Brüssel - Das Büro ist klein, die Bücherregale sind groß – und weitgehend leer. Ein mehrbändiges Lexikon, einige Sachbücher. „Die Abwracker – wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielen“ heißt eines der Bücher im Europaparlamentsbüro des AfD-Politikers Marcus Pretzell. Es ist eine Wutschrift gegen die etablierte Politik in der Finanzkrise. Autor ist der frühere BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, der gemeinsam mit Pretzell für die AfD ins Europaparlament einzog, die Partei aber inzwischen verlassen hat – weil sie aus seiner Sicht zu einer „NPD light“, ja, zu „einem Monster“ geworden ist. Pretzell klappt das Buch des einstigen politischen Weggefährten und heutigen erbitterten Gegners auf. Henkel hat es damals für ihn signiert, aber Pretzell zeigt auf einen Fehler. Henkel hat seinen Namen falsch geschrieben. Dort steht Markus mit k, nicht mit c.

Marcus Pretzell hat es schon so manchem gezeigt. Bernd Lucke, der AfD-Gründer, der die Macht in der Partei nicht mit ihm und anderen teilen wollte, hat diese voll und ganz verloren. Lucke hat die AfD verlassen und ist jetzt Vorsitzender der erfolglosen Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Alfa). Henkel ist mit ihm gegangen. Ebenso viele der Professoren, die Lucke in die Partei gelockt hatte. Viele von ihnen meinten, sie hätten den größten ökonomischen Sachverstand. Jetzt sind sie politisch bedeutungslos.

Gemeinsame Inszenierung mit Frauke Petry

Pretzell, 42, nimmt nicht nur als Europaabgeordneter, sondern auch als Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen eine Schlüsselrolle in der AfD ein, die gerade große Wahlerfolge feiert. Am Wochenende soll auf dem Bundesparteitag in Stuttgart ein neues Parteiprogramm verabschiedet werden. Pretzell dürfte als Lebensgefährte von Parteichefin Frauke Petry auch einer ihrer wichtigsten Berater sein. Mit vereinten Kräften haben sie Lucke als Parteichef gestürzt. Gemeinsam und mit Freude an der Inszenierung präsentieren sie sich auch öffentlich, ob beim Bundespresseball in Berlin oder im Interview mit der Illustrierten Bunte.

Eis und „Dexit“

Pretzells parlamentarischer Arbeitsplatz ist überschaubar glamourös: Er und sein Team haben drei kleine, nebeneinanderliegende Büros im Europaparlament – mit Ausblick auf Brüsseler Beton. Pretzell steht im Türrahmen. Er trägt Jeans, hellblaues Hemd, dunkelblaues Sakko und, wie so häufig, einen Dreitagebart. „Ich bin eigentlich keiner, dem es von Natur aus Spaß macht, auf einem Parteitag hinter dem Rednerpult zu stehen“, sagt er. Er macht eine Pause, zieht den Mundwinkel zu einem Lächeln hoch. Und ergänzt: „Man gewöhnt sich aber schnell daran.“