„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts“, wusste schon der Philosoph Søren Kierkegaard. Irren ist nicht nur menschlich, sondern man kann auch daraus lernen. Das ist eigentlich ein recht simpler Gedanke. Dennoch hat der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz mit dieser Erkenntnis auf der Arbeitnehmerkonferenz seiner Partei in Bielefeld die Menschen geradezu in Verzückung versetzt. Einfach, indem er ehrlich zugab, dass die SPD unter Kanzler Gerhard Schröder bei der Agenda 2010 auch Fehler gemacht hat. „Fehler zu machen, ist nicht ehrenrührig“, sagte Schulz. „Wichtig ist: Wenn Fehler erkannt werden, dann müssen diese korrigiert werden.“ So einfach, so wahr.

Man stelle sich nur mal ein Unternehmen vor, das seine Produktionsabläufe grundlegend umstellt. Es droht ein Riesenschaden, wenn danach nicht alle ausführlich und im Detail darüber sprechen, was besser und was schlechter läuft. Wenn sich stattdessen zwei Lager erbittert gegenüberstehen. Die einen sagen nur: „Alles ist schlecht, wir hätten nie etwas ändern dürfen.“ Die anderen: „Ihr seid doch von vorgestern.“ Auf diesem traurigen Niveau bewegten sich lange Zeit große Teile des Diskurses über die Agenda 2010 in der SPD. Die Sozialdemokraten wirkten wie eine Therapiegruppe, in der die Kommunikation gestört war.

Politik muss Dinge verändern

Die Tatsache, dass es in der Partei an einer nüchternen Kommunikation über die Agenda 2010 lange Zeit weitgehend fehlte, war für die SPD doppelt schlecht. Erstens hielt es sie vielfach davon ab, sich die Erfolge dieser Politik selbstbewusst auf die Fahnen zu schreiben. Viele Experten sind einig, dass Deutschland auch dank der Agenda-Politik besser als andere über Jahre weltwirtschaftlicher Verwerfungen hinweggekommen ist. Deutschland gilt als Vorbild.

Das ist das eine. Das andere ist, dass die SPD in den Jahren ihrer Agonie zu selten die Kraft dafür gefunden hat, rasch in den Blick zu nehmen, wo ihre Reformen Probleme ausgelöst haben. So entstanden Schieflagen durch den übermäßigen Einsatz von befristeten Verträgen. Richtig ist wohl auch: Die kürzere Zahlung des Arbeitslosengeldes I hat gerade bei den über 50-Jährigen größere Verunsicherung ausgelöst, als es der Gesellschaft guttut.

„Die Agenda 2010 sind nicht die zehn Gebote. Niemand, der daran mitgearbeitet hat, sollte sich als Moses begreifen.“ Diese Worte stammen von Gerhard Schröder selbst. Manch einer mag jetzt spotten, Martin Schulz wolle jetzt mit der SPD Probleme lösen, die es ohne die SPD nicht gäbe. Nur: Auch das gehört zum Auftrag von Politik. Sie verändert Dinge und muss anhand der Ergebnisse überprüfen, ob alles richtig war.

Demokratie braucht stabile Volksparteien

Schulz hat mit seinem Vorstoß in Sachen Agenda 2010 ein Signal in die Wähler gesendet. Es lautet: Die SPD will sich zuvorderst wieder um die Interessen der „kleinen Leute“ kümmern. Das ist legitim – und in Zeiten, in denen viele frühere SPD-Anhänger unter die Nicht-Wähler gegangen oder zur AfD abgewandert sind, gut für unsere Demokratie. Die braucht stabile Volksparteien. Klar muss aber auch sein: Mit einigen Veränderungen an der Agenda 2010 mag Schulz Vertrauen zu Wählern schaffen. Doch will er für die Menschen nachhaltig etwas erreichen, muss er inhaltlich viel dickere Bretter bohren – mit einer Politik, die nach vorne gerichtet ist.

Wie sieht das Konzept der SPD zur ständigen Weiterbildung in einer Gesellschaft aus, in der sich aufgrund der Digitalisierung Berufsbilder rasant verändern? Wie will er die Unternehmen dafür gewinnen, dafür in Mitarbeiter zu investieren? Wie schaffen wir einen gesellschaftlichen Wandel, der dazu beiträgt, dass Arbeitnehmer ab 50 nicht mehr fürchten müssen, aussortiert zu werden? Vergangenheitsbewältigung ist gut. Sich nicht um die Zukunft zu kümmern, wäre der größte Fehler.