Kommt aus Köln und schreibt Krimis über die DDR: Autor Max Annas.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin - Einmal, auf einer Lesung von Max Annas in Erfurt, meldete sich im Publikum ein Mann, der gerne etwas richtigstellen wollte. Annas, Schriftsteller, geboren 1963 in Köln, las aus seinem Kriminalroman „Morduntersuchungskommission: Der Fall Teo Macamo“. Es geht um einen mosambikanischen Vertragsarbeiter, der in den 1980er-Jahren in der DDR von Neonazis brutal ermordet wird. Ein ostdeutscher Kommissar soll den Tod des Vertragsarbeiters aufklären, die Behörden verlangen von ihm, aus dem Verbrechen einen Unfall zu machen. Weil Rassismus im antifaschistischen Staat DDR nicht existieren durfte. 

Eine wahre Geschichte, so warb der Rowohlt-Verlag für Annas' Buch, das 2019 erschien. Auf der Website stand: „Wer wissen möchte, welcher historische Fall Annas inspirierte, der braucht nur dem Namen des Mannes zu folgen, dem sein Roman ‚Morduntersuchungskommission‘ gewidmet ist: ‚Für Manuel Diogo (1963–1986)‘.“ Und auch auf der Lesung schien klar: Das hier ist zwar ein Roman, die Handlung wurde aus Sachsen-Anhalt nach Thüringen verlegt, aber der Mord an dem Mosambikaner, die Vertuschung der Behörden, das ist wirklich passiert.

Er habe sich gewundert, sagt der Mann, der damals im Publikum saß, heute am Telefon. Er heißt Hans Thiers, schreibt selbst Bücher über DDR-Kriminalfälle und hat von 1980 bis 1990 die Morduntersuchungskommission Gera geleitet. Der Fall in Annas' Buch wäre – theoretisch – in seinen Zuständigkeitsbereich gefallen. 

Niemand hatte je von diesem Neonazi-Mord gehört

Thiers fragte sich, ob er damals irgendetwas nicht mitbekommen habe. In seiner Zeit sei kein Verbrechen unter den Teppich gekehrt worden, sagt er. Schon gar kein rassistischer Fall. 1979 sei ein Algerier nach einem Streit vor einer Gaststätte von einem sowjetischen Zivilangestellten erstochen worden. „Das habe ich lückenlos bearbeitet.“ Hans Thiers ärgerte sich auch, warum der Autor aus dem Westen ihn und seine Leute als „Loser“ darstellte, dabei hätten sie gute Kriminaltechniker, Spurensicherer, Forensiker gehabt, „und eine sehr hohe Aufklärungsrate“. 

So deutlich habe er das vor dem Publikum nicht gesagt, weil er „den Autor nicht bloßstellen wollte“, sagt Thiers. Die Veranstaltung war voll, die Besucher waren begeistert von dem Westdeutschen und seiner Kenntnis über die DDR. Nach der Lesung aber ließ sich der Ex-Kommissar vom Schriftsteller ein Buch signieren. Schreiben Sie bitte: „Für den ehemaligen Leiter der Mordkommission Gera“, sagte er zu ihm. Da habe der Autor kurz gestutzt. Und dann weiter signiert. Hans Thiers dagegen ließ der Fall auch nach der Lesung keine Ruhe. Er erkundigte sich bei ehemaligen Kollegen aus anderen Bezirken. Niemand hatte je von diesem Neonazi-Mord gehört. 

Anderthalb Jahre ist die Lesung her. Nun steht fest: Der DDR-Kommissar lag mit seinen Zweifeln richtig. Und der westdeutsche Schriftsteller lag falsch. Es stimmt zwar, dass es den Vertragsarbeiter Manuel Diogo gab und dass er in der DDR ums Leben kam. Aber es war kein Neonazi-Mord, sondern ein tragischer Unfall. Die Berliner Zeitung hat das schon Ende September 2020 recherchiert, die Staatsanwaltschaft Potsdam, die den Fall acht Monate lang prüfte, hat es Anfang März bestätigt.

Warum hat Annas dem Mosambikaner mit großer Geste sein Buch gewidmet? Warum fallen deutsche Preisjurys auf solche Gesten rein?

Fake-News in der Literatur. Ein Skandal ist das nicht. Fiktion hat keinen Anspruch auf Wahrhaftigkeit, ein Schriftsteller kann die Wirklichkeit verdrehen, wie er will. Trotzdem gibt es Fragen, die man jetzt stellen sollte, Fragen, die weniger mit dem Inhalt des Buches zu tun haben als mit seiner Vermarktung: Warum wurde so gerne betont, dass es sich um einen echten Fall handelt, obwohl es dafür keine Beweise gab? Warum wurde mit dem tragischen Schicksal eines Menschen Werbung gemacht, ohne dass der Autor sich näher mit dessen Leben und Sterben beschäftigt hätte? Warum hat er ihm mit großer Geste sein Buch gewidmet? Warum fallen deutsche Preisjurys auf solche Gesten rein? Und wie gehen Autor, Verlag und Juroren damit um, dass sie nicht nur einer Lüge aufgesessen sind, sondern diese selbst weiter verbreitet haben?

Zu Max Annas' Verteidigung muss man sagen: Der Schriftsteller war nicht der Erste, der die falsche Mordgeschichte in die Welt setzte. Vor ihm taten das: der westdeutsche Historiker Harry Waibel, der ehemalige mosambikanische Vertragsarbeiter und Buchautor Ibraimo Alberto, eine antirassistische Initiative aus Belzig, die Brandenburger Linke-Abgeordnete Andrea Johlige und der öffentlich-rechtliche Fernsehsender MDR.

Es ist eine eigene Geschichte, wie es dazu kommen konnte. (Die Berliner Zeitung hat dazu mehrere Artikel geschrieben und berichtet über die Recherchen in einem Podcast.) Aber fest steht: Annas' Buch steht nur am Ende einer Kette von Behauptungen, bei der sich einer auf den anderen berief. Der Historiker auf den Vertragsarbeiter, der MDR auf den Historiker, die Linke-Abgeordnete auf alle. Es gab Lesungen, Gedenkveranstaltungen, Ausstellungen. Die Geschichte des angeblich ermordeten Mosambikaners schaffte es in die Zeit, den Spiegel, die FAZ, den österreichischen Standard, auch in die Berliner Zeitung. In fast jeder kleinen Lesungsankündigung und jeder großen Feuilletonbesprechung von Max Annas' Buch hieß es: „nach einem realen Fall“, „nach einem realen Vorbild“, „tatsächlich geschehen“, „ein Fall mit einem schockierenden Vorbild in der Wirklichkeit“.

Gerne wurden in den Besprechungen auch Schlüsse über das Leben in der DDR gezogen: „Vertragsarbeiter – so bezeichnete man in der DDR Menschen aus den sogenannten sozialistischen Bruderländern, die für ein paar Jahre in Ostdeutschland niedere Arbeiten verrichten mussten“, schrieb der Spiegel. Das Buch sei ein „finsteres Sittengemälde der DDR“, die Allgemeine Zeitung aus Mainz.

Ein eminent politisches Buch nach einem historischen Fall.

Der Deutsche Krimipreis über Annas' Buch

Laut taz räumte das Buch mit dem Mythos auf, es habe in der DDR noch keine Neonazis gegeben. „Den Vertragsarbeitern machten die Hitlererben zusammen mit der örtlichen Bevölkerung das Leben schwer.“ Und auch die Emanzipation der Frau stelle Annas als „weniger fortgeschritten“ dar „als oft behauptet“. Im Deutschlandfunk Kultur hieß es, Annas' Stil lasse die „bedrückenden Lebensverhältnisse einer dauerüberwachten Mangelgesellschaft“ intensiv spürbar werden. Sein Krimi zeige, „dass rassische Verbrechen in der DDR kein Einzelfall waren“, erklärte die Jury des Crime Cologne Awards. Der Deutsche Krimipreis ehrte Max Annas mit der Begründung: „Ein eminent politisches Buch nach einem historischen Fall“.

Wer darauf hinwies, dass es gar kein echter Fall ist, wurde ignoriert. Der Historiker Ulrich van der Heyden, der zwei Bücher über mosambikanische Vertragsarbeiter geschrieben hat und die Diogo-Akte seit Jahren kennt, machte den Rowohlt-Verlag darauf aufmerksam, dass Manuel Diogos Tod ein Unfall war, kein Mord. Er bat darum, den Fehler zu korrigieren. Bis heute hat er keine Antwort erhalten. Max Annas reiste derweil mit seinem Buch durchs Land, erklärte Westdeutschen, wie der Osten war und den Ostdeutschen die Welt, in der sie aufgewachsen sind.

Zwei westdeutsche Altlinke, die als Osterklärer Karriere machen

Dabei erzählte er gerne, dass er diese Welt selbst kennengelernt hat, bei Besuchen der „Endzeit-DDR“. Mit einer Gruppe linker Freunde überquerte er regelmäßig die Grenze, zu einer Silvesterfeier in Saalfeld kamen 35 Leute aus dem Westen, sogar eine Band war dabei. Im Sommer 1989 durfte Annas nicht mehr einreisen. Der Spaß war vorbei. Die Mauer fiel. Annas zog nach Südafrika, schlug sich als freier Journalist durch, schrieb über Jazz, Sport, Politik, Popkultur, bevor er mit dem Krimischreiben begann. Die ersten Bücher spielten in Südafrika, der Durchbruch gelang ihm, als er die Handlungen in die ehemalige DDR verlegte. 

Er habe nach vielen prägenden Erfahrungen bei seinen Ausflügen nach Ostdeutschland mit der DDR „noch eine Rechnung offen gehabt“, sagte Annas einmal der Idsteiner Zeitung. Es klingt, als rede er über eine enttäuschte Liebe. Das verbindet ihn mit Harry Waibel, dem Historiker aus Südbaden, der die Mordtheorie vor Annas verbreitete und der sich seit 30 Jahren an seiner Enttäuschung abarbeitet, dass es auch im selbst erklärten antifaschistischen Staat Rassismus und Neonazis gab.

Zwei westdeutsche Altlinke, die als Osterklärer Karriere machen. Mitunter scheinen sie sich in Ostdeutsche zu verwandeln. So erklärte Annas in einem Interview zum 30. Jahrestag des Mauerfalls einem ostdeutschen Journalisten: „Der Westblick definiert den Osten.“ Er kritisiert genau das, was er selbst tut. 

Er schreibe Fiktion, da er True Crime nicht interessant finde

Zum Fall Diogo befragt, warum der Roman als wahre Geschichte verkauft wurde, wie er den Fall recherchiert hat, ob ihm nie Widersprüche aufgefallen sind, ist von so viel Selbstreflexion allerdings nichts zu spüren. Der Schriftsteller antwortet per Mail: Sein Buch sei ein Roman und auch als solcher markiert. Er schreibe Fiktion, da er True Crime – „gerade sehr en vogue“ – nicht interessant finde. Der Roman sei Manuel Diogo gewidmet, weil sich um dessen Fall seit langem eine exemplarische Diskussion drehe zwischen „DDR-Funktionären“ und „AktivistInnen“. Wen er damit meint, wer die „DDR-Funktionäre“ sein sollen, wer die „AktivistInnen“, wo es diese Diskussionen gibt und warum sie exemplarisch sein soll, schreibt er nicht. Er wirkt genervt wie Politiker, die Vorwürfe gegen sich aussitzen wollen. Auf die letzte Nachfrage vom März 2021, was er zum Ergebnis der Staatsanwaltschaft sage, antwortet er gar nicht mehr. 

Max Annas' Verlag, Rowohlt, bedankt sich derweil bei der Berliner Zeitung für die Nachfrage und teilt knapp mit: „Die entsprechende Formulierung im Klappentext und auf der Website des Verlages wurden zwischenzeitlich bereits geändert.“ Das stimmt insofern, als dass auf der Website nun steht: „Ein packender Kriminalroman, der Auftakt einer Serie, ein Buch, das weit über die achtziger Jahre und die DDR hinausgeht.“ Und auf dem Klappentext wird die FAZ damit zitiert, dass Annas im dreißigsten Jahr der Wiedervereinigung „angesichts der politischen Lage im Osten nachgerade punktlandet“ und Radioeins den Roman als „ein sehr geiles Buch“ bezeichnet.

Aber eine Korrektur, die für den Leser als solche zu erkennen ist, ein Hinweis darauf, dass der Mann, dem der Roman noch immer gewidmet ist, nicht Opfer eines Verbrechens wurde, sondern bei einem Unfall starb, gibt es nicht. Auch der Deutsche Krimipreis weist gegenüber der Berliner Zeitung lediglich darauf hin, der „Literaturpreis“ werde „ausschließlich aufgrund *ästhetischer Kriterien* vergeben“. Vom Crime Cologne Award gibt es gar keine Antwort.

Ich glaube, dass Fakten gegen den Zeitgeist fast ohnmächtig sind.

Günter Gaus, Journalist

So berühmt Manuel Diogo als Neonazi-Opfer wurde, als Beispiel für die Verbrechen und Lügen des DDR-Unrechtsstaats, so still ist es nun um ihn, da feststeht, er ist „nur“ bei einem Unfall gestorben. Seine Geschichte war groß, wichtig, politisch, solange sie in die Geschichten ihrer Erzähler passte, solange der tote Mosambikaner ihre schwarz-weißen Vorstellungen und Einstellungen bediente. Eine ernüchternde Erkenntnis. Neu ist sie nicht. „Ich glaube, dass Fakten gegen den Zeitgeist fast ohnmächtig sind“, sagte der Journalist Günter Gaus einmal in einem Gespräch über die DDR-Geschichtsschreibung. Das war 1995.

Max Annas will aus seinem Bestseller „Morduntersuchungskommission“ eine Serie machen. Vor einem halben Jahr ist der zweite Teil erschienen, der wieder in der DDR spielt, wieder in Thüringen, diesmal in der Punkszene. Die Zeit spricht in ihrer Rezension von einem der „spannendsten literarischen Projekte der letzten Jahre“. Im österreichischen Standard werden die DDR-Geschichten des westdeutschen Krimiautors als das neue „Babylon Berlin“ bezeichnet. Und der „Bücheratlas“ bescheinigt dem Autor, ein hervorragender Kenner des DDR-Alltags zu sein.