Bielefeld - Martin Schulz braucht zurzeit nicht viel zu tun, um auf einer SPD-Veranstaltung Jubel auszulösen. Es reicht, wenn er zuversichtlich lacht. Wenn er „Gerechtigkeit“ sagt. Wenn er erklärt, dass er die SPD zur stärksten Partei machen will. Doch auf der Arbeitnehmerkonferenz seiner Partei in Bielefeld bekommt Schulz den größten Applaus für etwas anderes.

„Ich sage das ausdrücklich: Auch wir haben Fehler gemacht“, sagt der SPD-Kanzlerkandidat, der zuvor kritisiert hat, wie stark neoliberales Denken in die Politik eingedrungen sei. „Fehler zu machen, ist nicht ehrenrührig. Wichtig ist: Wenn Fehler erkannt werden, dann müssen sie korrigiert werden.“ Noch bevor Schulz diese Sätze zu Ende gesprochen hat, nehmen einige im Publikum die Hände zum Applaus hoch. Es gibt vereinzelte Pfiffe – keine abwertenden, sondern solche, wie ein Macho sie ein hübschen Frau hinterherjagt.

Die Menschen in der Stadthalle Bielefeld, am Willy-Brandt-Platz 1 – mehr als 750 haben sich zu der Konferenz angemeldet – wissen, worum es geht: Schulz will der Agenda 2010 des früheren Kanzlers Gerhard Schröder (SPD), die für viel Bewegung auf dem deutschen Arbeitsmarkt gesorgt hat, etwas von ihren Härten nehmen. Er erzählt, wie er vor einigen Tagen bei einer Betriebsbesichtigung mit einem 50-Jährigen gesprochen habe, der seit seinem 14. Lebensjahr dort arbeite. „Der Mann hat Angst“, sagt Schulz. „Wenn er seinen Job verliert, bekommt er 15 Monate Arbeitslosengeld. Danach geht es an seine Existenz.“ Und: „Menschen müssen mit Respekt und Anstand behandelt werden, wenn sie ihre Arbeit verlieren.“

Martin Schulz will SPD mit sich selbst versöhnen

Auf diese Weise will Schulz als Kanzlerkandidat für die SPD bei den Wählern punkten. Und er will als künftiger Vorsitzender der Sozialdemokraten die Partei mit sich selbst versöhnen – indem er weitere Änderungen an der Agenda-Politik vornimmt. Denn die Verkürzung der Dauer des Bezugs von Arbeitslosengeld I haben ja damals Schröder und die SPD durchgesetzt. Wie die Änderung jetzt genau aussehen soll, sagt Schulz aber nicht.

Das Setting, indem Schulz spricht, soll symbolisieren, dass SPD und Arbeiter eng zusammenfinden. Hinter dem Rednerpult ist ein Gerüst aufgebaut. In ihm steht eine Schubkarre von Müllwerkern, der Wagen einer Putzfrau, ein Schreibtisch mit Ordnern – und dort hängt eine Feuerwehruniform. Schulz spricht predigthaft, im angehnehmen rheinischen Singsang. Er beherrscht die ruhigen Töne. Er kann aber auch mitreißend laut werden. Das macht er vor allem, wenn es um den Kampf gegen Rechts geht. Und an diesem Tag auch, wenn er mehr Mitbestimmung für Arbeitnehmer fordert und ruft: „Wir wollen auch mehr Demokratie in den Betrieben und Unternehmen.“

Wegen Martin Schulz: SPD erlebt Beitrittsboom

Bislang geht es auf, wie Schulz seine Kampagne anlegt. Umfragen sehen die SPD stabil bei 30 Prozent. Seit der Bekanntgabe seiner Kandidatur hat es viele Parteieintritte gegeben. Laut Generalsekretärin Katarina Barley gehen der SPD sogar die Parteibücher aus. Bis belastbare Zahlen vorliegen, wie viele Menschen – landauf, landab – in den vergangenen Wochen in Geschäftsstellen der SPD gegangen sind, um beizutreten, wird noch Zeit vergehen. Doch allein online haben nach Angaben der Partei seit der Nominierung von Schulz bis Mitte Februar mehr als 6100 Menschen einen Mitgliedsantrag gestellt, mehr als 290 pro Tag. Zum Vergleich: Für gewöhnlich liegt der Wert bei 20 bis 25 Online-Anträgen pro Tag. Von denen, die sich online melden, ist die Hälfte unter 35 Jahre alt – bei einem Durchschnittsalter von sonst etwa 60 Jahren in der Partei.

Auch viele, die schon lange der SPD angehören, sind von Martin Schulz sehr angetan. Maud Pagel, 72, ist seit 45 Jahren Sozialdemokratin. Sie verdiente sich ihr Jura-Studium als „das Fräulein vom Amt“ bei der Post und machte im Betriebsrat Karriere. „Der Sigmar konnte gut verhandeln, der hat in der Koalition viel durchgesetzt“, sagt sie. „Aber der Martin, der kann die Wählerschaft besser ansprechen, in der SPD und darüber hinaus.“ Die 72-Jährige ergänzt: „Schulz schaut den Wählern aufs Maul – ich meine das ganz positiv.“ Ihr Mann Wolfgang ist 85 Jahre alt, aber ein Jahr weniger in der SPD. Er sagt nur: „Schulz ist einer, der die Menschen mitnehmen kann.“

Patronage-Vorwürfe bisher ohne Effekt auf Hype um Martin Schulz

Was sagen die beiden dazu, dass Schulz in Brüssel eigene Mitarbeiter über das normale Maß hinaus gefördert haben soll, also zum Vorwurf der Patronage auf Kosten des Steuerzahlers? Kann das noch zum Problem werden für den Mann, der ja immer davon spricht, es gehe ihm um die Sorgen „der hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten“? Maud Pagel sagt, dass sei sicher „nicht ganz so gut“, was Schulz in Brüssel gemacht haben soll. Sie wolle nichts rechtfertigen, was nicht in Ordnung gewesen sei. Sie findet aber: „Wenn die Union gezielt nach Vorwürfen sucht, sollten unsere Leute auch mal schauen, was andere in Brüssel gemacht haben.“

Dem Hype um Schulz haben die Vorwürfe bislang keinen Abbruch getan. Als dieser in Bielefeld nach seiner Rede vom Pult an seinen Platz zurückkehrt, dauert der Applaus so lange, dass er danach noch mehrfach auf die Bühne kommt – wie ein Theaterschauspieler, der sich wieder und wieder den Applaus des begeisterten Publikums abholt. Schließlich sagt er: „Hört auf zu klatschen, sonst bekommt ihr kein Mittagessen.“ Auf seinem Weg aus dem Saal folgen ihm nicht nur Kameras und Mikrofone, sondern auch viele Sozialdemokraten. „Martin, kannst du mein Parteibuch signieren?“, ruft ihm eine junge Frau hinterher, das rote Buch in der Hand. Schulz hört es nicht. „Immerhin standen wir ganz nah bei ihm“, sagt ein junger Mann, der neben der Frau steht.