Berlin - Es ist Montagmittag, Martin Delius steht im Foyer des Abgeordnetenhauses. Er hat einem Fernsehteam gerade ein längeres Interview gegeben, ein Radiojournalist wartet schon. Alle wollen wissen, wie der Pirat das denn nun gemeint hat mit dem Vergleich von Piraten-Partei und NSDAP. Er sieht erschöpft aus, unrasiert, mit roten Augen. Noch eine Zigarette, dann das nächste Interview. Delius schont sich nicht.

Seit sieben Monaten sitzt Delius, 27 Jahre alt, im Berliner Landestag. Bisher wirkte der Softwareentwickler eher wie einer der vernünftigen Piraten, er trat als parlamentarischer Geschäftsführer besonnen auf, argumentierte betont sachlich, fast dröge. Nun brauchte es nur einen unbedachten Satz, um diesen Eindruck zu verwerfen.

In einem Gespräch mit einer Spiegel-Journalistin hatte er das Wachstum der Piraten mit dem „rasanten Aufstieg der NSDAP zwischen 1928 und 1933“ verglichen. Am Wochenende erschien das Magazin. Seitdem tobt das, was die Piraten einen Shitstorm nennen, eine Welle öffentlicher Empörung.

Delius hat sich entschuldigt, den Fehler eingestanden, doch so schnell legt sich ein Shitstorm nicht, zumal im Moment eine Debatte um die Piraten und ihren Umgang mit rechtem Gedankengut tobt. Für die etablierten politischen Parteien ist Delius’ Satz ein Geschenk, alle machten sich über ihn her, spotteten über seine Naivität. Auf dem Nachrichtendienst Twitter hauten wahlkämpfende Parteifreunde aus Schleswig-Holstein auf ihn ein. Seine Kandidatur als Bundesgeschäftsführer zog Delius zurück.

Oft geben Politiker den Journalisten die Schuld, wenn ihnen Unsinniges herausgerutscht ist, „falsch zitiert“, „aus dem Zusammenhang gerissen“, heißt es dann. Delius steht zu seinem Fehler. Der Satz sei am Ende eines Gesprächs über das Wachstum der Piraten so gefallen, sagt er im Abgeordnetenhaus.

„Ich hätte den Satz zurückziehen müssen, das ist mir heute klar“, sagt Delius. Die beiden Parteien seien nicht vergleichbar. „Wir haben keine strukturellen inhaltlichen oder historischen Gemeinsamkeiten. Das wollte ich auch nie andeuten“, erläuterte er auf seiner Website.

Die Schattenseite der Transparenz

Er hat das Interview nicht autorisieren lassen vor der Veröffentlichung, wie das unter Politikern üblich geworden ist. Er wollte nicht wie die anderen sein, Pressefreiheit war für ihn wichtig. Nun lernt er die Schattenseiten der Transparenz kennen. Und die Härte des Politikbetriebs.
Dabei ist Delius schon rein äußerlich zu anzusehen, dass rechtes Gedankengut ihm fern liegt. Er trägt keine Glatze, sondern einen Pferdeschwanz. In seiner Jugend im brandenburgischen Neulübbenau engagierte sich der gebürtige Hallenser ehrenamtlich gegen Rechtsextremismus, studierte später Physik an der TU Berlin. Vor zwei Jahren organisierte er für das linke Bündnis den Bildungsstreik mit.
Er werde weiter dagegen kämpfen, „dass aus dem Wachstum und den offenen Strukturen, die wir haben wollen, diskriminierende, totalitäre oder auch nur klassisch parteipolitische Strukturen werden“, schreibt er auf seinem Blog. Er will den Shitstorm aushalten.