Würselen - Es ist frühlingshaft warm in Würselen. An den Straßenrändern liegen noch ein paar Schneebatzen, die langsam in der Sonne schmelzen. Verklinkerte Häuser, alte Höfe, viel rotbrauner Backstein, eine überschaubare Einkaufsstraße, in der sich zur Mittagszeit nur einige wenige Hausfrauen verlieren.

Schulz war elf Jahre lang Bürgermeister seiner Heimatstadt

Knapp 36.000 Einwohner hat der Ort bei Aachen, zwei Buchhandlungen und acht Pfarreien. Hier also ist Martin Schulz, frisch gekürter Kanzlerkandidat der SPD, aufgewachsen. Hier ist er – im damals erzkatholischen Heilig-Geist-Gymnasium im Stadtteil Broich – ein paar Jahre zur Schule gegangen, bis er 1974 nach zweimaligem Sitzenbleiben seine Schulkarriere beendete. Hier hat er sich fast um den Verstand gesoffen und dank seines engagierten Bruders und ebensolcher Freunde wieder gefangen.

Ein Guter sei der Martin, erzählt man in Würselen, wo Schulz von 1987 bis 1998 Bürgermeister war. Einer, der seine Familie liebe und sich seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden fühle. Der aus Berlin zur Beerdigung eines alten Freundes einfliege und in seiner Freizeit gern mal, angetan mit einer alten Strickjacke, im Supermarkt einkaufen gehe.

Silvester habe man sich zuletzt gesehen, sagt Andreas Dumke, 51, Stadtverbandsvorsitzender der SPD in Würselen. Ganz privat, von Nachbar zu Nachbar. „Wir haben uns zugewinkt und ein frohes neues Jahr gewünscht. Was kommen würde, wusste ja keiner.“ Dumke hat sich freigenommen an diesem Mittwoch, einen Tag, nachdem die Kanzlerkandidatur des Genossen bekannt wurde.

Anfang der 80er gründete Schulz eine Buchhandlung

Wir sitzen in einem Besprechungsraum des neuen Rathauses am Morlaixplatz. Die Presseanfragen häufen sich, gerade erst war ein Kamerateam da. Ehefrau Martina Schillings verweigere inzwischen alle Interviewanfragen, sagt Dumke. Sie hat vor 25 Jahren die Buchhandlung in der Kaiserstraße übernommen, die Schulz, der ausgebildete Buchhändler, Anfang der 1980er Jahre zusammen mit seiner Schwester Doris in Würselen gegründet hat.

Eine wahnsinnige Überraschung sei die Nachricht von Martins Kandidatur gewesen, versichert Dumke und strahlt, als sei er selber gerade nominiert worden. „Die Genossinnen und Genossen der Region sind total euphorisch und haben jetzt eine Riesenlust auf Wahlkampf.“ Natürlich sei die Wahl von Schulz richtig. „Der Mann hat viel Erfahrung. Er ist freundlich, offen und will als einer aus dem Volk verstanden werden. Der grüßt jeden hier, und die Leute sagen von ihm: Das ist unser Martin.“

Dumke muss das wissen: Man kennt sich seit mehr als 30 Jahren. Sein Jugendfreund Jürgen ist ein Neffe von Schulz. In Würselen, sagt Dumke, kenne jeder jeden, was durchaus seine Vorteile habe. „Eines Tages hat Jürgen mich zu seinem Onkel in die Buchhandlung geschleppt“, erinnert er sich an seine erste Begegnung mit dem Kanzlerkandidaten seiner Partei. 18 war er damals, Schulz zehn Jahre älter. „Wir haben zusammengesessen, Kaffee getrunken und endlos über Politik gequatscht.“ Anschließend ist Dumke in die SPD eingetreten. „Weil der Martin einen überzeugen kann. Der lebt das richtig und gibt einem das Gefühl, das kannst was schaffen, auch wenn du nicht aus New York, sondern aus Würselen kommst.“

Die Würselener finden nur gute Worte für „ihren Martin”

Zwei Zimmer weiter, in Raum 112, residiert Arno Nelles (SPD), 62, seit 2009 Bürgermeister der Stadt. Auch er findet nur gute Worte für Würselens derzeit wohl populärsten Bürger. „Der kann die Menschen mitnehmen und würde einen guten Kanzler abgeben.“ Der schwere Schreibtisch im Bürgermeisterzimmer ist noch der gleiche wie zu Schulz’ Zeiten. „Würselen ist eine sparsame Stadt, da halten die Möbel schon mal 30 Jahre.“ Hinter Nelles hängt das Stadtwappen, auch das war bereits an seinem Platz, als Schulz in Raum 112 Entscheidungen traf, die nicht jedermann gefielen.

Da war beispielsweise die Sache mit dem Spaßbad „Aquana“, dessen Bau Schulz gegen den Willen zahlreicher Bürger durchboxte. Für den kostspieligen Neubau musste das alte Bad weichen. Harald Gerling, 71, war damals Kassierer einer Bürgerinitiative, die die Pläne von Schulz torpedieren wollte. Der gelernte Bäckermeister kann sich noch lebhaft an die Diskussionen und Protestveranstaltungen erinnern, die Würselen damals erschütterten. „Danach war Schulz weg vom Fenster.“ Und habe sich nach dem Wahlsieg der CDU in Würselen jahrelang auf keiner Veranstaltung mehr blicken lassen. Was die Genossen von der SPD auf Nachfrage übrigens vehement bestreiten.

Gerling ist Mitglied der CDU und war zehn Jahre lang stellvertretender Bürgermeister von Würselen. Mit Schulz, versichert er, sei er trotzdem gut ausgekommen. Der habe die Erschließung des nahen Gewerbegebiets vorangetrieben, Arbeitsplätze geschaffen und auch ansonsten viel angepackt. „Natürlich habe ich ihn damals bekämpft. Aber wenn ich ihn jetzt im Fernsehen reden höre, denke ich: Hast gut geredet, Jung. „Da kann Würselen stolz drauf sein.“

Ein Leben, von Brücken gezeichnet

Das Leben des Martin Schulz, das mag auch in Würselen niemand bestreiten, ist in seinen Anfängen durchaus von Brüchen gezeichnet. Geboren am 20. Dezember 1955 als Sohn eines Polizisten, in den ersten Jahren seines Lebens aufgewachsen in der Polizeistation im nahen Hehlrath. Die Schulkarriere nicht von Erfolg geprägt.

Einer, der ihn seit seinem sechsten Lebensjahr kennt, ist Manfred Zitzen, 63. In der Grundschule, die damals noch Volksschule hieß, war er zwei Klassen weiter als Schulz, doch man traf sich nach dem Unterricht auf der Straße zum Fußballspielen. „Wir hatten eine Straßenmannschaft und haben uns regelmäßig auf einem Platz neben dem Fußballclub getroffen“, erinnert sich Zitzen. „Heute stehen dort Einfamilienhäuser.“

Später traf man sich beim Fußballclub Rhenania Würselen wieder. Schulz war hier nach einer Verletzung, die seine Fußballkarriere beendete, eine Zeitlang Linienrichter. „Nach den Spielen sind wir oft zusammen einen trinken gegangen.“ Schulz geriet das zum Verhängnis – er wurde Alkoholiker und brachte sich selber an den Rande des Selbstmords. Mit 24 habe er Schluss machen wollen, erzählte Schulz selber vor einigen Jahren in einem Interview mit dem „Spiegel“. Zitzen kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als der Freund mit seinen Dämonen kämpfte. „Ich habe ihn damals sehr dafür bewundert, dass er es geschafft hat, vom Alkohol los zu kommen. Ich bin nicht sicher, dass ich die Kraft dafür gehabt hätte.“

Die Freundschaft überdauerte das Tief des Martin Schulz. Sie überdauerte die politische Karriere eines Mannes, den Zitzen „ehrgeizig, mutig und ehrlich“ nennt. Den er, wie alle hier in Würselen, gern als Bundeskanzler sehen würde. Jahrelang habe man sich mit den Ehefrauen und einem weiteren befreundeten Paar zum Kochen getroffen, sagt Zitzen. Die Treffen sind seltener geworden in den vergangenen Jahren. Zitzen bedauert das. „Wir sind verbunden durch eine Freundschaft, die aus Zeitgründen immer seltener gelebt werden kann. Aber egal was ist: Wenn einer den anderen braucht, dann ist Martin zur Stelle.“ Selbst wenn er Bundeskanzler würde.