Berlin - Unter den Autoren von Welt ist Mario Vargas Llosa eine Klasse für sich, wenn es um seriöse Eleganz geht. Für das nüchterne Besprechungszimmer im Frankfurter Schauspielhaus, in dem wir verabredet sind, ist er womöglich ein wenig zu fein gewandet. Doch zwei Stunden später wird er ja auf der Bühne vor ausverkauftem Haus auftreten. Da passt der dunkle Anzug schon sehr gut. Kurz geht sein Blick hinaus zu den Bankentürmen, in denen sich eine milde Spätnachmittagssonne spiegelt. Dann setzt er sich ans Kopfende des langen weißen Tisches und drückt sein Kreuz durch. Seine Hände, die sich an den Fingerkuppen berühren, wird er nur ab und an einmal lösen, um mit einem sanften Schlag auf den Tisch eine Antwort zu unterstreichen. Das Wasserglas rührt er nicht einmal an. Ein "klassischer" Mario Vargas Llosa: Hoch konzentriert, äußerst verbindlich und selbst dann noch Interesse signalisierend, wenn ihm zum 3 000. Mal eine Frage zum Nobelpreis gestellt wird.

Herr Vargas Llosa, vor einem Jahr haben Sie den Literaturnobelpreis erhalten. Hat sich der Wirbel, der daraufhin losgebrochen ist, mittlerweile gelegt?

Noch nicht. Aber das wird bald der Fall sein. Meine Hoffnung ist, dass die Verfolgung durch die Medien Ende des Jahres nachlässt. Dann werde ich mich wieder ganz meiner Arbeit widmen und mein gewohntes Leben führen können. Dazu gehören Ruhe und Disziplin. Dieses Jahr war die permanente Ausnahmesituation.

Aber Sie beklagen sich nicht, die höchste Auszeichnung der literarischen Welt erhalten zu haben?

Auf keinen Fall. Denn auf der anderen Seite war es eine große Überraschung - es war wie ein Märchen, das wahr wird.

Drei Jahre lang haben Sie an ihrem neuen Roman "Der Traum des Kelten" gearbeitet, der von dem Freiheitskämpfer Roger Casement handelt. Den hat es tatsächlich gegeben. Wo würde sich Casement heute engagieren?

Ich bin überzeugt davon, dass er sich auch heutzutage sehr stark für die Menschenrechte einsetzen würde. Vermutlich hätte er die Freiheitsbewegungen in der arabischen Welt mit großem Enthusiasmus unterstützt. Gewiss würde er sich auch weiterhin in Afrika engagieren. Denn die Lage dort hat sich nicht entscheidend verbessert. Ich will nicht sagen, dass die Lage im Kongo heute schlechter ist als in der Kolonialzeit - aber sie ist furchtbar. Statt eines funktionierenden Staates gibt es Korruption und Ausbeutung.

Und wie sieht es im Amazonas-Gebiet aus?

Nicht so schlimm wie vor 100 Jahren. Aber die Kulturen der Ureinwohner schrumpfen aufgrund der sehr schlechten Lebensverhältnisse immer mehr. Das große Problem, das zu Casements Zeit noch nicht existierte, ist die Drogenindustrie - diese zerstört die Natur, die Menschen, die Kulturen.

Sie selbst haben Ende der 50er-Jahre an einer Expedition zu Indianerstämmen am oberen Maranón teilgenommen. War Ihnen Roger Casement damals schon ein Begriff?

Überhaupt nicht. Ich bin erst vor wenigen Jahren auf ihn aufmerksam geworden, als ich in einer Biografie über Joseph Conrad las, wie wichtig Casement für den Autor von "Herz der Finsternis" gewesen ist. Erst dadurch habe ich erfahren, dass Casement die Grausamkeiten der Ausbeuter im Kongo und am Amazonas so detailliert dokumentiert hat. Als ich mich mit seinem abenteuerlichen Leben intensiver beschäftigte, begriff ich, dass er ein perfekter Charakter für einen Roman ist. Das Schreiben wurde dann auch für mich ein Abenteuer, weil ich all das nicht wusste.

Wohin bewegt sich Lateinamerika politisch?

Ich glaube, dass jetzt der Moment gekommen ist, dass viele, vielleicht sogar die meisten lateinamerikanischen Staaten erstmals seit vielen Generationen auf dem Weg in die richtige Richtung sind.

Welche Richtung ist das?

Statt Militärdiktaturen oder kommunistischen Diktaturen haben wir Demokratien. Es sind noch unvollkommene Demokratien. Aber die Regierungen sind aufgrund mehr oder minder freier Wahlen zustande gekommen. Und erstmals herrscht Konsens darüber, dass die Marktwirtschaft geschützt werden muss und private Investitionen sich lohnen. Viele bewegen sich sehr rasant Richtung Modernisierung - Brasilien, Kolumbien, Chile und jetzt auch Peru. Das gilt - mit Ausnahme von Nicaragua - auch für Mittelamerika. Zwar ist dort die Kriminalität und die Drogenproblematik groß, aber die Wirtschaft erholt sich allmählich.

Sind Sie immer noch davon überzeugt, sich nicht noch einmal um die Präsidentschaft in Peru zu bewerben?

Das kommt nicht noch einmal vor. Das war eine große Ausnahme. Ich bin ein Schriftsteller und kein Politiker. Ich nehme teil an den intellektuellen Debatten unserer Zeit, weil ich das als Facette meines Berufs verstehe. Aber um Politiker zu sein, muss man auch den entsprechenden Appetit haben. Den aber habe ich nicht.

Damals hatten Sie den Appetit?

Es war eine ganz besondere Situation. Peru schien politisch und ökonomisch zu kollabieren. Ich habe mich in erster Linie aus moralischen Gründen engagiert und nicht so sehr aus politischen.

Kann ein Schriftsteller einflussreicher sein als ein Präsident?

Schwer zu sagen. Die beiden agieren ja auf unterschiedlichen Ebenen. Die Politik kann sofort Dinge verändern, die Literatur wirkt eher im Verborgenen. Aber auf lange Sicht gesehen glaube ich, dass Bücher, dass Ideen einen nachhaltigeren Eindruck hinterlassen als die Politik.

"Literatur ist Feuer" haben Sie gesagt, als Sie 1967 den Romulo-Gallegos-Preis in Caracas erhielten.

Das ist noch immer meine Überzeugung. Literatur bildet die Menschen, regt die Vorstellungskraft an, steigert die Sensibilität, fördert den kritischen Blick auf die Gesellschaft. Genau solche Menschen braucht die Demokratie.

Als Sie vor 15 Jahren den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielten, lobten Sie die politisch engagierten Autoren. Doch zugleich meinten Sie, dass solche "escritores comprometidos" Dinosaurier seien. Sterben diese allmählich aus?

Nicht vollkommen. Es gibt sie noch und sie kämpfen. Aber ich glaube, dass im Allgemeinen der gesellschaftliche Trend gegen Intellektuelle ist. Der richtet sich gegen die Vorstellung, dass Intellektuelle eine Rolle in der Gesellschaft spielen sollen. Ideen werden heute nicht mehr so wichtig genommen. An ihre Stelle treten mehr und mehr die Bilder. Das Buch zieht sich zurück, der Bildschirm gewinnt an Boden. Wir bewegen uns zu auf eine Kultur des Entertainments. Wir wollen nicht mehr von Ideen irritiert werden, sondern wir wollen uns lieber amüsieren. Das Leben scheint vielen viel zu kompliziert zu sein: Wenn sie nicht arbeiten müssen, wollen sie sich amüsieren.

Wohin führt uns solche Lust auf Leichtigkeit?

Das ist sehr gefährlich. Wenn die elektronischen Spielgeräte dominieren und die Ideen verschwinden, kann alles passieren. Dann ist nicht auszuschließen, dass die Techniker die Herrschaft übernehmen und die Gesellschaft manipulieren.

Das klingt bitter. Können wir diese Entwicklung nur tatenlos bestaunen?

Nein. Wir müssen einfach mehr Wert auf die Erziehung legen. Wir gehen sehr nachlässig mit dem Besten um, was die westliche Welt zu bieten hat - mit der Demokratie, den Menschenrechten, der Individualität, der Freiheit. Wir sind dabei, diese Tradition zu marginalisieren zugunsten der puren Unterhaltung, der Frivolisierung und Banalisierung. Die Freiheit kann durch diesen Unterhaltungstaumel im Innersten beschädigt werden.

Sie selbst wurden in Arequipa geboren. Das ist die Stadt, so haben Sie einmal verraten, mit den meisten Revolutionen in ganz Peru.

Das stimmt: Arequipa hält in Peru den Revolutions-Rekord. Allerdings ist es dort in den letzten Jahrzehnten deutlich ruhiger geworden.

Hat Sie dieser Widerstandsgeist geprägt?

Ich weiß es nicht genau. Tatsächlich habe ich da lediglich ein Jahr lang gelebt und bin dann nur noch als Besucher zurückgekehrt. Aber wahrscheinlich war dieser rebellische Geist tief verwurzelt in meiner Familie mütterlicherseits. Und den habe ich geerbt.

Von den Arequipenos heißt es, dass sie ab und an unter einer besonderen Art der Übellaunigkeit litten, der "Nevada". Werden Sie von der zuweilen auch heimgesucht?

In dieser Hinsicht bin ich ein echter Ariquipeno. Die Nevada habe ich auch von Zeit zu Zeit.

Was machen Sie dann?

Dann schreibe ich. Denn das ist die beste Therapie gegen diese Art von Neurose.

Üble Laune bekommen viele Menschen derzeit wegen der Finanzkrise. Wie beurteilen Sie die aktuellen Verwerfungen?

Im Zentrum des Finanzsystems wurden viele Nachlässigkeiten toleriert und Fehler gemacht, die beinahe zum Kollaps geführt hätten. Aber das liegt nicht am System, sondern an unserer Verantwortungslosigkeit. Es ist deutlich geworden, dass die Marktwirtschaft - die so effizient ist bei der Hebung des Wohlstands und der Schaffung von Arbeitsplätzen - ins Chaos zu fallen droht, wenn sie sich freimacht von Moral und Werten. Solche Gier nach Geld und Macht kann die Basis der Demokratie zerstören.

Was können wir tun?

Das ist immer noch das beste System, das es gibt. Aber wir müssen ihm wieder moralische Werte injizieren. Sonst gibt es einen darwinistischen Krieg, indem die Schwachen untergehen. Es ist für mich kein ökonomisches, sondern ein moralisches Problem.

Wenn das Problem nicht gelöst wird: Könnte es zu einem Revival des Kommunismus kommen?

Im Moment sieht es nicht danach aus. Doch schauen Sie sich die jungen Leute an, die gut ausgebildet sind, aber keine Jobs finden. Wie sollen die an ein System glauben, wenn es sie ausschließt? Daher werden zuweilen die populistischen Parolen wiederholt, die weltweit widerlegt worden sind. Wir brauchen eine tiefgreifende Reform.