlage – dann mit Uran an Bord – 6000 Kilometer weit an der gesamten Nordküste Russlands entlang gezogen werden. Bewährt sich das Pilotprojekt, will der russische Hersteller Rosenergoatom die Schiffe in Serie produzieren. Man erhofft sich die Führung in einem Markt, der gerade erst erschlossen wird. Denn die mobilen Mini-Meiler sollen bei der Suche nach Rohstoffen auch in abgelegenen und unwirtlichen Gebieten Energie liefern. So sind sie auch für Staaten interessant, die bisher keine Atomkraft einsetzen.

Mangelhafter Schutz vor Terroranschlägen

Umweltschützer gehen gegen das russische Projekt seit Langem auf die Barrikaden. Doch auch die Bundesregierung hat sich damit eingehend beschäftigt, wie eine Antwort auf eine Grünen-Anfrage nun zeigt, die dieser Zeitung vorliegt. Gefragt nach den Sicherheitsvorkehrungen an Bord listet das Umweltministerium auf sieben Seiten technische Details auf, die offenbaren: Teils birgt die Plattform allein durch ihre Mobilität ganz neue Gefahren, teils bleibt sie weit hinter den Standard-Anforderungen für AKW an Land zurück.

Gegen Erdbeben sollen die schwimmenden Meiler demnach lediglich durch „natürliche Barrieren“ wie Inseln geschützt werden. Zudem seien sie nur „gegen einen Hubschrauberabsturz ausgelegt“, so das Umweltministerium. Strahlenschutzexperte Christian Küppers von der Öko-Stiftung übersetzt: „Gegen einen Terrorangriff ist es kaum geschützt.“ Die Daten seien „nicht vergleichbar mit den Ansprüchen, die man in Deutschland hat.“

Hierzulande müssen Atomkraftwerke dem Absturz von Flugzeugen standhalten können. Und das aus gutem Grund, findet Küppers, denn es gehe dabei nicht nur um den Absturz an sich. „Hält das AKW diesem Aufprall stand, ist es auch gegen viele andere Gefahren gerüstet – zum Beispiel gegen heftigen Beschuss von außen.“

Anlage ist im Notfall schwer erreichbar

Allein die Mobilität der Plattform birgt zudem neue Gefahren – Schiffskollisionen zum Beispiel oder Probleme beim Andocken an Plattformen. Das Schwimmen im Wasser, von Befürwortern gern als Argument für mehr Sicherheit vorgebracht, bewertet Küppers kritisch: „Die Plattform ist schwerer zugänglich. In einem Notfall – etwa einem Stromausfall –  kann es länger dauern, Ersatzteile und Personal heran zu schaffen.“

Erschwerend hinzukommt, dass das Schiff keinen Eigenantrieb hat. Es muss von Schleppern gezogen werden. Umweltschützer befürchten, dass es sich lösen und in der Arktis treiben könnte – unerreichbar für Hilfskräfte.  Doch im Ernstfall kommt es auf Sekunden an. Bei einer Verletzung der Außenhülle und einem Ausfall der Kühlung drohe bei dem verwendeten Reaktortyp ansonsten innerhalb von zwei Stunden die Kernschmelze – der Schaden sei dann vergleichbar mit dem in Fukushima.

Norwegens Regierung befürchtet Unfall

Die Vorsitzende des Umweltausschusses, Sylvia Kotting-Uhl (Grüne), fordert die Bundesregierung deshalb zum Handeln auf: „Es wird höchste Zeit, dass sie  sich mutiger gegen die globalen russischen Atomumtriebe engagiert.“ Das Projekt sei „blanker Irrsinn“ und eine „völlig überflüssige Gefahrenquelle für Mensch und Umwelt“. Russland habe aus seinen Atom-Debakeln nichts gelernt, sondern wolle „der Welt weiter neue Reaktoren aufdrängen“.

Auch andere Regierungen sind wegen des Projekts in Sorge, allen voran Norwegen, von dessen Küste die Plattform nur rund 100 Kilometer entfernt liegt. „Ein Unfall im russischen Teil der Barentssee könnte auch ernste Konsequenzen für Norwegen haben“, teilt Audun Halvorsen, Staatssekretär im Außenministerium, dieser Zeitung mit. Man stehe in engem Kontakt mit Russland und beobachte insbesondere den Transport ab Murmansk genau.

Für die Norweger ist es derweil nichts Neues, sich mit den Atomprojekten des großen Nachbarn befassen zu müssen: Nach dem Kalten Krieg sanken Hunderte russische Atom-U-Boote, die nicht mehr gebraucht wurden. Norwegen hilft seit Jahren dabei, das Material zu bergen.