Maria Kolesnikowa (links), eine der Oppositionsführerinnen von Belarus, formt am 30. August 2020 in Minsk während eines Protestmarsches ein Herz mit ihren Händen.
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MinskWar es nicht Aristoteles, für den die Aristokratie die höchste aller Regierungsformen war, eine Regierung durch die Klügsten? In Belarus könnte es zu einer Symbiose zwischen den besten aller möglichen Welten kommen, sollte Lukaschenko endlich abdanken und den Weg frei machen für Neuwahlen: zu einer demokratisch gewählten Regierung mit den klügsten Köpfen an der Spitze des Landes.

Maria Kolesnikowa ist eine davon. Sie plant jetzt die Zeit nach Lukaschenkos Abgang. Die 38-jährige Musikerin, die zu einem der zentralen Gesichter der Proteste geworden ist, hat verkündet, die Partei „Wmestje“ (zu Deutsch: „Zusammen“) gründen zu wollen. Die Partei soll mit dem Oppositionsrat zusammenarbeiten und eine Verfassungsänderung in Gang bringen. All das sind Schritte, um dem aktuellen Protest eine Struktur zu geben.

Wie die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowska, die aktuell im Exil in Litauen verweilt, ist auch Maria Kolesnikowa eher zufällig Politikerin und Aktivistin geworden. Die 38-Jährige hat Querflöte und Dirigat in Minsk studiert, zwölf Jahre lang in Deutschland gelebt und sich eine Existenz als Musikerin zwischen den Welten aufgebaut.

Zugleich war sie mit dem Banker Wiktor Babariko befreundet. Der Mann, der später zu einem der aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten in Belarus werden sollte, hat die Flötistin überzeugt, in die Heimat zurückzukehren und dort das Kunstzentrum OK-16 zu leiten. Kolesnikowa sagte zu – und wurde nebenbei Babarikos Kampagnenchefin.

Nachdem der Banker von Lukaschenko verhaftet worden war, rief Kolesnikowa zum Protest auf. Seitdem verteidigt sie mit größtem Risiko für Leib und Leben die Freiheitsrechte der Belarussen. Anders als Swetlana Tichanowska hat sie das Land nicht verlassen. Jeden Tag steht sie auf der Straße und solidarisiert sich mit Tausenden Demonstranten, die friedlich für ihre Rechte eintreten. Dabei trägt sie weißes T-Shirt, roten Lippenstift und beweist mit ihrer Präsenz, was die Proteste in Belarus im Kern ausmacht: Sie sind weiblich, jung, friedlich, zukunftsgewandt und undogmatisch. Es ist schwer, sich von so einem Kampfgeist, für den auch Kolesnikowa steht, nicht anstecken zu lassen.